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Autobranche auf Rüstungsmesse: Der Mercedes-Stern glänzt jetzt auch in olivgrün Lange mied die deutsche Autoindustrie öffentlich das Militärgeschäft. Nun inszeniert sie sich selbstbewusst als Teil der boomenden Waffenbranche.

Tobias Gürtler 18.06.2026 - 15:11 Uhr Die Rüstungsmesse Eurosatory war noch nie so gut besucht wie in diesem Jahr. Foto: picture alliance / Chris Emil Ja„Ready when you are“, lautet der selbstbewusste Slogan an dem Messestand, über dem groß der Mercedes-Stern prangt. Unten poliert eine junge Mitarbeiterin aber noch hastig an den Felgen der ausgestellten Militärfahrzeuge, bevor das Publikum näherkommt. Es ist ein Bild mit Symbolkraft: Die deutsche Autoindustrie will sich auf Europas größter Rüstungsmesse, der Eurosatory, nicht länger verstecken. Das war einmal. Im Jahr 2026 will die Branche auf dem Messegelände nördlich von Paris zwischen Kampfpanzern und Drohnen glänzen.Die Mitarbeiterin mit dem Wischtuch hat viel zu tun, denn das Portfolio am Stand ist groß. Aufgereiht stehen die neuen olivgrünen Hoffnungsträger: der hochgeländegängige Lkw Unimog U5023, der Lkw Zetros 2048A, umgerüstet als Trägerfahrzeug etwa für Drohnensysteme. Das sandfarbene Highlight des Standes aber ist der Zetros 2648A 6x6, auf dessen Windschutzscheibe stolz ein Verweis auf einen Regierungsauftrag geschrieben steht: Anfang des Jahres sicherte sich die Mercedes-Nutzfahrzeugschwester Daimler Truck einen Rahmenvertrag über 7000 dieser Gelände-Lastwagen für die französische Armee.Raus aus dem VerborgenenDie Nutzfahrzeuge des Konzerns fahren seit Jahrzehnten auch für Streitkräfte. Das ist nichts Neues. Neu ist aber die Offenheit, mit der der Konzern sein Rüstungsgeschäft bündelt und vermarktet – offensiv mit olivgrünem Mercedes-Stern. Unter der neuen Dachmarke Daimler Truck Defence will die Konzernschwester jetzt ihre Rüstungsaktivitäten konsequent auf globales Wachstum ausrichten. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Was früher eher ein technischer Sonderfall war – und schon gar kein Prestigeprojekt –, wird jetzt strategisches Geschäftsfeld. Und als solches offensiv vermarktet.Daimler-Truck-Manager und Manager des Partnerunternehmens Roshel posieren in Paris vor Militärfahrzeugen. Foto: Daimler Truck AGBis 2028 soll der Umsatz von Daimler Truck im Militärbereich eine Milliarde Euro erreichen – ein Ziel, das der Konzern aufgrund der hohen Nachfrage nun bereits zwei Jahre früher als ursprünglich geplant anpeilt. „Wir sind wie ein Mittelständler im Großkonzern“, befindet der Chef der neuen Sparte, Dennis Kinzelmann. Er sieht eine „in Anbetracht der erhöhten Nachfrage sehr gute Ausgangsposition“ für das Defense-Wachstum.Glänzende Aussichten also – die so derzeit nur das Militärgeschäft der deutschen Industrie bieten kann. Nicht nur Daimler Truck rückt deshalb näher an die Verteidigungsbranche. Auch der Konzern, der weiterhin als größter Anteilseigner an Daimler Truck fungiert und dessen Stern über dem Messestand in Paris sichtbar bleibt, will seine Aktivitäten im Sicherheits- und Verteidigungsbereich massiv ausbauen: Mercedes-Benz. Volkswagen steckt seine Ansprüche ebenfalls ab. Und viele der Zulieferer, die die Autobauer sonst beliefern und umso mehr unter deren schwindenen Stückzahlen leiden, sowieso.Mercedes-Benz Rüstung als letzte Chance für das Mercedes-Werk Ludwigsfelde? KNDS soll an dem Transporter-Werk von Mercedes-Benz in Ludwigsfelde interessiert sein. Für das Vans-Werk ist es die womöglich einzige echte Option, als Ganzes zu überleben. von Annina Reimann und Tobias GürtlerKein Wunder: Die Gewinne im zivilen Geschäft stehen unter Druck. Das gilt bei Daimler Truck, wo der Gewinn allein im ersten Quartal 2026 um 80 Prozent auf nur noch 749 Millionen Euro einbrach, genauso wie bei Mercedes, wo der Nettogewinn im vergangenen Jahr um die Hälfte sank. Die Mobilitätswende stockt. Volkswagen etwa stoppte aufgrund geringer Nachfrage zuletzt die ID.4-Produktion in den USA. Gleichzeitig steigen die Verteidigungsausgaben in Europa. Allein Deutschland will seine Verteidigungsausgaben bis 2030 auf 180 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen. Und Fabriken, Lieferketten und Entwicklungsabteilungen der Branche sind auf Auslastung angewiesen.Auch der politische Wille ist da. Deutschland könne es sich schlicht nicht leisten, staatliches Geld für Überkapazitäten in der Autoindustrie auszugeben, während es bei Rüstungsaufträgen einen Rückstau gebe, argumentiert ein Branchenkenner. Für die gebeutelte Autoindustrie gebe es im Rüstungsbereich deshalb jetzt eine „substanzielle Chance“, ist Fabian Brandt vom Beratungshaus Oliver Wyman überzeugt.Auch Volkswagen tastet sich heranAuf der Eurosatory in Paris zeigt Mercedes neben den Lkw der Schwester deswegen in dieser Woche unter anderem ein gemeinsam mit dem Start-up Tytan Technologies entwickeltes Drohnenabwehrsystem. Es besteht aus einem speziell ausgestatteten Sprinter als Kommandozentrale und einer G-Klasse als mobiler Plattform für Radarmasten und Abfangdrohnen. Daneben präsentiert der Autobauer Varianten der G-Klasse für Rettungs- und Sondereinsätze sowie Spezialversionen von Sprinter und Vito.Auch Volkswagen tastet sich an das Feld Rüstung heran. Auf der Eurosatory 2026 ist der mit VW-Logo versehene Stand im Innenbereich zwar noch überschaubar: Zwei für militärische Nutzung umgerüstete Amarok-Pick-ups stehen dort neben einem um Waffenbehältnisse erweiterten Kleintransporter Crafter. Gemeinsam mit Partnern werden dafür zivile Modelle umgebaut. Im Fall der drei in Paris ausgestellten Militärfahrzeuge arbeitete VW etwa mit dem niedersächsischen Karosseriebauer Freytag zusammen.Stand von Volkswagen Nutzfahrzeuge auf der Eurasatory 2026 in Paris. Foto: Tobias GürtlerAllerdings baut ein früherer Produktionschef von VW und Tesla, Antoin Abou-Haydar, in Wolfsburg gerade eine eigene Rüstungsabteilung namens Volkswagen Defense Office auf. Das Geschäft mit den Militärfahrzeugen wachse, bestätigen die Mitarbeiter am Stand. Und: Der Austausch mit dem Konzern über die weitere Entwicklung des Verteidigungsportfolios laufe. Es ist also wahrscheinlich, dass bei der nächsten Messe hier in zwei Jahren mehr von VW zu sehen sein wird – auch auf Konzernebene.Getriebe und Bremsen für MilitärfahrzeugeNeben den Fahrzeugherstellern treten auch die Zulieferer auf der Eurosatory 2026 in Paris stärker in den Vordergrund. Spezialisierte Fahrzeuggestelle allein machen eben noch kein einsatzfähiges Militärprodukt.ZF Friedrichshafen positioniert sich auf der Messe deshalb unter dem Motto „Together on Mission“ als langfristiger und vertrauenswürdiger Partner der europäischen Verteidigungsindustrie. Eine Standmitarbeiterin verweist dabei auf „mehr als 50 Jahre Erfahrung im Bereich der Verteidigungs- und Sonderfahrzeuge“. Konkret präsentiert ZF beispielsweise spezialisierte Getriebeteile für Militärfahrzeuge. Auch auf militärische Zwecke angepasste Nutzfahrzeugbremsen sind am Stand zu finden. Und: Der Andrang ist groß.Maschinenbauer Turnaround in Tarnfarben von Tobias GürtlerWeniger los ist bei Continental. Was auch an den wenig imposant inszenierten Ausstellungsstücken liegen könnte: Drei Spezialreifen auf orangem Grund stehen hier allein auf weiter Flur. Gleich nebenan präsentiert der für seine Kolben bekannte Zulieferer Mahle in blau leuchtendem Licht ein Lüfteraggregat für das Kühlsystem eines Panzer-Prototyps. Eberspächer präsentiert ebenfalls Thermomanagement-Lösungen für militärische Fahrzeuge und wirbt mit „extremer Zuverlässigkeit unter anspruchsvollen Einsatzbedingungen“.Hoffnung auf gute NachrichtenNoch ist das Verteidigungsgeschäft bei den Autokonzernen und ihren Zulieferern kleiner als die Aufmerksamkeit, die es erzeugt. Bei Mercedes-Benz etwa beträgt der Anteil von Fahrzeugen und Fahrgestellen für Sicherheits-, Rettungs- und Verteidigungszwecke weniger als ein Prozent des Gesamtabsatzes. Bei ZF liegt der Anteil der Verteidigungstechnik am Gesamtumsatz sogar noch geringer: Laut Konzernangaben ist es weniger als ein halbes Prozent. Bei Volkswagen ist vieles noch Prüfung, Aufbau, Andeutung.Doch eins zeigt sich klar in Paris: Die Zeiten, in denen deutsche Automanager routiniert Sicherheitsabstand zum Militär hielten, sind zu Ende. Verteidigung wird nicht mehr versteckt, sondern professionell gerahmt. Aus am besten so verborgen wie möglich gehaltenen Sonderfahrzeugen wird ein immer offensiver vermarktetes Wachstumsfeld.Aus gutem Grund: Die Nachfrage nach militärischen Fahrzeugen werde weit über den aktuellen Beschaffungszyklus bis 2035 tragen, ist etwa Daimler-Truck-Defence-Chef Dennis Kinzelmann überzeugt. Er rechnet mit einer anhaltend starken Rüstungsnachfrage „eher über Dekaden als einzelne Jahre“ – die das Unternehmen nach Jahren des Gewinnrückgangs im Zivilen gut gebrauchen kann. „Die Auftragslage ist sehr gut und gibt uns Planungssicherheit.“Es sind Sätze, die seine Kollegen aus der Autoproduktion sicher auch gerne mal wieder sagen würden. 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