Das Stromsystem steht gehörig unter Druck. Immer häufigere extreme Preisausschläge nach unten und oben sind ein Zeichen, dass es zunehmend schwerfällt, Erzeugung und Verbrauch im Gleichgewicht zu halten. Etwa wenn an sonnigen Sommertagen kaum Strom verbraucht wird, wie am 1. Mai, als die Preise auf minus 500 Euro je Megawattstunde sanken. Oder wenn an dunklen Novembertagen kaum Wind weht und die Preise in die Höhe schießen.Eine Lösung liegt aus Sicht vieler Fachleute in der Flexibilisierung des Verbrauchs – für die nicht nur die richtige Technik, sondern auch gute IT notwendig ist. Großes Potential in diesem Geschäftsfeld sieht das Berliner Energieunternehmen Enpal, das 2017 als Start-up mit der Vermietung von Solaranlagen gegründet wurde. Aus diesem Grund bündelt es nun seine Software-getriebenen Aktivitäten in einer neuen Techsparte. Dazu zählen die Installation von intelligenten Stromzählern, das virtuelle Kraftwerk sowie der Vertrieb von Strom.Zu den extremen Preisen auf dem Strommarkt kommt hinzu, dass viele an Solarstrom interessierte Kunden verunsichert sind, nachdem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) angekündigt hat, aus Kostengründen die Einspeisevergütung für neue kleine Solaranlagen abzuschaffen. Sie fragen sich, wie man mit Solarenergie in Zukunft jenseits des Eigenverbrauchs noch Geld verdienen kann. Ihnen will Enpal mit der neuen Sparte ein attraktives Angebot machen – und in den „nächsten Jahren“ mehr als eine Million Kunden auf diesem Gebiet einsammeln. Das kündigen Gründer Mario Kohle und Produktchef Benjamin Merle-Oberheide im Gespräch mit der F.A.Z. an. Die Mitarbeiter wurden an diesem Mittwoch über die Neuaufstellung des Unternehmens informiert. „Unsere neue Vision ist es, Europa energieunabhängig zu machen“, sagt Kohle. Dafür wolle man alle Leistungen aus einer Hand anbieten („One-Stop-Shop“).Am 1. Mai acht Euro verdientDer Solarpionier hatte 2023 als Teil einer aggressiven Expansionsstrategie begonnen, auch Wärmepumpen zu installieren. Dann kam die Nachrüstung bestehender Solaranlagen mit Batteriespeichern sowie die Installation von Wallboxen hinzu. „In der Vergangenheit haben wir einen Großteil unseres Umsatzes mit Einmaltransaktionen gemacht: Wir verkaufen eine große Anlage und bauen sie“, sagt Merle-Oberheide, der die neue Einheit leiten soll. „Aber mittlerweile haben wir mehrere Pflänzchen gesät, die darauf abzielen, wiederkehrende Umsätze zu erzielen.“ In diesem Jahr steuert das Unternehmen nach eigener Aussage auf einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro hin, nach 1,1 Milliarden Euro im Vorjahr. Zwei Drittel dieser Umsätze stammen demnach aus Initiativen, die in den vergangenen zwei bis drei Jahren ins Leben gerufen wurden.Neben dem Vertrieb von Strom und der KI-gesteuerten Betriebssoftware Hyperion, die Abrechnung, Kundenservice und Kommunikation mit Netzbetreibern in einer Plattform bündelt, soll das virtuelle Kraftwerk mit einer Gesamtleistung von derzeit rund 650 Megawatt zu den wichtigsten Säulen der neuen Einheit zählen.Mario Kohle, Gründer und Geschäftsführer von EnpalEnpal„Wir holen für den Kunden schon heute mehr raus als die Einspeisevergütung“, sagt Kohle. Das funktioniere so: Der Solaranlagenbesitzer überträgt Enpal das Recht, den von ihm auf dem Hausdach erzeugten Strom direkt an der Strombörse zu vermarkten. Außerdem darf Enpal die Batterie des Kunden steuern und je nach Bedarf Strom ein- oder ausspeisen. Dafür erhält der Kunde je vermarkteter Kilowattstunde Strom eine Vergütung, die im Schnitt 50 bis 60 Prozent höher als die jährliche EEG-Einspeisevergütung liegt.Virtuelles Kraftwerk auch für Nicht-Enpal-Kunden offenAm sehr sonnigen 1. Mai zum Beispiel wäre der Speicher des Kunden normalerweise schon am Vormittag voll geladen gewesen, und der auf dem Hausdach erzeugte Strom wäre bei negativen Preisen eingespeist worden, erklärt Merle-Oberheide. An jenem Tag habe das den deutschen Staat etwa 100 Millionen Euro gekostet. Enpals Plattform Flexa, die das virtuelle Kraftwerk steuert, habe hingegen am Tag zuvor schon vorausgesehen, dass der 1. Mai sehr sonnig wird. „Wir haben die Speicher unserer Kunden dann über Nacht zu 90 Prozent entleert, weil der Strompreis nachts noch positiv war und damit für unseren Kunden Geld an der Strombörse verdient. Als die Sonne aufging, konnte der Speicher erst laden, anstatt sofort einzuspeisen. Als er voll war und der Eigenverbrauch gedeckt, haben wir die Anlage abgeregelt“, erklärt Merle-Oberheide weiter. „Unsere Kunden haben an dem Tag im Durchschnitt acht Euro verdient, waren zu 100 Prozent unabhängig – und der Staat hätte kein Geld verloren, wenn alle Anlagen so gesteuert worden wären.“Benjamin Merle-Oberheide, Produktchef von EnpalEnpalAuf dem Markt für virtuelle Kraftwerke tummeln sich bislang Anbieter wie Next Kraftwerke aus Köln, 1Komma5Grad aus Hamburg, Sonnen, EnBW oder Eon. Zum virtuellen Kraftwerk von Enpal sollen demnächst auch Kunden Zugang erhalten, deren Solaranlagen nicht von Enpal stammen. Zur Umsetzung ist Enpal allerdings auf die Zusammenarbeit mit den mehr als 800 Verteilnetzbetreibern angewiesen – und auf diese gar nicht gut zu sprechen. „Die Anmeldung neuer Anlagen läuft über 800 verschiedene Systeme – teilweise per Fax, teilweise über Onlineformulare“, kritisiert Merle-Oberheide. „Das ist ein bisschen so, als würden Sie sich ein Handy kaufen und müssten dann der Telekom einen Brief schreiben: Hier ist meine SIM-Kartennummer. Und dann warten Sie ein Jahr lang darauf, Ihr Telefon nutzen zu können.“Metrify verbaut intelligente StromzählerKohle geht in seiner Kritik an den Stromnetzbetreibern noch weiter. „Stellen Sie sich vor, wir hätten vor 30 Jahren gesagt: Die Deutsche Telekom und AT&T sind die Innovatoren. Ohne die geht nichts, ihr müsst euch mit denen absprechen. Gäbe es heute dann Spotify, Uber, Google oder Amazon?“ Ähnlich sehe es heutzutage in der Energiebranche aus. „Die Politik sagt jetzt: Energy-Tech muss sich an den Netzen orientieren. Das ist die komplett falsche Einstellung.“Eine Reaktion auf die aus Sicht von Enpal „sehr gut untereinander organisierten, sehr uninnovativen Netzbetreiber“: Die für die Flexibilisierung des Verbrauchs so wichtigen intelligenten Stromzähler verbaut Enpal unter der Marke Metrify einfach selbst. Mit inzwischen 75.000 verbauten intelligenten Stromzählern ist Metrify nach eigenen Angaben der größte wettbewerbliche Messstellenbetreiber für Smart Meter in Deutschland. Wirtschaftsministerin Reiche hatte im Herbst mit Äußerungen für Aufsehen gesorgt, wonach deren Rolle zugunsten der monopolistisch agierenden Netzbetreiber stark eingeschränkt werden könnte. Diese Gefahr für Metrifys Geschäftsmodell scheint mittlerweile gebannt.Aufseiten der Netzbetreiber sind wiederum nicht alle glücklich mit der Zusammenarbeit mit Start-ups wie Enpal. Constantin Alsheimer, Vorstandsvorsitzender der Thüga, die indirekt an vielen Stadtwerken und Verteilnetzbetreibern beteiligt ist, hatte ihnen zuletzt in der „Welt“ vorgeworfen, ihrerseits Informationspflichten zu verletzen, Messwerte nicht fristgerecht bereitzustellen oder mitgeteilte Daten später wieder zu ändern.„Generiert Energie viel günstiger als jeder Öl- oder Gasimport“Auf die Frage, ob Europa mit überwiegend aus China stammenden Solaranlagen, Wechselrichtern und Batterien wirklich energieunabhängig werden könne, antwortet Kohle: „Wenn das System einmal installiert ist, produziert die Solaranlage 30 Jahre Strom. Selbst wenn der Nachschub aus China komplett versiegen würde, hätte man 30 Jahre Zeit, sich eine Lösung zu überlegen.“ Ölimporte hingegen könnten im schlimmsten Fall von jetzt auf gleich versiegen – wie die Weltwirtschaft nach der Sperrung der Straße von Hormus schmerzlich bemerkte. „China gibt uns Solaranlagen, die unter enorm hohem Wettbewerbsdruck zu spektakulären Preisen produziert werden. Alles, was wir rüberholen können, sollten wir rüberholen. Das generiert Energie viel, viel günstiger als jeder Öl- oder Gasimport.“Auch die Sicherheit von Anlagen aus China, vor allem von mit WLAN verbundenen Wechselrichtern, sehen die Enpal-Manager anders als manche Politiker nicht gefährdet. Am Ende sei es wie beim iPhone, sagt Kohle: „Es ist egal, wo es produziert wird – das Betriebssystem ist entscheidend. Die Chinesen können auch kein iPhone hacken, nur weil sie es produziert haben.“ Konkret könnten chinesische Hersteller auf von Enpal gesteuerten Wechselrichtern zumindest keine Softwareupdates einspielen, sagt Merle.Einen möglichen Zukauf von Wettbewerbern schließt Kohle nicht gänzlich aus. „Wenn sich Gelegenheiten ergeben, sind wir offen, auch anorganisch zu wachsen – also auch mal ein Unternehmen zu übernehmen. Aber es ist nicht der primäre Weg, den wir verfolgen.“ Zuletzt war des Öfteren über eine mögliche Übernahme des Hamburger Wettbewerbers 1Komma5Grad spekuliert worden. Mittlerweile spricht allerdings einiges dafür, dass 1Komma5Grad den Spieß umdrehen und selbst an die Börse gehen könnte.