Nur eine grosse Seepolizei? Nein, Chinas Küstenwache ist ein Instrument zur MachtausübungDie chinesische Küstenwache hält ein Grossmanöver östlich von Taiwan ab. Es zielt nicht nur auf die Insel, sondern auch auf die amerikanischen Alliierten in der Region.18.06.2026, 12.48 Uhr4 LeseminutenEin Schiff der chinesischen Küstenwache manövriert nahe dem Scarborough-Riff im Südchinesischen Meer. Pekings jüngste Aktivitäten in der Region sorgen für anhaltende Spannungen.Ezra Acayan / GettyEine Küstenwache ist eine überdimensionierte Seepolizei. Sie sucht nach Schiffbrüchigen und rettet sie, verfolgt illegale Fischerei, geht gegen Schmuggel vor oder deckt Umweltverschmutzung auf. China hat seine Küstenwache aber mit einer zusätzlichen Aufgabe beauftragt: resolut und manchmal brachial die eigenen Machtansprüche durchzusetzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.China macht Druck auf mehrere NachbarnDas zeigt sich regelmässig im Südchinesischen Meer, wo die chinesische Küstenwache philippinische Fischer bedrängt und offizielle Schiffe Manilas mit Wasserwerfern angreift, abdrängt oder rammt. Oder es zeigt sich um die Senkaku-Inseln, die von Japan kontrolliert werden. Chinas Küstenwachschiffe dringen praktisch täglich in die Gewässer um diese unbewohnten Inseln ein. Japan sieht sich gezwungen, dort ständig mit einem grossen Aufgebot präsent zu sein.Nun hat die chinesische Küstenwache ein neues Betätigungsfeld gefunden: die Gewässer östlich von Taiwan. In den vergangenen Wochen führte sie einen «Sondereinsatz zur Durchsetzung des Seeverkehrsrechts» durch, wie es das zuständige chinesische Transportministerium bezeichnete. Taiwan entsandte seine eigene Küstenwache, um die chinesischen Aktivitäten zu beobachten. Über Funk stritten sich die beiden Seiten, wer im Recht sei.Offiziell begründete China die Aktion mit der Ankündigung Japans und der Philippinen, Verhandlungen über die Abgrenzung ihrer exklusiven Wirtschaftszonen aufnehmen zu wollen. Diese Zone reicht von der Küste eines Staates aus bis zu 200 Seemeilen, rund 370 Kilometer, ins Meer. Die von Manila und Tokio beanspruchten Seegebiete überschneiden sich östlich von Taiwan.Peking bezeichnet die japanisch-philippinischen Verhandlungen als «völlig rechtswidrig, null und nichtig». Sie hätten keinerlei Auswirkungen auf Chinas Ansprüche im Gebiet östlich der Insel Taiwan, sagte eine Sprecherin des chinesischen Aussenministeriums.Diese Ansprüche setzte die chinesische Küstenwache so durch, dass China zivile Schiffe von Drittstaaten in diesem Gebiet kontrollierte. Man habe 198 Schiffe inspiziert, teilten die chinesischen Behörden mit. China erhöht dadurch den Druck auf Taiwan, das ebenfalls Anspruch auf dieses Seegebiet erhebt.Das chinesische Verhalten entspricht einem Szenario, vor dem Experten für maritime Sicherheit seit langem warnen: einer Quarantäne Taiwans. Dieses Szenario beschreibt, wie China die Handelsschifffahrt von und nach Taiwan behindern oder unterbinden könnte – mit der Küstenwache, welche vorgibt, chinesisches Recht durchzusetzen, etwa Zollbestimmungen oder den Kampf gegen Schmuggel. Dies könnte für die offene Volkswirtschaft Taiwans schnell zu Engpässen führen.Die chinesische Küstenwache erweitert ihr EinsatzgebietDie jüngste Aktion Chinas passe in ein grösseres Bild, sagt Jason Wang, Analyst für maritime Sicherheit. Mit seiner Firma Ingenispace analysiert er die Bewegungen der Marine, der Küstenwache und der maritimen Miliz Chinas. «Peking hat mit dem neusten Manöver das Einsatzgebiet seiner Küstenwache um 200 Kilometer in Richtung Osten erweitert.»Wang weist darauf hin, dass das umstrittene Seegebiet strategisch bedeutend ist. Östlich von Taiwan ist das Meer mehrere tausend Meter tief – daher ist es gut geeignet für den Einsatz von U-Booten. Auch führen mehrere wichtige Unterseedatenkabel hier vorbei. Wangs Daten zeigen, dass in der chinesischen Flottille auch ein Forschungsschiff mitfuhr, das den Meeresboden untersucht.Gleichzeitig hatte die chinesische Küstenwache vier Schiffe in den Gewässern um die Senkaku-Inseln im Einsatz. Damit sei die chinesische Küstenwache an beiden Zufahrten zur Miyako-Strasse präsent gewesen, erklärt Wang. Diese liegt in der langen Inselkette der japanischen Präfektur Okinawa, die sich von der südlichsten Hauptinsel Japans, Kyushu, bis nach Taiwan zieht. Die Strasse ist die wichtigste Verbindung zwischen dem Ostchinesischen Meer und dem offenen Pazifik.Damit habe Peking ein starkes Signal an die wichtigsten Verbündeten der USA in der Region gesandt, sagt Wang: neben Japan und den Philippinen auch Südkorea und Australien. In den letzten Monaten und Jahren sind diese Länder näher zusammengerückt, nicht zuletzt, weil sie sich des Schutzes der USA unter der Regierung Trump nicht mehr so sicher sind.Schlüsselindustrien Australiens wie die Landwirtschaft, der Bergbau und der Landtransport verbrauchen grosse Mengen Diesel. Australien bezieht einen grossen Teil seines Diesels aus Südkorea – und der schnellste Transportweg führt durch die Miyako-Strasse. Wenn China signalisiert, dass es diesen Nachschub unterbinden könnte, hat es ein starkes Druckmittel.Wie potent die chinesische Küstenwache ist, demonstrierte sie auch damit, dass sie gleichzeitig zum Manöver östlich von Taiwan Hunderte von Kilometern weiter westlich im Einsatz war. So drangen ihre Schiffe sowohl in die Gewässer um die Pratas-Inseln 300 Kilometer südöstlich von Hongkong als auch in jene um Itu Aba im Südchinesischen Meer ein. Beides sind von Taiwan kontrollierte Aussenposten, die Peking für sich beansprucht.China gibt mit dem Einsatz der Küstenwache friedliche Ziele vorChinas Küstenwache ist zahlenmässig mit Abstand die grösste der Welt. Auch sind viele ihrer Schiffe deutlich grösser als jene anderer Küstenwachen, zum Teil mächtiger als Kriegsschiffe. Diese Grösse ist nicht bloss einschüchternd, sie erlaubt es auch, länger und bei schwierigeren Wetterbedingungen auf See zu bleiben, als es kleinere Schiffe können.Indem es an vorderster Front seine Küstenwache statt seiner Kriegsmarine einsetzt, kann Peking seine Machtspiele kaschieren. Vordergründig geht es nur um die Durchsetzung von Regeln – so wie es in der Begründung des jüngsten Manövers dargestellt wurde. Die chinesische Küstenwache hüllt sich ins Mäntelchen einer Seepolizei.Doch was sie macht, ist reine Machtprojektion. Die Marine der Volksbefreiungsarmee ist jeweils nicht weit: «Bei jedem grösseren Manöver der Küstenwache befinden sich Kriegsschiffe gleich am Horizont», sagt Wang. Das sei mit Satellitenaufnahmen klar belegbar, auch wenn die Schiffe ihre Position zu vertuschen versuchten.Ein Schiff der taiwanischen Küstenwache im Einsatz gegen chinesische Einheiten.ROC (Taiwan) Coast GuardPassend zum Artikel