PfadnavigationHomeSportHandballStefan Kretzschmar„Außerirdisch – Gidsel wird ein ganzes Zeitalter prägen“Stand: 10:28 UhrLesedauer: 7 MinutenÜberragender Handballer dieser Zeit: Mathias GidselQuelle: Getty Images/Christof KoepselHandball-Idol Stefan Kretzschmar zieht eine sportliche sowie persönliche Bilanz der abgelaufenen Saison. Mit seinem erzwungenen Abschied aus Berlin, so sagt er, habe er seinen Frieden gemacht.Der ganz große Triumph blieb den Handballern der Füchse Berlin zwar erneut verwehrt, doch die Kampfansage für den nächsten Anlauf auf Europas Thron folgte schnell nach der Niederlage im Champions-League-Finale. „Natürlich tut es mega weh. Aber wir kommen definitiv zurück“, kündigte Trainer Nicolej Krickau nach dem 34:37 gegen Rekordsieger FC Barcelona in der Champions League an. Das Finale war der Schlusspunkt einer ereignisreichen Saison.Eine Saison, in der der MT Melsungen im Endspiel der European League den THW Kiel besiegte und der SC Magdeburg vorzeitig Deutscher Meister wurde. Und eine Saison, in der sich die Wege von Stefan Kretzschmar und den Füchsen Berlin trennten. Der 53-Jährige war von 2020 bis September 2025 Sportvorstand der in Berlin gewesen.Frage: Herr Kretzschmar, was bleibt hängen von dieser Saison?Stefan Kretzschmar: Vor allem der SC Magdeburg. Die haben mich richtig beeindruckt. Mit nur einer Niederlage in dieser Bundesliga-Saison, drei Spieltage vor dem Ende, souverän Meister geworden, diese Konstanz ist einfach eine wahnsinnig tolle Leistung. Dieses Team ist in dieser Dekade das Maß aller Dinge, das es auch künftig zu schlagen gilt. Die werden auch im nächsten Jahr nicht schlechter.Frage: Und welcher Spieler hat Sie so richtig abgeholt?Kretzschmar: Ganz klar: Mathias Gidsel. Ich habe noch nie so einen Spieler gesehen wie ihn. 317 Feldtore, das sind irre 9,8 Tore pro Spiel – das ist außerirdisch. Er ist erst 27. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was der noch besser machen könnte die nächsten Jahre. Gidsel wird ein ganzes Zeitalter prägen.Frage: Wird es in nächster Zeit einen anderen Welthandballer geben?Kretzschmar: Er setzt die Messlatte enorm hoch, und ich glaube, das entscheidet nur Mathias selbst. Es gibt viele tolle Spieler im Welthandball, aber Mathias spielt momentan in einer anderen Liga. Mal sehen, was die Zukunft bringt.Frage: Außer Gidsel, welche Spieler sind Ihnen noch besonders aufgefallen?Kretzschmar: Von den jungen Kerlen haben mir Elias Newel aus Göppingen und Sören Steinhaus vom BHC gut gefallen. Auch Miro Schluroff hat in Gummersbach und in der Nationalmannschaft eine überragende Entwicklung genommen. Und wenn man die gestandenen Profis nimmt, beeindruckt mich immer wieder die Konstanz von Gisli Kristjansson, Felix Claar, Magnus Saugstrup, Omar Ingi Magnusson bei den Magdeburgern. Bei den Berlinern haben neben Gidsel auch wieder Lasse Andersson und Dejan Milosavljev abgeliefert, bei den Rhein-Neckar Löwen haben Jannik Kohlbacher und Haukur Thrastarson einen tollen Job gemacht, stark gespielt. Simon Pytlick aus Flensburg gehört natürlich auch dazu und schon noch einige andere.Frage: Was empfanden Sie als besonders spannend?Kretzschmar: Den Abstiegskampf. Das kann man ja gar nicht so planen. Dass der Abstieg zwischen Leipzig, Minden und Wetzlar in der letzten Sekunde, mit dem letzten Wurf und der letzten Aktion entschieden wurde, war für uns Zuschauer spannend, für die Teams natürlich maximal bitter.Frage: Wer hat Sie enttäuscht?Kretzschmar: Bei den Teams natürlich Leipzig. Das hätte ich im Leben nicht gedacht, dass die mit dieser Mannschaft, mit diesem Budget, ihren Fans und dieser Euphorie da unten reinrutschen. Vor der Saison hatte ich da Teams wie Wetzlar, Minden, den BHC oder Eisenach auf dem Zettel. Aber das ist dieses Phänomen im Leistungssport, da gerätst du in so eine Abwärtsspirale, da passiert viel im Kopf, und du kommst da nicht mehr raus. Für Leipzig ein Super-GAU. Ich hoffe, dass sie mit ihren Partnern, die schon signalisiert haben, dem Verein treu bleiben zu wollen, im nächsten Jahr gleich wieder aufsteigen. Leipzig gehört in die Bundesliga.Frage: Welche Mannschaften haben noch enttäuscht?Kretzschmar: Ich glaube, von den Tabellenplätzen her hat Hannover-Burgdorf am meisten abgebaut. Bei dem Anspruch, den sie hatten, auch in der European League, kann man da von einer suboptimalen Saison sprechen. Das gilt sicher auch für Erlangen und den THW Kiel. Platz sechs für den THW, das ist natürlich weit unter ihren eigenen Ansprüchen. Natürlich hatten die im Rückraum mit ihren verletzten Stars Madsen, Skipagøtu und zeitweise Johansson auch Pech, aber ihre Auftritte waren gegen nicht so starke Teams auch einfach sehr enttäuschend.Frage: Welche Teams haben Sie positiv überrascht?Kretzschmar: Melsungen. Die haben mit dem Sieg der European League und ihrer Torhüter-Persönlichkeit Nebojsa Simic ihren ersten Titel der Vereinsgeschichte geholt, da kann man nur gratulieren und den Hut ziehen.Lesen Sie auchFrage: Wer gehört noch zu den klaren Gewinnern?Kretzschmar: Gummersbach und Lemgo mit ihren beiden Trainern Gudjón Valur Sigurdsson und Florian Kehrmann. Die haben das fantastisch gemacht, eine überragende Saison gespielt. Gummersbachs Sigurdsson ist völlig zu Recht wieder Trainer des Jahres geworden, aber das hätten sich auch Benno Wiegert bei Magdeburg und Ben Matschke bei Göppingen verdient. Auch Stuttgart hat mir gut gefallen mit ihrem Entscheidungsspieler Simone Mengon und den vielen Toren von Kai Häfner. Das hat gepasst dort, und man kann die Handschrift von Kaufmann deutlich erkennen.Frage: Was oder wen durfte man nicht verpasst haben?Kretzschmar: Ich empfand es als schön, Kay Smits bei Gummersbach wieder gesund spielen zu sehen. Constantin Möstl im Tor von Lemgo ist ein Erlebnis, auch sein Teamkollege Tim Suton hat eine tolle Saison gespielt. Bei Kiel hat das unser deutsches Talent, der erst 18-jährige Rasmus Ankermann, auf der Spielmacher-Position richtig gut gemacht. Miro Schluroff hatte ich ja schon erwähnt, und auch Lasse Ludwig im Tor bei den Füchsen hat den nächsten Entwicklungsschritt machen können und war statistisch gesehen der beste Torhüter der Liga.Frage: Was hat Sie begeistert?Kretzschmar: Die vollen Hallen, die Euphorie im Land, es ist immer noch zu Recht die beste Liga der Welt, jeder kann jeden schlagen. Und mich hat dieser Glasboden beim Pokal-Final4 fasziniert, großartig. Da haben wir die Vision gesehen, wie wir den Handball noch größer machen können.Frage: Nationalspieler Juri Knorr hat die Bundesliga verlassen. Hat sich der Wechsel nach Aalborg für ihn gelohnt?Kretzschmar: Persönlich für ihn schon, er sammelt dort wertvolle Erfahrungen mit einem anderen Spielsystem und einer anderen Handball-Kultur. Er ist da nicht so sehr im Fokus wie in Deutschland, kann sich in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln, und er ist auch gleich dänischer Meister geworden. Ich glaube, für ihn war der Schritt richtig und wichtig.Lesen Sie auchFrage: Ihre Vorhersage war: Berlin gewinnt die Champions League, dann Barcelona, Magdeburg und Aalborg. Warum haben Sie so getippt?Kretzschmar: Ich glaube, in diesem Jahr waren die Berliner auf einer Mission, extrem heiß und angestachelt, und ich hatte das Gefühl, dass Lasse Andersson, Dejan Milosavljev, Mathias Gidsel noch nicht fertig sind. Doch es kam anders.Frage: Jetzt ist Barcelona Champions-League-Sieger. Verdient?Kretzschmar: Wenn man beide Spielverläufe im Halbfinale gegen Aalborg und im Finale gegen Berlin betrachtet – ja, absolut. Bei allen Emotionen, die ich noch für die Füchse habe: Barcelona war die bessere Mannschaft, die hatten Gidsel im Griff, die hatten die Mentalität, hatten das Sieger-Gen und eine Weltklasse-Leistung von Emil Nielsen im Tor.Frage: Haben Sie den September, den Doppelrauswurf von Trainer und Sportdirektor bei den Füchsen durch Bob Hanning, schon verdaut?Kretzschmar: Die Füchse sind Pokalsieger geworden und spielen auch nächstes Jahr wieder Champions League. Das würde ich als eine erfolgreiche Saison bezeichnen. Ob es mit Jaron nicht so erfolgreich oder erfolgreicher gelaufen wäre, ist reine Spekulation. Exakt analysieren kann man das wohl nicht. Entscheidungsträger müssen Entscheidungen zum Wohle ihres Vereins treffen, das steht außer Frage. Aber ich bleibe dabei: Der Zeitpunkt ist für mich nicht nachvollziehbar. Es gab keine negative Phase, die Berliner hatten den Supercup gewonnen und das Spiel in Göppingen. Das wird sich mir niemals erschließen, aber ich habe meinen Frieden damit gemacht.Frage: Siewert wird ab 2027 Trainer in Melsungen.Kretzschmar: Ich freue mich total für ihn. Wir waren ja die letzten Monate und Wochen in ziemlich intensivem Kontakt. Er ist absolut bereit für diese Aufgabe. Ich finde es auch super, dass Jaron jetzt schon als eine Art Berater an seiner neuen Mannschaft mitbasteln und mithelfen darf. Melsungen wird Jaron Siewert guttun, ich glaube, das passt gut zusammen.Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
Stefan Kretzschmar: „Außerirdisch – Gidsel wird ein ganzes Zeitalter prägen“ - WELT
Handball-Idol Stefan Kretzschmar zieht eine sportliche sowie persönliche Bilanz der abgelaufenen Saison. Mit seinem erzwungenen Abschied aus Berlin, so sagt er, habe er seinen Frieden gemacht.






