„Wer sich schämt, kann rausgehen, ich schäme mich nicht“, schickte sie ihrer Aussage voraus. Da hätte wohl niemand erwartet, dass den über hundert Zuhörern in dem großen, in einer Haftanstalt eingerichteten Gerichtssaal bei diesen Worten die Tränen kommen würden. Sie war am Morgen des 16. März 2025 festgenommen und aufs Polizeipräsidium gebracht worden, jetzt berichtete sie, was ihr dort geschah: „Ich wurde in eine Art Archivkammer gebracht. Eine Polizeibeamtin streifte Handschuhe über und sagte: ‚Zieh dich aus.‘ Ich zog mich aus. Als ich fragte, ob ich nun gehen könne, forderte sie mich auf, auch die Unterwäsche abzulegen. ‚Entblöße den Genitalbereich, dreh dich um und beug’ dich vor‘, sagte sie.“Bei der hier zitierten Angeklagten handelt es sich um Pınar Türker, eine der zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ekrem İmamoğlus, die nach der Inhaftierung des Istanbuler Bürgermeisters und Hauptkontrahenten Erdoğans im März 2025 ebenfalls verhaftet worden waren. Nach beruflichen Stationen bei bekannten internationalen Unternehmen wie dem deutschen Chemie-Riesen BASF, dem österreichischen Energiekonzern OMV und der britischen HSBC-Bank war sie in der Istanbuler Stadtverwaltung unter İmamoğlus Leitung tätig geworden. Das war ihr einziges „Vergehen“. Als sie nach fünfzehn Monaten Untersuchungshaft erstmals vor dem Richter stand, berichtete sie, was ihr widerfahren war.Bülent MumayEmir Özmen„Es ist, als würden sie das tun, um Würde und Stolz der Menschen zu brechen. Schämen soll sich, wer so etwas tut. Ich schäme mich nicht“, sagte Türker und setzte ihre erschütternde Aussage gefasst fort. Nach der entwürdigenden Leibesvisitation, bei der sie sich komplett entkleiden musste, wurde sie dem Staatsanwalt vorgeführt, ohne dass ihr Anwalt dabei sein durfte, und sie wurde gedrängt, gegen İmamoğlu auszusagen. Sie erzählt, wie es weiterging, als sie sich weigerte: „Er (der Staatsanwalt) erinnerte mich daran, dass meine Kinder noch minderjährig seien und sich nun wohl der Sozialdienst um sie kümmern würde. Wie kann man so etwas zu einer Mutter sagen? Man drohte mir mit meinen Kindern.“Eine ihrer beiden Töchter, die in staatliche Obhut zu geben der Staatsanwalt gedroht hatte, schloss ihr Studium ab, während Türker in Untersuchungshaft saß. „Nehir hat ihr Diplom bekommen, ich konnte nicht dabei sein, aber sie hat gesagt: ‚Mama, ich bewahre meinen Absolventenhut auf, wenn du heimkommst, werfe ich ihn in die Luft‘“, berichtete sie und sorgte damit für Tränen im Publikum.Immer gnadenlosere MaßnahmenStets lesen wir nur von den politischen Dimensionen der immer gnadenloseren Maßnahmen, die das Palastregime ergreift, um an der Macht zu bleiben. Die persönlichen Geschichten jedoch bleiben im Schatten. Dass eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern gezwungen wird, sich zur Leibesvisitation auszuziehen, ihr dann mit dem Entzug der Kinder gedroht wird und sie die Beschlagnahme ihres Vermögens zu gegenwärtigen hat, ist leider nicht die einzige Tragödie. Als ein anderer Kommunalbeamter verhaftet wurde, war seine Frau schwanger. Dass seine Tochter jetzt zum ersten Mal „Papa“ gesagt hat, erfuhr er von seiner Frau, die ihm im Gerichtssaal zuwinken konnte. Mehrere Personen, die mit İmamoğlu verhaftet worden waren, erhielten im Gefängnis Nachricht vom Tod naher Angehöriger.Die Anklageschrift im Verfahren gegen İmamoğlu und mehr als 400 Mitangeklagte legt keinen einzigen konkreten Beweis für die ihnen vorgeworfene Korruption vor. Um İmamoğlu zu einer Haftstrafe verurteilen zu können, wurden die Mitangeklagten gedrängt, gegen ihn auszusagen. Doch die meisten widerstanden dem Druck. Die wenigen „Geständigen“, die sich von den Drohungen der Palastjustiz einschüchtern ließen, haben seit Beginn des Prozesses vor zwei Monaten der Reihe nach ihre – ohnehin von keinerlei Beweisen gestützten – Aussagen zurückgezogen. Doch wie es in dem Sprichwort heißt: „Der Wolf hat nun einmal beschlossen, das Lamm zu fressen.“ Um die Präsidentschaftskandidatur von Erdoğans aussichtsreichstem Kontrahenten zu verhindern, braucht es auch gar keine Beweise. In diesem Land, das sich längst von universalen Rechtsstandards entfernt hat, reicht ein Wink aus dem Palast für İmamoğlus Verurteilung aus.