GastkommentarRüstü DemirkayaDas neue Bündnis zwischen Damaskus und Ankara bedeutet für die Kurden eine historische NiederlageDie über vier Länder verteilten Kurden kommen einem eigenen Staat einfach nicht näher. Die Partnerschaft mit den USA im Kampf gegen den IS beflügelte die Hoffnungen. Nun sehen sie sich dem doppelten Druck der syrischen und der türkischen Regierung ausgeliefert.18.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenMann mit Flagge Kurdistans im syrischen Afrin, 2026.Orhan Qereman / ReutersWer die neue Syrien-Politik der Türkei verstehen will, sollte nicht in Ankara beginnen, sondern im Nordosten Syriens. Dort ist in wenigen Monaten sichtbar geworden, was der Sturz Bashar al-Asads für die Kurden bedeutet: Die alte Ordnung ist verschwunden, aber an ihre Stelle ist keine gesicherte Autonomie getreten. Die kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF), einst der wichtigste Partner der USA im Kampf gegen den Islamischen Staat, stehen heute unter doppeltem Druck. Damaskus will das ganze Land wieder zentralisieren. Ankara will verhindern, dass an seiner Südgrenze ein kurdischer Raum mit eigener politischer und militärischer Struktur bestehen bleibt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Genau hier liegt der Kern der neuen regionalen Gleichung. Die Türkei versucht, in das syrische Machtvakuum vorzustossen. Sie tut dies nicht nur mit militärischen Mitteln, sondern auch durch Diplomatie, wirtschaftliche Verflechtung und Einfluss auf die neue syrische Führung. Für Ankara ist Syrien nicht mehr nur ein Nachbarland im Bürgerkrieg. Es ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob die Türkei nach dem Rückzug alter Mächte und der Schwächung Irans zu einem ordnenden Zentrum der Region werden kann.Erzwungener RückzugDie Kurden geraten dabei erneut zwischen die Interessen der Staaten. Das Abkommen zwischen Damaskus und den SDF, das eine schrittweise Eingliederung kurdischer militärischer und ziviler Strukturen in den syrischen Staat vorsieht, kann einen neuen Krieg verhindern. Zugleich bedeutet es aber auch das Ende jener politischen Selbstverwaltung, die in Nordostsyrien während des Bürgerkriegs entstanden war. Für viele Kurden ist dies kein freiwilliger Neubeginn, sondern ein erzwungener Rückzug aus einer historischen Möglichkeit.Es wird keine dauerhafte Ruhe geben, wenn die syrische Regierung die kurdische Frage erneut nur verwaltet.Ankara betrachtet diese Entwicklung als strategische Chance. Seit Jahren sieht die Türkei die syrisch-kurdischen Strukturen als Verlängerung der PKK. Deshalb hat sie nicht nur einzelne bewaffnete Kader im Visier, sondern auch die Möglichkeit kurdischer Autonomie als solche. Eine zentralisierte syrische Ordnung, in der die SDF entwaffnet oder in die staatlichen Sicherheitskräfte integriert werden, käme den türkischen Sicherheitsinteressen entgegen. Die Türkei kann damit hoffen, die kurdische Frage jenseits ihrer Grenze zu neutralisieren, ohne die Kurden politisch anerkennen zu müssen.Doch genau darin liegt der Widerspruch. Ankara vermag die kurdische Realität nicht mehr einfach auszublenden. In Irakisch-Kurdistan hat die Türkei längst gelernt, mit kurdischen Akteuren pragmatisch zu handeln, solange diese in ihre wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen eingebunden bleiben. In Syrien versucht sie nun, ein ähnliches Modell zu erzwingen: nicht die Anerkennung kurdischer Selbstbestimmung, sondern die Umwandlung kurdischer Macht in eine kontrollierbare Grösse. Die Kurden sollen Teil der neuen Ordnung sein, aber nicht als eigenständiges politisches Subjekt.Diese Politik hat auch eine innenpolitische Dimension. In der Türkei selbst gibt es seit 2025 neue Signale in Richtung einer Entwaffnung der PKK und einer möglichen Neuordnung des Verhältnisses zwischen Staat und kurdischer Bewegung. Doch diese Signale bleiben mehrdeutig. Sie können auf einen ernsthaften Versuch hindeuten, einen jahrzehntelangen Konflikt zu beenden. Sie können aber ebenso als Versuch gelesen werden, die kurdische Frage im Innern zu beruhigen, damit Ankara in Syrien mit freieren Händen handeln kann.Für die Kurden ist diese Mehrdeutigkeit gefährlich. Sie kennen frühere Friedensversprechen, gescheiterte Öffnungen und die Rückkehr der Repression. In der Türkei wurden kurdische Gemeinden unter Zwangsverwaltung gestellt, Politiker verhaftet, Parteien mit Verboten bedroht. In Syrien wiederum droht die neue Führung in Damaskus, die während des Krieges entstandenen kurdischen Institutionen in einen zentralistischen Staat zurückzuführen. Die Kurden stehen also nicht nur unter dem Druck der Türkei, sondern auch unter dem Druck eines neuen syrischen Regimes, das Einheit vor Pluralität setzt.Kurdische Kämpferin auf den Ölfeldern in den Nähe von Rmelan, Syrien.Orhan Qereman / ReutersFront gegen IsraelDie Lage wird noch komplizierter, weil Syrien inzwischen auch zu einem Schauplatz der türkisch-israelischen Konkurrenz geworden ist. Israel sieht den wachsenden türkischen Einfluss in Syrien mit Sorge. Nach dem Schlag gegen Irans regionale Netzwerke will Israel verhindern, dass an die Stelle Teherans eine andere ehrgeizige Regionalmacht tritt. Ankara wiederum betrachtet jede israelische Annäherung an kurdische oder drusische Gruppen als Versuch, Syrien fragmentiert zu halten und die türkische Rolle zu begrenzen.Vor diesem Hintergrund lässt sich Erdogans aggressive antiisraelische Politik weder allein als innenpolitische Inszenierung noch einfach als konsequente Umsetzung einer Agenda der Muslimbrüder verstehen. Sie verbindet mehrere Ebenen. Innenpolitisch dient sie der Mobilisierung konservativer und islamistischer Milieus, insbesondere seit dem Krieg in Gaza und der wachsenden Kritik an den fortbestehenden Wirtschaftsbeziehungen mit Israel. Aussenpolitisch versucht Erdogan zugleich, die Türkei in der sunnitisch-muslimischen Welt als moralische und diplomatische Führungsmacht zu positionieren. Die ideologische Nähe zur Muslimbruderschaft und zur Hamas spielt dabei zweifellos eine Rolle.Dennoch bleibt diese Politik pragmatisch: Frühere Normalisierungsversuche mit Israel, die lange fortgesetzten Handelsbeziehungen und die türkische Rolle in Vermittlungsprozessen zeigen, dass es nicht nur um Ideologie geht, sondern auch um regionale Einflussnahme, neoosmanische Selbstverortung und strategische Verhandlungsmacht. Gerade in Syrien übersetzt sich diese Spannung zwischen Ideologie und Pragmatismus in eine harte Konkurrenz um Einflussräume.Damit wird die kurdische Frage Teil eines grösseren Spiels. Für Israel können die Kurden ein möglicher Gegenpol zur türkischen Einflussnahme sein. Für die Türkei sind solche Überlegungen der Beweis, dass kurdische Autonomie nicht nur eine innenpolitische Herausforderung, sondern ein regionales Sicherheitsrisiko darstellt. Für Damaskus wiederum ist jede kurdische Sonderstellung ein Hindernis auf dem Weg zur Wiederherstellung staatlicher Kontrolle. In allen drei Perspektiven erscheinen die Kurden weniger als politische Akteure mit eigenen Rechten, sondern als Faktor in den Kalkülen anderer Mächte.Das ist der gefährlichste Punkt der gegenwärtigen Entwicklung. Eine syrische Ordnung, die nur auf Zentralisierung, Sicherheitsgarantien und regionale Deals setzt, kann kurzfristig Stabilität erzeugen. Sie wird aber keine dauerhafte Ruhe schaffen, wenn sie die kurdische Frage erneut nur verwaltet. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass die Verweigerung politischer Anerkennung Konflikte nicht beendet, sondern vertagt. Was heute als Integration präsentiert wird, kann morgen als neue Form der Entmachtung erlebt werden.Auch für die Türkei ist der Ausgang offen. Ankara kann in Syrien an Einfluss gewinnen und zugleich die kurdische Autonomie schwächen. Das wäre ein kurzfristiger strategischer Erfolg. Langfristig aber bleibt die Frage, ob ein Staat regionale Ordnungsmacht sein kann, solange er die Kurden im Innern und jenseits seiner Grenzen vor allem als Sicherheitsproblem behandelt. Eine Politik, die kurdische Rechte durch Kontrolle ersetzt, wird immer neue Widerstände erzeugen, auch wenn die Waffen vorübergehend schweigen.Pro-Öcalan-Demonstration im türkischen Diyarbakir, 2026.Sertac Kayar / ReutersFür Europa zentralDeshalb reicht es nicht, den gegenwärtigen Prozess als türkischen Sieg oder kurdische Niederlage zu beschreiben. Entscheidend ist, welche Art von Ordnung in Syrien entsteht. Wird es eine Ordnung sein, die Minderheiten, lokale Selbstverwaltung und politische Pluralität zulässt? Oder entsteht eine neue Zentralmacht, die mit türkischer Zustimmung die kurdische Selbstverwaltung abbaut und Stabilität mit Unterordnung verwechselt?Für Europa ist diese Frage nicht nebensächlich. Eine erneute Destabilisierung Nordostsyriens würde nicht nur die Kurden treffen. Sie könnte den Kampf gegen den Islamischen Staat schwächen, neue Fluchtbewegungen auslösen und die Konkurrenz zwischen der Türkei, Israel, Iran und den arabischen Staaten verschärfen. Wer Stabilität in Syrien will, darf die kurdische Frage daher nicht als störendes Detail behandeln. Sie ist einer der Schlüssel zur Zukunft des Landes.Erdogan spielt derzeit ein grosses Spiel. Er versucht, die innere kurdische Frage, die Zukunft Syriens und seine regionale Machtstellung miteinander zu verbinden. Der Erfolg dieser Strategie wird jedoch nicht nur davon abhängen, wie viel Einfluss die Türkei in Damaskus gewinnt. Er wird davon abhängen, ob Ankara bereit ist, die Kurden nicht länger als zu neutralisierenden Störfaktor zu sehen, sondern als politische Realität. Ohne diese Anerkennung wird der türkische Griff nach Syrien die Region nicht stabilisieren. Er wird nur eine alte Frage in eine neue Krise verwandeln.Rüstü Demirkaya ist Doktorand der Soziologie an der Universität Genf.Passend zum Artikel
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Die über vier Länder verteilten Kurden kommen einem eigenen Staat einfach nicht näher. Die Partnerschaft mit den USA im Kampf gegen den IS beflügelte die Hoffnungen. Nun sehen sie sich dem doppelten Druck der syrischen und der türkischen Regierung ausgeliefert.






