«Es ist ein grosses Scheitern für Trump. Ich sage das als jemand, der ihm Erfolg gewünscht hätte»Der amerikanische Risikoanalyst Ian Bremmer erachtet das iranisch-amerikanische Abkommen als Niederlage der USA. Präsident Trump sei künftig kaum mehr daran interessiert, sich im Nahen Osten in einen Krieg hineinziehen zu lassen.18.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenPräsident Donald Trump will die Strasse von Hormuz öffnen. Ankunft am G-7-Gipfel in Evian-les-Bains, France, am 15. Juni, 2026.Christian Hartmann / ReutersHerr Bremmer, die USA und Iran wollen die Strasse von Hormuz öffnen und in 60 Tagen einen Frieden aushandeln. Wie stehen die Chancen, dass das Unterfangen gelingt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Wahrscheinlichkeit, dass die Strasse von Hormuz offen bleibt, ist zum Glück ziemlich hoch. Denn der Krieg war für fast die ganze Welt ein Desaster. Die allermeisten Menschen hatten nichts mit der Entscheidung zu tun, in den Krieg zu ziehen. Aber sie zahlen den Preis für den massiven wirtschaftlichen Schaden, den die Disruption verursacht hat. Das ist auch ein Grund, weshalb Präsident Trump einen Waffenstillstand ausgerufen hat und den Krieg wieder beenden will, den er begonnen hat. Er versteht, dass die Erschütterung der Weltwirtschaft für ihn selbst zu einem echten Problem geworden ist. Das heisst aber nicht, dass es Frieden geben wird. Das Rahmenabkommen verweist zwar auf die Waffenruhe in Libanon. Doch weder der Staat Israel noch die Hizbullah-Miliz sind eingeladen, es zu unterzeichnen. Das Risiko ist deshalb hoch, dass ihre Kriegshandlungen weitergehen und den Verhandlungsprozess behindern.Kann Trump Israel nicht in die Schranken weisen?Schon, aber er kann die israelische Politik trotzdem nicht kontrollieren. Offensichtlich übt er Druck auf Netanyahu aus, Beirut nicht anzugreifen. Das mag ihm gelingen, solange der Hizbullah nicht zuschlägt. Doch Netanyahus Likud-Partei verliert im Norden Israels an Unterstützung, wo die Bevölkerung den Hizbullah-Angriffen ausgesetzt ist. Im Oktober sind Wahlen in Israel. Es ist eine Illusion zu glauben, Netanyahu werde stillhalten, wenn der Hizbullah angreift — oder er werde die israelischen Truppen aus dem Süden Libanons abziehen. Genau das wiederum macht Angriffe des Hizbullah wahrscheinlicher. Deshalb lässt sich nicht einfach sagen: Es ist vorbei. Die Lage ist komplizierter.PDNun feiert Präsident Trump das Rahmenabkommen, das am Freitag auf dem Bürgenstock unterzeichnet werden soll, als Sieg. Denn Iran werde niemals eine Atombombe haben. Wie realistisch ist dieses Versprechen?Ich bin da sehr skeptisch. Die USA und Iran haben vor dem Krieg intensiv verhandelt, aber diese Gespräche stellten Washington nicht zufrieden. Dieses Mal werden den Iranern mehr Entschädigungen angeboten, aber sie vertrauen den amerikanischen Zusagen weniger, nachdem sie während der letzten Gespräche von den USA und Israel angegriffen wurden. Im Vergleich zum multilateralen Nuklearabkommen im Jahr 2015 unterscheidet sich auch der diplomatische Kontext. Das iranische Regime verhandelt hauptsächlich mit den Amerikanern, nicht mit Europa, Russland oder China. Es könnte ins Auge fassen, separate Abkommen mit Katar, Saudiarabien oder China zu verhandeln. In diesem Fall ist Teheran kaum motiviert, das Druckmittel der Urananreicherung und hochangereicherte Uranvorräte aufzugeben, nur um Washington zufriedenzustellen. Die USA könnten also zunehmend in die Rolle des Aussenseiters geraten. Und wenn das Regime glaubt, dass Trump keinen weiteren Krieg will, hat es jeden Anreiz, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, ohne grössere Zugeständnisse zu machen — etwas, worin es historisch gesehen immer sehr gut war.Nehmen wir trotzdem einmal an, Iran sei ernsthaft an einem Nuklearabkommen interessiert. Wie realistisch ist es, das in zwei Monaten zu schaffen, wie das Rahmenabkommen es vorsieht?Ich halte die Wahrscheinlichkeit, dass man innerhalb eines Zeitraums von 60 Tagen zu einer Einigung kommt, für verschwindend gering. Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) muss in Aktion treten, und das war bislang nicht der Fall. Hinzu kommt: Ein Abkommen ist mit den Iranern kein Abkommen, bis es eine wirksame Umsetzung gibt. Und das ist enorm schwierig, wie wir wissen. Schon jetzt sagen die Iraner und Amerikaner unterschiedliche Dinge über die Abmachungen im Rahmenabkommen, die eigentlich geklärt schienen.Die Iraner sagen, sie würden sofort die Hälfte der eingefrorenen 24 Milliarden Dollar in Katar erhalten, quasi als Kompensation, um die Strasse von Hormuz zu öffnen. Trump sagte, das sei falsch. Was stimmt?Ich glaube, beide Seiten interpretieren das unterschiedlich, ohne direkt zu lügen. Sie betreiben sogenannten Spin. Wahrscheinlich erfolgt eine Pauschalzahlung an Iran für die Wiedereröffnung der Strasse. Im Rahmenabkommen ist das aber nicht ausdrücklich festgehalten, weil nicht die USA zahlen. Wenn Katar die Zahlung leistet, zu eigenen Bedingungen und aus eigenen Interessen, kann Washington formal behaupten, nichts damit zu tun gehabt zu haben.Erinnert das nicht an die Zahlung von 1,6 Milliarden Dollar, die Präsident Obama bei der Umsetzung des Nuklearabkommens 2015 leistete?Ja, Trump griff Obama einst wegen angeblicher «Paletten voll befrachtet mit Bargeld» für Iran heftig an. Etwas Ähnliches geschieht nun wieder – die Zahlung ist diesmal nicht an ein Atomabkommen geknüpft, sondern dient der Wiedereröffnung der Strasse von Hormuz. Dass es Tage dauerte, bis nach der Ankündigung eines elektronisch unterzeichneten Abkommens der Text vorlag, hatte seinen Grund. Wenn Trump etwas öffentlich machen will, tut er das. Als er Iran im Februar angriff, zeigte er Videos und sprach darüber, das iranische Volk befreien zu wollen. Wenn ein Deal für die USA weniger stark aussieht, gibt es plötzlich keinen Text. Es ist offensichtlich: Trump will das Kapitel Iran abschliessen und sich Themen zuwenden, die politisch günstiger für ihn sind.Sie glauben, Trump sieht den Angriff auf Iran insgeheim als Niederlage an?Man kann sich nicht in die Psychologie eines Menschen hineinversetzen, der seine eigenen Misserfolge so konsequent verdrängt. Im Fall der Ukraine und Russlands gab Trump zu, dass er daran scheiterte, Frieden zu schliessen, wie er versprochen hatte. Bei Iran zeigt sich ein ähnliches Muster. Trump sagte, Hilfe für das iranische Volk sei unterwegs: Fehlanzeige. Er sagte, er werde den neuen Obersten Führer auswählen: reine Fiktion. Im Rahmenabkommen werden weder die ballistischen Raketen erwähnt, noch kommt Irans Einfluss auf die Hamas und den Hizbullah zur Sprache. Irans Militär ist nicht zerstört, wie Trump behauptet. Und in der Nuklearfrage mögen Gespräche beginnen; einen Erfolg gibt es bislang nicht. Zwischen dem, was Trump angekündigt hat, und dem, was tatsächlich eingetreten ist, klafft eine gewaltige Lücke. Es ist ein grosses Scheitern. Ich sage das als jemand, der ihm Erfolg gewünscht hätte. Und ich anerkenne seine tatsächlichen Erfolge — etwa in Venezuela oder bei den Abraham-Abkommen in seiner ersten Amtszeit.Aber sollte man Trump nicht zugutehalten, dass er mit dem Krieg die militärischen und nuklearen Kapazitäten sowie den Einfluss des Terrorregimes in Teheran dezimiert hat?Ja, aber bei weitem nicht in dem Ausmass, wie es Trump zu Kriegsbeginn versprochen hatte. Er sagte damals, Iran stehe kurz vor der Kapitulation. Das war offensichtlich nicht der Fall. Er sagte, es gebe kaum noch Ziele, die man treffen könne. Auch das stimmt nicht. Dass Iran Monate später noch immer über erhebliche Fähigkeiten verfügt – ballistische Raketen, Drohnen und die Möglichkeit, amerikanische Verbündete am Golf zu treffen –, widerlegt die Behauptung, das Regime sei militärisch am Ende. Natürlich: Iran verfügte trotz dem Zwölftagekrieg vor einem Jahr weiterhin über erhebliche nukleare Fähigkeiten. Die USA und Israel hätten aber neue Angriffe durchführen können, ohne die Schliessung der Strasse von Hormuz zu riskieren. Doch stattdessen zielten sie auf die Spitze des Regimes. Das veränderte Irans Kalkül. Solange das Regime wusste, dass seine Führer im Fall einer Eskalation in Sicherheit bleiben, mied es eine Blockade. Als diese dann getötet wurden, schritt Iran zur Tat. Auch politisch brachte der amerikanische Angriff keinen Erfolg. Das Regime ist weiterhin an der Macht. Dabei war eine wichtige Begründung für den Krieg, dass es die eigene Bevölkerung massakriert hat. Die Realität ist: Die USA zogen weitgehend allein in den Krieg — nicht mit den Europäern, nicht mit Kanada, nicht mit Japan, nicht mit den Golfstaaten, sondern nur mit Israel. Sie verursachten massiven wirtschaftlichen Schaden, entfremdeten Verbündete und verlegten einseitig militärische Fähigkeiten aus Europa und Asien an den Golf. Nun schliessen sie ein Abkommen, um eine Meerenge zu öffnen, die vor dem Krieg ohnehin offen war — ohne dass eines ihrer eigentlichen Kriegsziele erreicht worden wäre. Das ist eine deutlich schlechtere Lage als der Status quo ante.Ihre Prognose: Was geschieht in den kommenden Monaten der Verhandlungen?Es dürfte ein Abkommen geben, denn Trump will raus aus dem Iran-Desaster und das Thema wechseln. Er richtet den Blick wieder auf die westliche Hemisphäre, vor allem auf Kuba. Dort setzt er auf wirtschaftlichen und diplomatischen Druck, um etwas zu erreichen, womit seit 60 Jahren kein Präsident Erfolg hatte. Hätte er diesen Kurs direkt nach Venezuela eingeschlagen, stünde er in den Augen vieler Amerikaner aussenpolitisch wohl deutlich besser da. Stattdessen wirkt er nun wie ein Verlierer. Deshalb will er nun die negativen Schlagzeilen loswerden, die ihm der Iran-Krieg gebracht hat. Das kann man ihm nicht verdenken.Und käme es im Nahen Osten wieder zur Eskalation, unter anderem weil Iran wieder erstarkt – kann Israel noch mit Trump rechnen?Wahrscheinlich nicht. Sollte Israel erneut eingreifen, könnte Trump weitgehend zuschauen. Die USA würden vermutlich Geheimdienstinformationen liefern, doch Trump dürfte kein Interesse daran haben, in einen weiteren Krieg hineingezogen zu werden. Israels Ministerpräsident ist offenkundig zutiefst unglücklich über das Rahmenabkommen. Beim G-7-Gipfel sagte Trump, Israel würde ohne ihn nicht einmal existieren — eine bizarre Behauptung angesichts Israels eigener militärischer Stärke und nuklearer Abschreckung. Doch die Bemerkung zeigt Trumps Zorn und Gereiztheit. Er hat das Gefühl, an der Seite Israels in den Krieg gezogen zu sein — nur um jetzt festzustellen, dass Israel nicht wirklich bereit ist, sich auf den Frieden einzulassen.Ian BremmerSpezialist für globale politische RisikenDer amerikanische Politologe und Unternehmer ist Gründer und Präsident der Beratungsfirma Eurasia Group sowie Initiator des Global-Political-Risk-Index an der Wall Street.Passend zum Artikel