Der andere BlickDie Koalition will die Tabak- und Alkoholsteuer erhöhen: Damit werden die wirklichen Probleme im Gesundheitswesen nur verschleiertKoalitionspolitiker verkaufen die Steuererhöhungen als Prävention. Doch das ist scheinheilig. An echten Reformen führt kein Weg vorbei.17.06.2026, 17.45 Uhr3 LeseminutenIn Deutschland ist der Bierkonsum zwar rückläufig, liegt aber immer noch weit über dem europäischen Durchschnitt.Ralph Peters / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susann Kreutzmann, Redaktorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gesundheitspolitiker aus SPD und CSU wollen die Steuer auf Tabak, Alkohol und zuckerhaltige Getränke schneller als geplant erhöhen. Sie argumentieren mit mehr Prävention und einer gerechteren Lastenverteilung im deutschen Gesundheitssystem. Doch das ist heuchlerisch. Mit den Einnahmen soll ein neues Milliardenloch in den gesetzlichen Krankenkassen gestopft werden.Zugleich ist es widersprüchlich, die Finanzen der Krankenkassen mit «Erziehungssteuern» sanieren zu wollen. Der Staat erklärt das Verhalten der Bürger zum Problem – und macht sich finanziell davon abhängig.Damit duckt sich die Politik weg. Die tiefsitzenden strukturellen Defizite im Gesundheitswesen werden nicht angegangen, sondern weiter kaschiert. Es ist komfortabler, den Menschen unter dem moralischen Vorwand der eigenen Gesundheit in den Geldbeutel zu greifen, als unbequeme Reformen anzupacken. Diesem Reflex politischer Kurzsichtigkeit sind nun offensichtlich auch die Gesundheitsexperten von SPD und CSU erlegen.Überfluss verdeckt die wirklichen ProblemeRund eine Milliarde Euro pro Tag steht dem deutschen Gesundheitswesen zur Verfügung, so viel wie in keinem anderen OECD-Land. Die Versorgung ist also üppig, aber ineffizient. Die Deutschen gehen im Vergleich zu oft zum Arzt und verbringen mehr Tage im Spital als anderswo in Europa.Gleichzeitig gibt es zu viele Krankenhausbetten, von denen rund 30 Prozent nicht belegt sind. Genau hier muss der Hebel angesetzt werden. Doch die Beharrungskräfte sind immens. Nirgendwo sind so viele Interessengruppen unterwegs, die alle den Status quo verteidigen, wie im Gesundheitswesen.Zu den unbequemen Wahrheiten gehört auch, dass die Einnahmen durch Steuererhöhungen oft geringer ausfallen als erwartet. Höhere Preise verändern das Verhalten der Menschen. Sie konsumieren weniger, weichen auf andere Produkte aus oder suchen günstigere Alternativen. Aus gesundheitspolitischer Sicht wäre das ein Erfolg. Doch damit schrumpft die erhoffte fiskalische Einnahmequelle.Eigentlich hatte Bundeskanzler Friedrich Merz Steuererhöhungen ausgeschlossen. Eine neue Abgabe auf zuckerhaltige Getränke passt nicht zu diesem Versprechen. Ähnlich sieht es mit der Erhöhung der Tabaksteuer aus, die im europäischen Vergleich schon deftig ausfällt. Die Zahl der erwachsenen Raucher ist in Deutschland zwar zurückgegangen, beträgt aber immer noch rund 19 Prozent. Bei hochprozentigen Spirituosen liegt die Alkoholsteuer im europäischen Mittelfeld, die Biersteuer ist dagegen gering. Auch wenn immer die Zweckgebundenheit der Steuererhöhungen betont wird, belasten sie doch viele Menschen zusätzlich.Steuererhöhungen sind keine PräventionPrävention muss in Deutschland insgesamt mehr belohnt werden. Da hilft nicht eine einzige Steuer, sondern nur ein abgestimmtes Konzept. Das deutsche Gesundheitswesen ist bislang ein reiner Reparaturbetrieb. Es ist darauf ausgerichtet, mit viel Geld Krankheiten zu behandeln, wenn sie ausgebrochen sind, und nicht, sie zu verhindern. Hier sollte die Politik ansetzen und einen Mentalitätswechsel in Gang bringen.Der eigentliche Konflikt des deutschen Gesundheitssystems ist jedoch sein Überfluss. Zu viel Geld verdeckt die wirklichen Probleme wie Überkapazitäten, immense Bürokratie und Doppelstrukturen. «Der Reformdruck, der besteht, darf nicht durch zusätzliches Geld abgeschwächt werden», hatte der SPD- Gesundheitspolitiker und Arzt Christos Pantazis vor rund einem Jahr gesagt. Jetzt spricht er sich für Steuererhöhungen aus. Er sollte sich selbst beim Wort nehmen.Passend zum Artikel