Ein polnischer Tiergarten-Mord? Nach der Tötung eines kremlkritischen Künstlers steht der russische Geheimdienst im VerdachtDer russische Künstler Semjon Skrepezki war ein ätzender Kritiker des Kremls und des russischen Nationalismus. Seine Ermordung im polnischen Exil wirft Fragen auf.17.06.2026, 16.42 Uhr4 LeseminutenSemjon Skrepezki mit zwei seiner Bilder in Venedig. Der Künstler hatte gegen die Präsenz eines russischen Pavillons an der Biennale in der Lagunenstadt protestiert.Stefano Mazzola / GettyAm Montagmorgen teilte Semjon Skrepezki auf Telegram eine Nachricht, die er kurz zuvor erhalten hatte. Nach dem Krieg werde ihn der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow auf Befehl des russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich vergewaltigen, drohte ihm jemand. Seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen, sei ein Kinderspiel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwei Weissrussen festgenommenDie weitergeleitete Drohung war Skrepezkis letztes Lebenszeichen. Anderthalb Stunden später war er tot. Der russische Künstler, der wegen seiner beissenden Kritik am Kreml seit fünf Jahren in Polen im Exil lebte, wurde am Montag von einem Unbekannten in der ostpolnischen Kleinstadt Biala Podlaska aus nächster Nähe erschossen. Er hinterlässt eine Frau und fünf Kinder.Die örtliche Polizei hat im Zusammenhang mit dem Mord in der Nähe des weissrussischen Konsulats zwei weissrussische Staatsbürger verhaftet. Ob es sich bei einem der beiden um den Todesschützen handelt, ist nicht bekannt. Biala Podlaska befindet sich unweit des wichtigsten polnischen Grenzübergangs nach Weissrussland. Der Machthaber in Minsk, Alexander Lukaschenko, ist ein enger Verbündeter Wladimir Putins.Zu den möglichen Hintergründen der Tat gibt es bisher keine offiziellen Angaben. Polnische Medien sprechen jedoch von einem politischen Motiv. Tatsächlich liegt ein solches nahe. Skrepezki soll schon länger Drohungen aus dem Umfeld Kadyrows erhalten haben. Sowohl der tschetschenische Gewaltherrscher wie Russlands Präsident Putin sind bekannt dafür, aus machtpolitischem Kalkül oder aus persönlicher Rache Gegner auch im Ausland rücksichtslos zu verfolgen.Polnische Sicherheitskräfte untersuchen in Biala Podlaska die Umgebung des Tatorts.Wojtek Jargilo / EPADerbe BildspracheSemjon Skrepezki war ein Pseudonym. Mit bürgerlichem Namen hiess der Mann aus der tiefen Provinz in der sibirischen Region Altai Robert Kusokow. Weder in Russland noch im Exil war er einem breiteren Publikum bekannt. Feinde hat er sich mit seiner Kunst dennoch gemacht.Seine surrealen Bilder zeigen fast ausschliesslich politische Persönlichkeiten, die in absurder Darstellung ins Lächerliche gezogen werden. Kadyrow hat auf den meisten Bildern eine Schweinsnase, Putin trägt Häftlingskleidung oder Mäuseohren, sitzt auf Stalins Schoss oder saugt an der Brust einer Heiligenfigur.Nicht selten ist die Bildsprache derb, um nicht zu sagen vulgär. Auf einem Bild penetriert Putin Kadyrow, auf einem anderen treibt es Kadyrow mit einer Ziege. Neben Putin, Kadyrow und weiteren Personen aus dem Zentrum der Macht nahm Skrepezki aber auch Gegner des Kremls aufs Korn, etwa die Witwe von Alexei Nawalny oder den Exil-Politiker Ilja Jaschin. Der Künstler kritisierte die russische Opposition unter anderem für ihr Versäumnis, mit dem Nationalismus zu brechen.Den Überfall auf die Ukraine verurteilte Skrepezki klar. Trotzdem hatte er auch in der Ukraine Feinde. Wegen abschätziger Äusserungen zur ukrainischen Armee und der politischen Führung des Landes wurde er auf der berüchtigten Liste von «Mirotworez» geführt. Die aus den USA verwaltete Webseite listet echte und vermeintliche Staatsfeinde der Ukraine auf, teilweise sogar mit Anschrift.Aktion vor russischer Botschaft in BerlinSkrepezkis wichtigstes Thema war aber immer Russland. Er verstand sich als Konzeptkünstler, nicht nur als Maler. Zusammen mit dem Kollektiv Pussy Riot, das ebenfalls für sexuell konnotierte Tabubrüche bekannt ist, protestierte er an der Biennale in Venedig gegen die Präsenz eines russischen Pavillons.Für seine letzte Aktion reiste er wenige Tage vor seiner Ermordung nach Berlin. Am 12. Juni, dem russischen Nationalfeiertag, stellte er sich dort in einer absurden Verkleidung vor die russische Botschaft. Dass in Berlin gleichzeitig ein Kongress der russischen Exil-Opposition stattfand, dürfte kein Zufall gewesen sein.Skrepezki trug eine Militärjacke mit Orden, eine Fellmütze und russische Bauernfinken. Seine Hose hatte ein Loch am Hintern, in das er eine russische Flagge gestopft hatte. Diese zog er sich vor laufender Kamera heraus und warf sie in einen Mülleimer.In seinem Telegram-Kanal schrieb er danach, er habe gehofft, von der deutschen Polizei wegen Verunglimpfung staatlicher Symbolik verhaftet zu werden. Das sei aber leider nicht geschehen. Kurz nach seiner Rückkehr nach Polen wurde er erschossen.Schauplatz russischer SabotageakteIn Polen macht man sich keine Illusionen über die Aktivität russischer Geheimdienste im Land. Polen ist einer der wichtigsten Schauplätze russischer Sabotageakte im Westen. Im November gab es einen Sprengstoffanschlag auf ein Bahngleis. Nur mit Glück konnte ein grösserer Unfall vermieden werden. Ein Mord auf polnischem Boden wäre eine weitere Eskalation.Der für die Region von Biala Podlaska zuständige Abgeordnete Przemyslaw Czarnek von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit sagte am Dienstag: «Sollte tatsächlich der russische Geheimdienst hinter dem Mord stecken, treten wir in eine neue Zeit im Leben des polnischen Staates ein.»In Deutschland oder Grossbritannien kennt man diese Realität bereits. Man denke an den sogenannten Tiergarten-Mord an einem tschetschenischen Separatisten oder an den Giftanschlag gegen den übergelaufenen russischen Geheimdienstagenten Sergei Skripal.Seine Dünnhäutigkeit gegenüber künstlerischer Kritik hat der Kreml ebenfalls bewiesen, wenn auch bisher in weniger rabiater Form. Im April verurteilte ein Gericht in Moskau den deutschen Skulpteur Jacques Tilly in Abwesenheit zu einer achteinhalbjährigen Haftstrafe. Tilly hatte für den Karneval in Düsseldorf Umzugswagen mit Putin-Sujet kreiert.I have heartbreaking news to share: Semyon Skrepetsky, who stood with us in Venice protesting the reopening of the Russian Pavilion, has been murdered.Semyon was a Russian artist and dissident who chose to challenge power through his work. His cartoons targeted Putin, Kadyrov,… pic.twitter.com/YSKiXKycK4— Pina Picierno (@pinapic) June 16, 2026