Von Josef „Seppl“ Herberger stammt die Erkenntnis, dass der Fußball spannend ist, gerade weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht. Den Wahrheitsgehalt der Einsichten Herbergers infrage zu stellen, ist grundsätzlich möglich, aber sinnlos. Sinnvoller ist es, sie auf andere Erkenntnisgebiete auszudehnen, etwa auf die Wissenschaft. Auch die behauptet ja, spannend zu sein, weil bei der Antragstellung niemand weiß, wie ein Forschungsprojekt ausgeht. Vor allem dann natürlich nicht, wenn dieses Projekt den Fußball erforscht. Oder gar eine ganze Fußball-Weltmeisterschaft.Ein Team aus Statistikexperten des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin will jetzt aus 100.000 Simulationen des sogenannten „Dixon-Coles-Modells“ den Ausgang des Turniers berechnet haben. Man habe dazu die Angriffs- und Abwehrstärke aller 48 WM-Teams seit 2012 unter Berücksichtigung des Heimvorteils geschätzt. Aber, Achtung, Spoiler-Alarm! Wer jetzt um die Spannung der kommenden Wochen bis zum Endspiel fürchtet, sollte besser nicht weiterlesen. Die Forscher von der FU kamen nämlich zu dem Ergebnis, dass Argentinien Weltmeister wird, mit einer Wahrscheinlichkeit von 14 Prozent, gefolgt von Spanien und England.Und Deutschland? Wird mit ganzen 5,5 Prozent Weltmeister! Das entspricht etwa der Wahrscheinlichkeit, dass die Bayern in der kommenden Saison nicht wieder Meister werden. Auch wenn manche sagen, es gäbe keine Spannung mehr im Meisterkampf – noch ist nichts entschieden. Auch die Wissenschaft kann irren. Selbst an einer Exzellenzuniversität wie der FU. Deshalb stellen die dortigen Wirtschaftswissenschaftler sicherheitshalber auch klar, dass sie keine Haftung für Wetten übernehmen, die auf Grundlage ihrer Prognose getroffen wurden.Und wer grundsätzlich der Wissenschaft und insbesondere den Statistikern misstraut, kann sich an der FU auch an den Fachbereich Veterinärmedizin wenden. Dort vertraut man für den Blick in die Zukunft lieber einem Orakel, nämlich dem Schaf Tina. Das hat sonst den Auftrag, gemeinsam mit einigen Artgenossen das Gras am FU-Standort Düppel kurz zu halten. Das Schaforakel von Düppel gehört wie etwa das Fischorakel des Apollon im antiken Sura zu den Tierorakeln, wozu auch die Alectryomantie zählt, die für die Zukunftsschau auf das Fressverhalten von Vögeln schwört.Tina gehört der bedrohten Haustierrasse Rauhwolliges Pommersches Landschaf an und soll mit seinem Fressverhalten das Abschneiden des DFB-Teams voraussagen. Sie hat dazu zwischen drei Futtertrögen zu wählen, die für „Sieg“, „Unentschieden“ oder „Niederlage“ unserer Elf stehen. Was Tina als Fußballorakel qualifiziert, wurde von der FU nicht mitgeteilt. Das Pommersche Landschaf gilt als feinknochig und robust, zeichnet sich aber nicht gerade durch besondere Intelligenz aus. Aber wenn man bedenkt, dass Tinas Prognosen mit einer gesicherten Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent zutreffen werden, liegt es damit auf jeden Fall weit vor den Kollegen von den Wirtschaftswissenschaften. Es bleibt also spannend.
Die Fußballorakel der FU Berlin
Statistikexperten der FU Berlin sagen den kommenden Fußball-Weltmeister voraus. Ein Schaf aus der Veterinärmedizin macht ihnen Konkurrenz.











