ErklärtRezeptfreie Schmerzmittel: Welches wirkt am besten?Mittel wie Paracetamol oder Ibuprofen sind frei verkäuflich – zumindest in niedrigen Dosierungen. Fachleute verraten, welche Medikamente wann am besten helfen. Und wie sich Wirkung und Sicherheit der Medikamente verbessern lassen.28.08.2025, 08.27 Uhr5 LeseminutenGerade bei Migräne sollte man schon frühzeitig zu Medikamenten greifen. Am besten schon dann, wenn sich die Schmerzen erst ankündigen.Ute Grabowsky / GettyWer rezeptfreie Schmerzmedikamente kauft, muss oft ohne ärztlichen Rat auskommen. Dabei ist es wichtig, bei der Einnahme einige Regeln und Tricks zu beachten. Was Sie zu diesen Arzneimitteln und ihrer Anwendung wissen sollten:Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.InhaltsverzeichnisWelche rezeptfreien Schmerzmittel gibt es?Wann soll man welches Medikament einsetzen?Welche Nebenwirkungen haben die Schmerzmittel?Wie lange kann man ein Schmerzmittel einnehmen?Wann sollte man mit der Einnahme beginnen?Welche rezeptfreien Schmerzmittel gibt es?Frei verkäuflich sind folgende Wirkstoffe zur Schmerzlinderung: Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS), Diclofenac, Naproxen und Paracetamol. Zudem bekommen Personen mit ärztlich diagnostizierter Migräne auch ohne Rezept Triptane zur Linderung akuter Migränekopfschmerzen in der Apotheke.Ibuprofen, ASS, Diclofenac und Naproxen gehören zur Wirkstoffklasse der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Sie heissen so, weil sie zunächst eingesetzt wurden, um rheumatische Beschwerden zu lindern. Die Medikamente aus dieser Gruppe bekämpfen nicht nur Schmerzen, sondern wirken auch entzündungshemmend und fiebersenkend.Ihre Wirkung zeigen die Mittel, indem sie die sogenannten Cyclooxygenasen (COX) hemmen. Das sind Enzyme, die an der Bildung von Prostaglandin-Botenstoffen beteiligt sind. Die wiederum fördern Entzündungsreaktionen und können Schmerzen auslösen. Wird die Bildung von Prostaglandinen gebremst, kommen weniger Schmerzsignale im Gehirn an.Paracetamol hilft ebenfalls gegen Schmerzen und Fieber. Weil das Medikament aber vor allem in Gehirn und Rückenmark seine Wirkung entfaltet, hemmt es anders als NSAR im Gewebe keine Entzündungen.Triptane lindern Kopfschmerzen bei Migräne. Sie hemmen die Freisetzung des Entzündungsbotenstoffs Calcitonin Gene-Related Peptide, abgekürzt CGRP, im Gehirn. Dieser Eiweissstoff ist an der Entstehung der Migräneschmerzen beteiligt.Wann soll man welches Medikament einsetzen?Ob Paracetamol, Ibuprofen oder Naproxen – von der Stärke der schmerzlindernden Wirkung her seien sich alle Mittel sehr ähnlich, sagt Bernd Mühlbauer, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Für welches Mittel man sich entscheide, sei vor allem abhängig von individuellen Faktoren. «Mancher bekommt schon nach einer einzigen Tablette Ibuprofen oder Diclofenac Magenschmerzen. Andere haben dagegen das Gefühl, bei ihnen würde Paracetamol nichts bewirken», sagt der Arzt und Pharmakologe. Dann sollte man jeweils das Alternativprodukt probieren.Es gibt noch ein weiteres Kriterium, das zu berücksichtigen sich lohnt. NSAR wie Diclofenac oder Ibuprofen helfen besonders gut bei Entzündungsschmerzen und bei Beschwerden in den Weichteilen, Knochen und Gelenken, beispielsweise bei Rücken- oder Zahnproblemen.«Bei allen anderen Schmerzen würde ich eher Paracetamol empfehlen», sagt der Schmerzmediziner Lukas Radbruch, der die Palliativmedizin des Universitätsklinikums Bonn leitet. Denn kurzfristig habe dieses Mittel weniger Nebenwirkungen. Naproxen hat im Vergleich zu seinen Verwandten zwei Vorteile: Es wirkt etwas länger und verursacht bei längerer Anwendung seltener Herz- oder Kreislaufschäden. Aspirin wird in der Schmerztherapie kaum noch verwendet. Der Grund: schwache Wirkung, viele Nebenwirkungen.Man kann Paracetamol und ein NSAR-Präparat auch kombiniert einsetzen, das verstärkt oft die schmerzlindernde Wirkung. Das kann gerade bei stärkeren Schmerzen helfen. Triptane hingegen werden nur bei akuten Migränekopfschmerzen genutzt. Sie helfen nicht bei anderen Kopfschmerzen.Welche Nebenwirkungen haben die Schmerzmittel?Paracetamol kann die Leber schädigen, deshalb sollte man die tägliche Maximaldosis von vier Gramm nicht überschreiten. Wer ohnehin Leberprobleme hat, dem wird geraten, das Mittel vollständig zu meiden. Auch wer andere Medikamente einnimmt, die die Leber schädigen können, sollte auf Paracetamol verzichten. Sonst aber gilt dieses Schmerzmittel als gut verträglich.Die nichtsteroidalen Antirheumatika Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen und Acetylsalicylsäure (ASS) können bei längerfristiger Einnahme Entzündungen der Magenschleimhaut und sogar Magengeschwüre verursachen. Werden Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen zu lange oder in zu hoher Dosierung eingenommen, ist das mit einem erhöhten Risiko für Nierenschäden verbunden sowie einem leicht erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Infarkte.Das nichtsteroidale Antirheumatikum Acetylsalicylsäure (ASS) – vor allem bekannt geworden als Aspirin – hat ebenfalls eine spezifische Nebenwirkung: Es hemmt längerfristig die Blutgerinnung, die Blutplättchen verkleben nach der Einnahme weniger gut miteinander. Vor allem vor Operationen sollte man es daher nicht anwenden.Diese Nebenwirkungen sind darauf zurückzuführen, dass die nichtsteroidalen Antirheumatika die erwähnten Cyclooxigenasen hemmen, genauer gesagt die Enzyme COX-1 und COX-2. Diese haben nicht nur einen Einfluss auf das Schmerzempfinden und auf Entzündungen, sondern auch auf die Gesundheit von Magenschleimhaut, Nieren und Herz-Kreislauf-System. Die verschiedenen Wirkstoffe hemmen COX-1 und COX-2 jeweils unterschiedlich stark. Deshalb unterscheiden sich die Nebenwirkungen.Wer bereits Medikamente einnimmt, die Magen, Nieren oder Herz-Kreislauf-System in Mitleidenschaft ziehen können, oder entsprechende vorbestehende Probleme hat, sollte die Wahl des Schmerzmittels mit einem Arzt oder einem Apotheker besprechen.Die typischen Nebenwirkungen von Triptanen sind ein leichtes Schwächegefühl, Schwindel und Kribbeln. Weil Triptane dazu führen, dass sich Blutgefässe verengen, soll man sie nicht einnehmen, wenn man bereits einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hatte oder unter anderen Herz-Kreislauf-Problemen leidet.Wie lange kann man ein Schmerzmittel einnehmen?Drei Tage, länger sollten freiverkäufliche Schmerzmittel am Stück nicht eingenommen werden, so lautet die gängige Expertenempfehlung. Bernd Mühlbauer ist etwas grosszügiger: Wenn die Mittel innerhalb der drei Tage eine deutliche Wirkung zeigen, kann man sie auch ein, zwei Tage länger nehmen. Danach sollte man aber unbedingt einen Arzt aufsuchen: «Denn Schmerzen, die länger dauern, sind ein Alarmzeichen und deuten darauf hin, dass irgendetwas kaputt ist», sagt der Experte. Weitere Gründe für eine solche zeitliche Begrenzung: Mit der Dauer der Einnahme steigt die Gefahr von Nebenwirkungen, gleichzeitig schwindet die erwünschte Wirkung.Wann sollte man mit der Einnahme beginnen?«Beginnen Sie mit der Einnahme, wenn sich die Schmerzen ankündigen oder wenn sie gerade anfangen», lautet der Rat des Schmerzmediziners Lukas Radbruch. Wer früh startet, bekämpft nicht nur erfolgreicher seine Symptome, sondern benötigt oft auch niedrigere Dosierungen. Wer mit den Tabletten zu lange wartet, riskiert dagegen, dass die Schmerzen Gehirn und Rückenmark zusätzlich sensibilisieren. Empfohlen wird eine Einnahme zudem eine halbe Stunde vor oder ein, zwei Stunden nach dem Essen. Denn Nahrung im Magen erschwert die Aufnahme der Wirkstoffe. Allerdings hat das Schlucken direkt nach den Mahlzeiten einen Vorteil: Es lindert die Nebenwirkungen der Tabletten im Magen.Wann ist ein rezeptpflichtiges Medikament nötig?Rezeptfreie Schmerzmittel sind eine gute Wahl, um leichte bis mässig starke Schmerzen zu behandeln. Sie eignen sich nicht, um sehr starke oder sogar chronische Schmerzen zu therapieren. In solchen Fällen können sie in Kombination mit weniger intensiv wirkenden opioidhaltigen Medikamenten verschrieben werden. Es gibt auch Opioide mit höherer Potenz, die beispielsweise nach Operationen oder bei Tumorschmerzen eingesetzt werden.Die höhere Wirkkraft hat ihren Preis: Opioide haben sehr viel stärkere Nebenwirkungen und können abhängig machen. Deshalb muss ein Arzt die Anwendung anordnen. Möglich ist auch die Gabe von NSAR in höheren Dosen. Auch hierfür ist ein Rezept notwendig.Laut Bernd Mühlbauer ist das aber oft nicht notwendig: «Neuere Studien zeigen, dass höhere NSAR-Dosen nicht unbedingt besser wirken – sie erhöhen nur das Risiko von Nebenwirkungen.» Besser sei es, bei den freiverkäuflichen Tabletten zu bleiben und bei nicht ausreichendem Effekt nach ein paar Stunden eine zweite Tablette zu nehmen, solange die maximale Tagesdosis nicht überschritten wird.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel