Der Laubbläser wird gestartet, eine feine Staubwolke hebt sich vom Asphalt. Blätter schießen über den Gehweg, Zigarettenstummel rollen über den Bordstein, eine leere Getränkedose klappert gegen einen Gullydeckel. „Anderthalb Autos Abstand“, ruft Ivan David Fioravante über das Dröhnen des Motors hinweg. Sonst nämlich bekommt man den aufgewirbelten Dreck direkt ins Gesicht.Die meisten Menschen, die an diesem Morgen um kurz nach zehn Uhr im Frankfurter Messeviertel unterwegs sind, laufen an den Männern in Orange vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Der eine schaut auf sein Smartphone, ein anderer telefoniert, wieder andere eilen vermutlich zum nächsten Geschäftstermin. Kaum jemand beachtet den Laubbläser, die Besen oder die Kehrmaschine. Die drei Männer von der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH, abgekürzt: FES, sind schon seit sechs Uhr morgens im Einsatz.Unterwegs sind sie nicht mit einem Müllwagen, sondern mit einem weißen Sprinter. Vorne sitzen der Arbeitsgruppenleiter Onur Karaca und sein Kollege Ivan David Fioravante, hinten Patrick Reinhardt-Fischer zwischen Laubbläsern, Werkzeug und Arbeitsmaterial. Die Stimmung ist locker, es wird gescherzt, gelacht und viel diskutiert. Man merkt schnell: Hier sitzen keine Kollegen zusammen, die sich zufällig denselben Arbeitsplatz teilen, hier sitzt ein Team.Die Abläufe sind eingespielt, die Aufgaben klar verteiltWährend der Fahrt Richtung Messe erzählt Karaca von ihren Touren. Jeder Tag folgt festen Routen. Mehrere Kolonnen teilen sich Frankfurt auf, jede Woche wiederholen sich die Bezirke. Heute ist die Kuhwaldsiedlung an der Reihe. „Wir haben schon am Morgen hier gearbeitet“, erklärt Karaca. Ihre erste Tour begann um sechs Uhr. Papierkörbe leeren, Straßen reinigen, Verschmutzungen beseitigen.Die Abläufe sind eingespielt, niemand verteilt Aufgaben. Fioravante läuft mit dem Laubbläser voraus, Reinhardt-Fischer folgt ihm mit einem selbst gebundenen Reisigbesen. Karaca parkt den Sprinter einige Meter weiter, stößt anschließend dazu. Fioravante pustet mit seinem Bläser Laub, Staub und kleineren, achtlos weggeworfenen Müll an den Straßenrand. Reinhardt-Fischer kehrt das Material auf die Fahrbahn. Dort sammelt die Kehrmaschine alles auf.Zuerst kommt der Reisigbesen zum Einsatz, dann die Kehrmaschine: Patrick Reinhardt-Fischer fegt Abfälle vom Gehweg auf die Straße.Janek StempelStraßenreinigung bedeutet laufen. Sehr viel laufen. Kehren. Bücken. Aufheben. Wieder laufen. Und dabei ständig aufmerksam bleiben. „Viele denken, wir würden nichts tun“, sagt Arbeitsgruppenleiter Karaca und schüttelt den Kopf. Solche Aussagen hören die Mitarbeiter öfter. Doch vor allem im Winter, wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken und die Kehrmaschinen wegen eingefrorener Leitungen nicht eingesetzt werden können, müssen die Teams alle Arbeiten per Hand erledigen. Passanten würden häufig nur den kurzen Moment bemerken, wenn sich ein Mitarbeiter im Fahrzeug aufwärmt. „Dann heißt es direkt: Guck mal, die sitzen ja nur herum.“Auch die Wilderdbeeren müssen wegBeim Lauf durch die Straßen zeigt Karaca auf Stellen, die man sonst übersehen würde. Zwischen Pflastersteinen wächst Unkraut. Aus kleinen Rissen im Asphalt schieben sich Pflanzen nach oben. Manchmal sogar Wilderdbeeren. „Die müssen wir auch entfernen“, sagt er. Besonders in den Sommermonaten haben sie mit dem Unkraut zu kämpfen. Kaum ist eine Fläche gereinigt, wächst sie nach dem nächsten Regen erneut zu.Jede Jahreszeit bringt für die Müllmänner ihre eigenen Herausforderungen mit sich. Im Frühjahr häufen sich wilde Sperrmüllablagerungen. Im Sommer wächst das Unkraut. Im Herbst türmen sich die Blätter. Und dann kommt die Zeit der Winterdienste. Am meisten macht ihnen der unangemeldete Sperrmüll zu schaffen. Immer wieder zeigen die Männer auf Möbelstücke, Kartons oder Müllsäcke, die am Straßenrand stehen.Ivan David Fioravante und Patrick Reinhardt-Fischer reinigen eine Straße in der Nähe der Frankfurter Messe.Janek Stempel„Manche leeren ihre komplette Wohnung auf die Straße aus“, ärgert sich Karaca. Dabei könne doch jeder über die Website der FES kostenlos einen Sperrmülltermin buchen. Trotzdem landen Sofas, Regale oder Elektrogeräte häufig auf Gehwegen, auf Grünflächen, in Parks und sogar im Stadtwald. An manchen Tagen sammeln sie nicht nur einen, sondern gleich mehrere wilde Müllberge ein. „Da wird der Platz auf dem Sprinter schnell knapp.“„Wir sehen uns öfter als unsere Familien“Die Gespräche der Männer drehen sich meist um Privates. Sie erzählen von der Familie, sie debattieren über Fußball. Bei einer Raucherpause sprechen sie den Fotografen an, der sie an diesem Tag begleitet. „Deine Kamera, was kostet die?“, fragt Karaca. Noch bevor der Fotograf antworten kann, unterbrechen ihn die Kollegen. Er soll die Lösung nicht verraten. Stattdessen beginnt ein spontanes Ratespiel. Summen werden genannt. 3000 Euro. 4000 Euro. 6000 Euro. Dann wird vereinbart, dass derjenige, der beim Raten am weitesten danebenliegt, später den Kaffee zahlen muss.Das Dreierteam wirkt harmonisch. „Wir sehen uns öfter als unsere Familien“, sagt Karaca. Da müsse man miteinander auskommen. Schlechte Stimmung ziehe die gesamte Gruppe herunter. Gegenseitiger Respekt und direkte Kommunikation seien wichtig: „Probleme muss man ansprechen, das darf man nicht hinter dem Rücken des anderen diskutieren.“Ihre Arbeit ist anstrengend, trotzdem betonen die drei FES-Mitarbeiter immer wieder, dass sie ihren Job mögen. Für Karaca war vor allem die Sicherheit ausschlaggebend, als er sich für die FES entschied. Schon sein Vater arbeitete bei der Straßenreinigung in Frankfurt. Geregelte Arbeitszeiten, ein sicherer Arbeitsplatz und Aufstiegsmöglichkeiten hätten ihn überzeugt, sagt Karaca. Fioravante dagegen kam über eine Zeitarbeitsfirma. Eigentlich eher zufällig. Was ihm gut gefällt: Der Arbeitgeber finanziert Qualifikationen und Führerscheine, bildet Mitarbeiter weiter und eröffnet verschiedene Karrierewege – vom Straßenkehrer zur Führungskraft.Nachdem der Müll von Hand auf die Straße gekehrt wurde, wird er mit der Kehrmaschine aufgenommen.Janek StempelDer Himmel verdunkelt sich, ein Regenschauer zieht über die Straße. Die Männer arbeiten trotzdem weiter. Erst bei Starkregen werde es problematisch, erzählen sie. Dann sauge die Kehrmaschine eigentlich nur noch das Wasser auf, das Laub bleibe fest am Boden kleben. Selbst der Bläser helfe dann nicht mehr, sagt Karaca. „Dann warten wir unter einem Dach und machen danach weiter.“Kinder bewundern die StraßenkehrerPlötzlich rast ein Auto mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Die Männer schauen dem Fahrer hinterher. Offenbar kein Einzelfall. Sie berichten von gefährlichen Situationen, die sie schon mehrfach erlebt haben. Vor allem dort, wo Müll entlang von Grünstreifen oder an den Straßenrändern eingesammelt werden muss. Fast-Food-Verpackungen, Getränkedosen oder Flaschen landen dort, wo Autofahrer sie aus dem Fenster werfen. Für die Mitarbeiter bedeutet das, sich auf riskantem Terrain zu bewegen, wenn sie zwischen Verkehr und Grünflächen Müll aufsammeln. „Wenn uns da einer erwischt, dann sind wir weg vom Fenster.“Positiv stimmen sie dagegen die Begegnungen mit Kindern. Als das Gespräch darauf kommt, lächeln die Männer sofort. Kinder seien die größte Freude des Berufs, sagen sie. Oft bleiben sie stehen, beobachten die Maschinen oder winken den Mitarbeitern zu. Viele seien regelrecht fasziniert von den Fahrzeugen und den orangefarbenen Uniformen.Mittags treffen sich die drei Männer wieder an einer Kreuzung. Die Kehrmaschine arbeitet sich langsam durch die Straße. Dort, wo zuvor Blätter, Staub, Verpackungen und kleine Äste lagen, sieht man jetzt einen sauberen Straßenrand. Doch wer achtet schon darauf? Straßenreinigung fällt selten auf, solange sie funktioniert. Sichtbar wird sie erst dann, wenn sie fehlt. Wenn Papierkörbe überquellen, Sperrmüll tagelang liegenbleibt, Gehwege überwuchert werden.Haben die Männer eine Botschaft, wollen sie noch etwas loswerden? Karaca denkt kurz nach. Dann sagt er: „Lasst uns gemeinsam Frankfurt sauber halten.“ Es klingt nicht wie eine Forderung, sondern wie eine Erinnerung daran, dass Sauberkeit in einer Stadt nicht allein von den Menschen abhängt, die früh am Morgen mit Besen und Laubbläser losziehen.