Der Historiker Carlo Ginzburg ist gestorben: Ihn interessierte, wie die einfachen Leute lebten und was sie dachtenSein Buch über einen Müller, der von der Inquisition hingerichtet wurde, wurde zu einem Bestseller der Geschichtsschreibung: Nun ist der italienische Historiker Carlo Ginzburg 87-jährig gestorben.Urs Hafner17.06.2026, 10.36 Uhr3 LeseminutenDie Vergangenheit von nahem studieren: Carlo Ginzburg in einer Aufnahme aus dem Jahr 2008.Ulf Andersen / GettySein Name wird auf immer mit dem Menocchios verknüpft bleiben – mit dem um 1600 von der Inquisition hingerichteten Müller, den er 1976 in der Studie «Der Käse und die Würmer» porträtierte. Was dem italienischen Historiker Carlo Ginzburg mit diesem Wurf gelang, kann nicht mancher Wissenschafter für sich reklamieren: Er erreichte zum einen ein grosses Publikum über die Fachgrenzen hinaus, wovon auch die Übersetzungen in rund fünfundzwanzig Sprachen zeugen. Das brillante Buch hat keinerlei Patina angesetzt. Man kann noch heute kaum anders, als sich mit dem Müller und seiner eigenwilligen Weltauslegung zu identifizieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zum anderen erneuerte Carlo Ginzburg mit seinem Menocchio die Geschichtswissenschaft. Seine Hommage an die kulturelle Kreativität der Unterschichten machte methodisch unter dem Etikett «Mikrogeschichte» Schule. Anders als die Struktur- und Sozialgeschichte, die Minderprivilegierte und Illiterate vorab über Statistiken erfassten, die Auskunft über Lebenserwartung und Einkommensschwäche gaben, nahm die Mikrogeschichte auch mentale Prozesse in den Blick.Am Dienstag ist Carlo Ginzburg 87-jährig in Bologna gestorben. Er und seine Mitstreiter plädierten dafür, die Vergangenheit von nahem, gleichsam unter der Lupe zu studieren. Keine Dörfer erforschen, sondern in Dörfern forschen, lautete eine geflügelte Selbstbeschreibung der ethnografisch inspirierten Disziplin. Die Mikrohistorie interessiert sich vor allem für das Einzelne, für Brüche und Grenzen, für das «aussergewöhnliche Normale». Über das Detail erschliesst sie historische Zusammenhänge.Gefühle entziffernEinen weiteren Klassiker der neueren Kulturgeschichte schuf Carlo Ginzburg 1989 mit der monumentalen Studie «Hexensabbat» (im Italienischen «Storia notturna»). Mit imponierendem philologischen Aufwand und Sachverstand rekonstruierte er populare Vorstellungswelten, die in gegenseitigem, aber nicht reibungslosen Austausch mit den Anschauungen gelehrter und dominanter Schichten standen.Dabei überschritt Ginzburg gängige zeitliche Grenzen der Historiografie. Kühn, aber auch etwas spekulativ schuf er mentale Verbindungslinien, die von der westeuropäischen Frühneuzeit bis ins vorgeschichtliche Sibirien und dessen schamanistische Praktiken reichten. Unerwartete, vom Freudschen Verfahren des Assoziierens inspirierte Sprünge zwischen geistesgeschichtlichen Quellen unterschiedlicher Disziplinen kennzeichnen das jüngere Werk. In Aufsätzen und Essays beschäftigte Ginzburg sich, zuweilen in etwas hermetischen Suchbewegungen, mit epistemologischen und ästhetischen Fragen. 2010 erhielt er den bedeutenden Balzan-Preis.In einem 2011 geführten Gespräch mit der NZZ deutete Carlo Ginzburg an, dass sein eigenwilliger Gebrauch der Zeitlichkeit von seinen frühen, intensiven Romanlektüren geprägt sein könnte: «Mit Romanen kann man Erfahrungen antizipieren. Man lernt Gefühle zu entziffern, die man noch nicht kennt, man kommt der Zeit in ihrer Vielschichtigkeit auf die Spur.»Die Affinität zum Roman und zur Literatur dürfte er von seinen Eltern übernommen haben. Carlo Ginzburg kam 1939 in Turin als Sohn der Schriftstellerin Natalia Ginzburg und des Essayisten Leone Ginzburg zur Welt. Dieser wurde 1944 im antifaschistischen Widerstand von den Nationalsozialisten umgebracht.Distanz zur MachtFreilich hat die Liebe zur Literatur Ginzburg nicht davon abgehalten, auf der Grenzziehung zwischen Faktizität und Fiktionalität, zwischen dem Geschichtswerk und dem Roman zu beharren. Er tat dies selbst dann noch, als kein postmoderner Texttheoretiker mehr diesen Unterschied infrage stellte.Auf einem zweiten Punkt insistierte Ginzburg: Dass der Historiker, auch wenn seine Arbeitstechniken denen des Detektivs verwandt seien, kein Richter sei. Damit erteilte er den Verlockungen einer nach wie vor virulenten «Geschichtsbarkeit» eine Absage, die auf den Plan getreten ist, seit Staaten bei der moralischen wie rechtlichen Beurteilung einer als ungerecht eingeschätzten Vergangenheit die Dienste der Geschichtsschreibung beanspruchen und die Historiker auffordern zu bestimmen, wie es gewesen sei, damit Politik und Justiz ihre «Aufarbeitung» danach ausrichten könnten.Für Carlo Ginzburg hatte der Wissenschafter Distanz zur Macht und zur Politik zu halten. Nur einmal habe er ein Buch in praktischer Absicht geschrieben, bekannte er im Gespräch mit der NZZ: Als er, sensibilisiert und informiert durch sein Studium von Menocchios Fall, den Prozess gegen seinen Freund Adriano Sofri unter die Lupe nahm und zum Schluss gelangte, das Verfahren sei nicht rechtmässig verlaufen. Doch die Richter hätten sich von seinem Buch unbeeindruckt gezeigt und Sofri zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das Buch sei in jeder Hinsicht ein Misserfolg gewesen.Passend zum Artikel