Das hat ein deutscher Schiffsbauer lange nicht erlebt, schon gar nicht ein angeschlagener. Die Neptun-Werft in Rostock-Warnemünde erhält einen Milliardenauftrag, der das Unternehmen bis in die Dreißigerjahre über Wasser hält, 500 neue Arbeitsplätze in Mecklenburg-Vorpommern schafft und auch die Muttergesellschaft stabilisiert: die krisengeschüttelte Meyer-Werft aus Papenburg in Niedersachsen, die nur durch den Einstieg des Staats überleben konnte.Dabei dreht sich der Großauftrag gar nicht um Schiffe, sondern um ein riesengroßes Umspannwerk im Meer, eine Konverterplattform für die Netzanbindung von Windparks auf See (Offshore). Die Neptun-Werft hat gemeinsam mit Konsortialpartnern den Zuschlag erhalten, diese Plattform und das Gegenstück an Land für 2,5 Milliarden Euro zu planen, zu bauen, auszustatten und in Betrieb zu nehmen, kurz: schlüsselfertig abzuliefern.Reiche und Schwesig wollen beim Erfolg dabei seinDas teilte der Auftraggeber am Mittwoch mit, der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz. Zur Bekanntgabe der guten Nachricht am Konzernsitz in Berlin hat sich auch politische Prominenz angesagt: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD). Dort finden am 20. September Landtagswahlen statt.„Das Auftragsvolumen entspricht dem von mehreren Kreuzfahrtschiffen“, sagt Stefan Kapferer, der Vorsitzende der Geschäftsführung von 50Hertz, im Gespräch mit der F.A.Z. „Das ist eine gewaltige Größenordnung.“ Auch die elektrische Leistung gilt als eindrucksvoll, wie der Konzern Siemens Energy mitteilt, der in dem Konsortium für die Technik zuständig ist. Er liefert das Innenleben für die Stationen im Meer und an Land, darunter die Transformatoren, Schaltanlagen und die Konverter zwischen Wechsel- und Gleichstrom.Siemens Energy: Deutschland ist Vorreiter mit Plattformstandard„Zum ersten Mal wird ein System mit einer Leistung von zwei Gigawatt in Deutschland gefertigt“, sagt Tim Holt, Vorstandsmitglied von Siemens Energy, gegenüber der F.A.Z. Solche großen Anlagen seien zwar schon früher beauftragt worden, bisher befänden sie sich aber nirgendwo in Betrieb. „Noch steht in der Welt keine einzige dieser Riesenplattformen: Da ist Deutschland absoluter Vorreiter.“Auch und gerade für die Meyer-Werft ist die Vertragsunterzeichnung ein Lichtblick. Das Traditionshaus musste nach Fehlkalkulationen im Zuge der Corona- und Ukraine-Krise vom Bund und vom Land Niedersachsen gerettet werden, die heute 80 Prozent der Anteile halten. Deshalb herrscht an der Ems große Erleichterung über den Milliardendeal für das Tochterunternehmen in Rostock.„Die Auftragsvergabe von 50Hertz ist ein bedeutender Meilenstein für die Neptun-Werft und damit für die gesamte Meyer-Werft-Gruppe“, teilt Ralf Schmitz, der Sanierer und Geschäftsführer der Meyer-Werft, in einer Presseerklärung mit. „Sie bestätigt unsere strategische Entscheidung, unser Geschäftsmodell auch gezielt in Richtung Offshore-Energieinfrastruktur weiterzuentwickeln.“Neuer Windpark westlich von SyltDie Meyer-Werft bildet einen Teil des Gemeinschaftsunternehmens Neptun Smulders Offshore Renewables (NSORe), das den Zuschlag im Konsortium zusammen mit Siemens Energy erhalten hat. Smulders ist ein belgisches Stahlbauunternehmen, das in Vlissingen in den Niederlanden die stählerne Unterkonstruktion der Plattform fertigen wird. Diese „Jacket Foundation“, wird in den Seeboden eingelassen. Die Neptun-Werft ist hingegen für das Hauptgebäude an der Oberseite zuständig, das sich Topside nennt.Das ganze Netzanbindungsvorhaben wird als North Sea Connector 2 bezeichnet. Die Einheit im Wasser, die den Wechselstrom für den verlustärmeren Transport in Gleichstrom umwandelt, entsteht in der Nordsee rund 200 Kilometer westlich der Insel Sylt im „Cluster 12“. Die Offshore-Netzanbindung, die den Strom an Land bringt, heißt LanWin6.Von der Nordseeküste fließt die Elektrizität dann über die Gleichstromverbindung DC32, ein Teilstück des Nord-Ost-Links, zu dem neuen Konverter an Land, der ebenfalls Teil der Ausschreibung ist. Dieser entsteht in einem Umspannwerk in Mühlenbeck nahe der mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin. Dort wird der Gleichstrom wieder in Wechselstrom umgewandelt und ins Netz eingespeist.Ob es wirklich bis 2034 klappt, ist ungewissDer Baubeginn in Rostock ist für 2028 geplant. Der North Sea Connector 2 soll laut Beauftragung eigentlich bis Ende 2034 in Betrieb gehen. Komplett gesichert ist das aber nicht. Kapferer glaubt fest daran, dass das Projekt benötigt wird – obgleich der dafür nötige Windpark noch gar nicht ausgeschrieben ist. Es sei normal, erst die Netzanbindung zu bauen, so Kapferer, da sich die Windkraftanlagen deutlich schneller errichten ließen.Und wie realistisch ist der Zeithorizont? Kürzlich gab es Verunsicherung über neue Windparks, da angeblich die großen Betreiber Total Energies und BP teuer ersteigerte Flächen in der Nordsee wieder zurückgeben wollen. Medienberichten zufolge hatten sie Zweifel an deren Wirtschaftlichkeit. Derlei Meldungen sprächen aber nicht gegen den Windausbau an sich, versichert Kapferer.Neue Auktionen nach Zweifeln zu BP und TotalenergiesDie derzeitigen Verzögerungen lägen nur daran, dass die Politik nach einer Lösung für früher vergebene Projekte suche. Für die Zukunft aber gelte ganz klar: „Ich sehe ein übereinstimmendes Bekenntnis, dass wir an den Ausschreibungsbedingungen Änderungen vornehmen müssen.“ Künftig spielten vermutlich, wie in anderen Ländern, „zweiseitige Differenzverträge“ eine größere Rolle. Mit diesem Modell garantiert der Staat den Betreibern einen Festpreis: Erzielen sie am Markt weniger Geld, erhalten sie eine Erstattung. Sind die Preise aber höher als vereinbart, geht die Differenz zurück an die öffentliche Hand.„Ich bin sehr sicher, dass wir ein attraktives Szenario sehen werden für Gebote auf den Flächen, die wir anschließen“, sagt Kapferer. „Ich habe keinerlei Zweifel, dass wir an LanWin6 am Ende einen Windpark anschließen.“ Allerdings könnte es zu Verschiebungen jenseits des angepeilten Jahres 2034 kommen, wenn jetzt zurückgegebene Flächen neu ausgeschrieben und möglicherweise schneller bebaut würden: „Ob es bei 2034 bleibt, wird man erst bei der Fortschreibung des Flächenentwicklungsplans mit dem neuen Auktionsdesign sehen.“„Bekenntnis zum Standort Deutschland“Holt von Siemens Energy teilt Kapferers grundsätzlichen Optimismus. Geplant seien in Deutschland bis zum Jahr 2035 rund 50 Gigawatt Offshore-Leistung mit theoretisch 25 Konverterplattformen je zwei Gigawatt. Bisher planten die Übertragungsnetzbetreiber erst halb so viele. „Da ist noch viel Musik drin. Deshalb gucken auch wir als Industrie sehr zuversichtlich nach vorn, was den Windkraftausbau auf See anbelangt.“ Zur Auswahl von Rostock sagt Holt: „Das ist eine gute Art von Bekenntnis zum Standort Deutschland.“Das Konsortium von Siemens Energy und NSORe, das sich den Zuschlag von 2,5 Milliarden Euro hälftig teilt, hat sich gegen einen anderen, nicht genannten Bieter durchgesetzt. Den deutsch-belgischen Partnern winkt möglicherweise schon der nächste Auftrag in gleicher Größenordnung: Es geht darum, einen zunächst nach Spanien vergebenen Konverterauftrag nach Rostock umzuleiten.Weiterer Riesenauftrag könnte aus Spanien zurückkehrenDer mögliche Wechsel von Andalusien nach Mecklenburg verlaufe im Einvernehmen mit dem Werftbetreiber Dragados, versichert Kapferer: „Wenn wir beide Projekte realisieren, dann reden wir also über fünf Milliarden Euro, davon 2,5 Milliarden für Neptun und Smulders.“ Diese zweite Order wäre für NSORe ein neuer Auftrag, nicht aber für Siemens Energy, da das Unternehmen bei Dragados bereits an Bord war und das Geschäft schon in den Büchern hat.Kapferer findet, der soeben erteilte Auftrag sei ein „doppeltes gutes Signal“. Zum einen weil 50Hertz ungeachtet der Diskussion um die Offshore-Projekte weitere Netzanbindungen im Meer angehe. „Zum anderen freuen wir uns, dass Deutschland in der Lage ist, wettbewerbsfähig Konverterplattformen anzubieten.“Süd-Ost-Link bringt Milliardeninvestitionen nach OstdeutschlandDie wirtschaftlichen Effekte für die Region seien bedeutend. So entstünden in der Neptun-Werft „mehrere Hundert zusätzliche Arbeitsplätze“, kündigt Kapferer an. Die Investitionen in die Energiewende bewirkten insgesamt viel Gutes, so der 50Hertz-Chef. So würden allein für den Süd-Ost-Link – eine Höchstspannungsleitung für den Windstrom in den Süden – mehr als eine Milliarde Euro in Ostdeutschland ausgegeben. 50Hertz baue im Rostocker Hafen zudem ein Offshore-Operation-Center für 90 Millionen Euro, in dem 180 Arbeitsplätze entstünden.Bei der Entscheidung für die Konverterprojekte habe es keinerlei Einflussnahme der Politik oder Subventionen gegeben, versichert Kapferer. Vielmehr habe das deutsch-belgische Konsortium die besten Bedingungen geboten. So werde die Plattform mit weniger Stahl und damit leichter gebaut als bisher geplant, was die Beförderung vereinfache und Kosten spare.Über die Verlagerung des zweiten Vorhabens wird derzeit verhandelt. „Den Vertrag haben wir noch nicht unterschrieben“, so Kapferer. „Aber ich bin guter Dinge, dass es uns gelingen wird, auch diesen Auftrag am Ende in Rostock realisieren zu lassen.“ Damit laste man die Rostocker Werft bis Mitte der Dreißigerjahre aus und erschließe ihr neue Märkte.„Neptun-Smulders werden zeigen, dass sie das Geschäft beherrschen, dann kann daraus noch viel mehr werden“, prophezeit der Manager. „Es gibt große Engpässe beim Bau von Konverterplattformen, andere Übertragungsnetzbetreiber sind auch sehr interessiert: Das ist heute nur der Anfang.“
Neptun-Werft: Milliardenauftrag rettet Traditionswerft
Der Netzbetreiber 50Hertz beauftragt erstmals einen heimischen Schiffsbauer mit einer riesigen Windstromplattform. Die kriselnde Neptun-Werft kann aufatmen – und Politiker suchen das Rampenlicht.









