PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1995„Ich war zwischendurch mausetot“ – Als es Ost und West mit Fäusten austrugenStand: 07:25 UhrLesedauer: 5 MinutenRocchigiani im Vorwärtsgang – Henry Maske hatte seinen Gegner im Ring unterschätztQuelle: Bongarts/Getty ImagesFünf Jahre nach der Vereinigung war das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen angespannt. In dieser Situation boxte Henry Maske als ehemaliger Vorzeigesportler der DDR im Jahr 1995 gegen den West-Berliner Graciano Rocchigiani. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Dem Herausforderer in diesem Duell war schon viel nachgesagt worden – nur, dass er seine Meinung je hinter diplomatischen Floskeln versteckt hätte, das konnte man ihm nicht vorwerfen. Und so nutzte Graciano Rocchigiani die Pressekonferenz vor seinem Kampf gegen Henry Maske am 27. Mai 1995 dafür, seinem Gegner und der Presse eine besonders prägnante Erkenntnis mitzuteilen: „Bei mir heißt et: ,Hau dem Ossie auf die Schnauze‘. Bei dir heißt et: ,Hau dem Wessi auf die Schnauze!‘“Das Schweigen der Anwesenden war lauter als jedes AC/DC-Konzert. Wie würde der Champion reagieren? Henry Maske stapelte tief. Er sagte nur, dass er so etwas in seinem Umfeld noch nicht vernommen habe. Damit scheiterte er. Die Worte seines Gegners befeuerten den Hype um den Fight, bei dem Ost und West es fünfeinhalb Jahre nach dem Mauerfall buchstäblich mit Fäusten austragen sollten. Das Ballyhoo funktionierte nicht zuletzt deshalb so hervorragend, weil nicht nur zwei grundverschiedene Biografien aufeinanderprallten, sondern auch der Freudentaumel nach dem 9. November 1989 für viele Deutsche nur noch eine längst verblasste Erinnerung war. Zwar holte der Osten wirtschaftlich auf – zuvor jedoch waren Millionen von Biografien entwertet worden, und die Hoffnungen auf raschen Wohlstand in politischer Freiheit waren nur zu oft einer Tristesse in Arbeitslosigkeit gewichen; dass in den neuen Ländern wie 1992 in Rostock Asylbewerberheime unter dem Beifall der Anwohner brannten, machte die Dinge äußerst schwierig.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenIm Westen wiederum wuchs der Unmut über den Solidaritätszuschlag und angeblich faule Ossis, die – so die Lesart – vergessen hatten, wie sich Dankbarkeit anfühlte. In dieser Situation musste der Fight in der Dortmunder Westfalenhalle politische Brisanz entwickeln. Mit eindeutig verteilten Rollen: Da war Henry Maske, ein Produkt der Elitenförderung in der DDR, Olympiasieger und Amateur-Weltmeister; ein Boxer aus dem Katalog, der schon bald nach der Wende beim Promoter Wilfried Sauerland einen Profivertrag unterschrieben hatte und 1993 gegen den US-Amerikaner Charles Williams zum Champion im Halbschwergewicht aufgestiegen war. Rocchigiani dagegen, der Sohn eines sardischen Eisenbiegers und einer deutschen Mutter, hatte in West-Berlin den Faustkampf erlernt, war deutscher Amateurmeister geworden und hatte ab 1983 für Sauerland als Berufsboxer im Ring gestanden. 1988 verprügelte er Vincent Boulware acht Runden lang im Weltmeisterschaftskampf so brutal, dass der Amerikaner aufgeben musste. Doch Rocchigianis Lebenswandel ließ sich kaum mit Leistungssport verbinden; „Gratze“, wie ihn seine Umgebung nannte, rauchte, trank und kiffte und legte den Titel bald wieder nieder. Handgreiflichkeiten mit der Polizei und der Verdacht des Menschenhandels brachten ihm das Image eines Gossenjungen ein.1995 hatte Rocchigiani eine hochumstrittene Niederlage gegen Chris Eubank im Kampfrekord stehen, Maske hatte alle Profikämpfe gewonnen. Er trug den Beinamen „The Gentleman“ und genoss die Sympathien Sauerlands. Doch die öffentliche Meinung setzte ihm zu: Manche Deutsche feindeten ihn als Opportunisten an, der für den Sieg des Sozialismus genauso ins Seil-Geviert kletterte wie für harte Westmark; dass er einen Stil boxte, der kaum für einen Adrenalinkick sorgte, half ihm nicht weiter. Kurz: hier der Saubermann Ost, da der Rowdy West, das ließ sich vermarkten – dass diese Klischees keinem der beiden Akteure gerecht wurde, war unwichtig.Der Kampf: Rocchigiani kommt mit der Melodie des Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“ in den Ring, Maske mit dem Vangelis-Song „Conquest of Paradise“. Die Belehrungen des Ringrichters vor Kampfbeginn sind auch diesmal völlig unnötig, aber beide Männer in der Ringmitte sehen zu allem entschlossen aus, was die Regeln erlauben. Die Glocke zur ersten Runde – die Halle seufzt auf, und rasch ist klar: Maske hat Rocchigiani unterschätzt. Mit Aufwärtshaken kommt der Herausforderer zum Körper und zum Kinn durch, und das nicht nur eine, sondern drei Runden lang.Prächtige Stimmung bei der üblichen Delegation des Rotlichtmilieus im Publikum: Endlich ist da einer, der dem Langweiler Maske ein paar verpasst. Doch der Weltmeister kommt auf, er trifft mit dem Jab und dem Cross, wobei viele Runden bis zur neunten äußerst knapp ausfallen. Da stellt Rocchigiani seinen Gegner an den Seilen und trifft ihn mit harten Schlägen; Maske muss klammern, bleibt aber stehen. In der zehnten Runde ist der Champ erstaunlich erholt, die elfte verläuft ausgeglichen.Im letzten Durchgang nimmt nur noch Rocchigiani Maß: Er treibt den Titelträger vor sich her, doch die letzte Präzision fehlt – ein Schubser bringt Maske zu Boden, aber das zählt nichts. Schlussgong, das Publikum tobt, Maske wirkt ausgepumpt, Rocchigiani springt auf die Ringseile. Um Neutralität bemühte Experten geben den Sieg mehrheitlich hauchdünn dem Herausforderer. Aber es gewinnt der Weltmeister, was das Team Rocchigiani und seine Anhänger nicht eben erheitert. Am Morgen darauf diskutiert die Republik – die rhetorischen Schläge liegen nicht durchgängig oberhalb der Gürtellinie. Schnell vereinbaren die Parteien einen Rückkampf, der den Kämpfern Millionenbörsen und dem übertragenden Sender RTL am 14. Oktober 1995 knapp 17 Millionen Zuschauer einträgt. Diesmal verliert Rocchigiani klar, später wird er sagen, er sei mit kaputtem Rücken angetreten. Doch Maske hatte sich ausgezeichnet vorbereitet.Diese Angelegenheit zwischen Ost und West war damit erledigt. Henry Maske boxte weiter erfolgreich und revanchierte sich bei einem Comeback 2007 für seine einzige Profi-Niederlage bei seinem Abschied 1996 gegen Virgil Hill. Da hatte er sich längst mit Rocchigiani versöhnt. Heute sagt der respektierte Geschäftsmann über den Kampf im Mai 1995: „Ich war zwischendurch mausetot. Graciano auch.“ Sein Kontrahent fand keine Ruhe. Er starb 2018 in Italien, als er betrunken auf die Zufahrtsspur einer Autobahn ging. Zyniker sprachen von einem passenden Ende, Henry Maske aber erwies Graciano Rocchigiani bei der Beerdigung in Berlin persönlich die letzte Ehre. Philip Cassier sah den Kampf mit ein paar Kumpels. Die Kommentare sind nicht überlieferungswürdig. Als er Henry Maske 15 Jahre später interviewte, lernte er einen großen Sportsmann kennen.
1995: „Ich war zwischendurch mausetot“ – Als es Ost und West mit Fäusten austrugen - WELT
Fünf Jahre nach der Vereinigung war das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen angespannt. In dieser Situation boxte Henry Maske als ehemaliger Vorzeigesportler der DDR im Jahr 1995 gegen den West-Berliner Graciano Rocchigiani. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.







