Vor drei Jahren, kurz vor der Premiere seines Films „The Old Oak“ in Cannes, hat Ken Loach seinen Abschied vom Regieführen angekündigt. Im Kino fehlt er schon jetzt. Die Art von filmischem Erzählen, für die der britische Regisseur steht, ist so gut wie verschwunden, statt sozialem Realismus gibt es altersgerechte Sentimentalität, Ehekrisen- und Familienproblemkino mit eingeflochtener Lebenshilfe. Der besondere Blick, den ­Loach auf die Wirklichkeit geworfen hat, kommt praktisch nicht mehr vor.Worin besteht er? Zunächst einmal darin, dass Loach die Geschichten, die er fast sechzig Jahre lang mit der Kamera erzählt hat, nie nach feststehenden Drehbuchformeln, sondern immer aus seinen Charakteren und ihren Lebensumständen heraus entwickelte, sodass es in seinen Filmen fast nie ein Happy End gibt. Dazu kommt, dass er die zentralen Rollen fast immer mit Laien oder Nachwuchsschauspielern besetzt hat, angefangen mit seinem zweiten Spielfilm „Kes“, der ihn 1969 international bekannt machte, bis hin zu Hauptwerken wie „Ich, Daniel Blake“, für den er vor zehn Jahren die Goldene Palme gewann.Selbst historische Ereignisse wirken bei ihm nicht kulissenhaftDenn es geht bei ihm nicht darum, auf der Leinwand eine gute Figur zu machen, sondern so tief wie möglich in die Realität einzutauchen, von der die Filmbilder handeln. Der Hauptdarsteller in „Kes“ hat tatsächlich mit ei­nem Falken trainiert, die Bauarbeiter in „Riff-Raff“ und die Bahnangestellten in „The Navigators“ sind echt, und von den Darstellern, die in „Ae Fond Kiss“ eine Familie pakistanischer Einwanderer in Glasgow verkörpern, musste sich offenbar keiner umständlich in das Milieu einarbeiten, denn es gehört zu ihrem Lebensalltag.Entsprechend alltäglich sind die Schauplätze, an denen Loachs Geschichten spielen. Das Sozialamt in „Ich, Daniel Blake“ und „Ladybird, Ladybird“, die halb fertigen Neubauten in „Raining Stones“, der verlotterte Pub in „The Old Oak“, das Paketdienstzentrum in „Sorry, We Missed You“, die vielen kleinen Häuschen und Sozialwohnungen, in denen seine Protagonisten und ihre Familien hausen – sie alle gehören zu einer Welt, die es wirklich gibt und der Loach seinen Spiegel vorhält. Selbst historische Ereignisse wie der spanische Bürgerkrieg in „Land and Freedom“ oder der irische Unabhängigkeitskampf in „The Wind That Shakes the Barley“ (für den er eine weitere Palme in Cannes bekam) wirken bei Loach nicht kulissenhaft, sondern nah und bedrängend. Realismus ist bei ihm keine Frage der Szenerie, sondern eine der Haltung: einer Grundhaltung des illusionslosen Mitgefühls, die sich auf jedes Detail seiner Filme überträgt.Ken Loach, geboren in einer mittelenglischen Kleinstadt, hat diese Einstellung beim Fernsehen gelernt. Nach seinem Jurastudium und ersten Versuchen im Theater kam er Mitte der Sechzigerjahre zur BBC, die sich gerade zur britischen Gesellschaft hin öffnete. Die Fernsehspiele, die er dort inszenierte, handeln allesamt von sozialen Randexistenzen und ihrem Ringen um Selbstbestimmung und Glück. Diesem Thema ist Loach durch alle Phasen seines Regisseurlebens hindurch treu geblieben, und er hat dafür eine filmische Sprache gefunden, die in einer Zeit massenhaft verbreiteter digitaler Bildfälschungen nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat. Heute wird Ken Loach neunzig Jahre alt. Seine Stimme fehlt.