Mietangebote in amerikanischer Sprache, aufwändig geschmückte Häuser an Halloween und viele US-Bürger auf den Märkten in der Stadt: In Wiesbaden gehören die US-Soldaten und ihre Familien seit Jahrzehnten zur Stadtgesellschaft, nicht selten haben sich über die Jahre Freundschaften entwickelt. Vom Erbenheimer Flugfeld aus starteten 1948 und 1949 „Rosinenbomber“ als Teil der Berliner Luftbrücke. Heute leben zwar weniger US-Soldaten in Wiesbaden als damals, aber die US-Heeresgarnison der Lucius-D.-Clay-Kaserne in der Landeshauptstadt bleibt mit mehr als 5000 Soldaten ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Exakte Zahlen zu Kaufkraft oder einer Umwegrendite in der Landeshauptstadt existieren jedoch nicht.Deshalb haben die Pläne der US-Regierung, gut 5000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen, auch in Wiesbaden für Aufsehen gesorgt. Nach aktuellem Stand gibt es zwar keine konkreten Pläne für einen solchen Abzug aus Wiesbaden, betroffen sind andere Standorte. Doch sollte die Zahl der in Wiesbaden stationierten US-Soldaten eines Tages zur Debatte stehen, könnte so nach Einschätzung von Carl-Michael Baum, Verbindungsbeamter der Stadt zu den US-Streitkräften, eine relevante wirtschaftliche Größe infrage gestellt werden. Laut einer Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wissenschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und der Universität Köln kostet jeder abgezogene Soldat eine halbe Vollzeitstelle, zum Beispiel im Handel oder in der Gastronomie.Baum ist Leiter des Wiesbadener Bürgerreferates und hält den Kontakt zur US-amerikanischen Garnison. Seit 2008 macht er den Job und kann sich gut daran erinnern, als in der Landeshauptstadt noch die 1. US-Panzerdivision stationiert war, sie hat Wiesbaden 2013 verlassen. Zeitweise lebten in der Stadt laut Baum anschließend nur noch rund 13.000 Amerikaner, derzeit seien es wieder mehr als 20.000.US-Truppen: In Wiesbaden sind mehr als 5000 Soldaten stationiertDas bestätigt die Industrie- und Handelskammer (IHK), die sich auf Daten des US-Militärs von Januar 2025 beruft. Demnach sind in der Landeshauptstadt 5365 Soldaten stationiert, zudem werden 3519 zivile Angestellte beschäftigt, von denen etwa die Hälfte deutsche Staatsbürger sind. 474 Dienstleister gibt es, 805 Männer und Frauen arbeiten als sogenannte „lokale Mitarbeiter“ bei den Amerikanern. Die Zahl der Familienangehörigen beträgt 13.180, sodass insgesamt 23.343 Wiesbadener zur US-Gemeinschaft gezählt werden. „Diese Zahl ist seit mehreren Jahren relativ konstant“, sagt Baum.Das Emblem der United States Army Europe and Africa in der Clay-Kaserne in Wiesbaden-ErbenheimLucas BäumlWie viel Geld die US-Bürger im Einzelhandel und in der Gastronomie der Stadt ausgeben, ist unklar, denn weder die IHK noch die Stadtverwaltung erheben entsprechende Daten. Hinzu kommt, dass in der Clay-Kaserne und in der Siedlung Hainerberg eigene Einkaufszentren, die sogenannten „PX“, vorhanden sind. Diese steuerbefreiten Einkaufseinrichtungen der US-Streitkräfte in Deutschland sind im NATO-Truppenstatut (SOFA – Status of Forces Agreement) und einem deutschen Zusatzabkommen geregelt. Die PX dürfen ausschließlich von Angehörigen des US-Militärs, US-Zivilangestellten und ihren Familien sowie Personen mit SOFA-Status genutzt werden.Wiesbaden: Acht Prozent der Einwohner sind US-AmerikanerGleichwohl sind die US-Amerikaner, die knapp acht Prozent der Wiesbadener Bevölkerung ausmachen, ein wichtiger Standortfaktor, da sie in der Stadt einkaufen und unterwegs sind. „Wenn Sie in das Scotch ’n’ Soda in der Goldgasse gehen, ist das voll mit Amerikanern“, berichtet der Verbindungsbeamte und ergänzt: „Wenn ich auf dem Wochenmarkt unterwegs bin, höre ich immer Amerikaner. Sie sind Teil der Stadtgesellschaft.“ In der Tat sind etwa auf dem Sternschnuppenmarkt und der Rheingauer Weinwoche viele US-Bürger in Gruppen unterwegs. „Es gibt auch Soldaten, die außerhalb der amerikanischen Liegenschaften wohnen, und ich kenne Familien, deren Kinder auf deutsche Schulen gehen“, berichtet Baum, schränkt aber ein, dass sich junge ledige Soldaten eher in der Kaserne aufhielten.Wie viele Armee-Angehörige mit ihren Familien in Wohnungen außerhalb der Kasernen gezogen sind, lässt sich schwer beziffern. Eigentlich sind die US-Liegenschaften Hainerberg, Aukamm, Crestview Housing und die neue Wohnsiedlung der Clay-Kaserne laut Baum ausreichend für die Bedürfnisse der Angestellten und ihrer Familien. Gleichwohl haben sich mehrere Wiesbadener Makler auf die Vermietung an Amerikaner spezialisiert und bewerben dies auch offensiv. Auf seiner Website erteilt beispielsweise das Unternehmen Wagner-Immobilien Tipps, wie sich Wohnraum an US-Angehörige vermieten lässt, und zählt die Vorteile auf. In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen zahlreiche Häuser und Wohnungen an US-Familien vermietet und wirbt mit einem Full-Service-Angebot, zumal einige Regeln und die Absprache mit dem US-Wohnungsamt einzuhalten sind.Das Unternehmen Sommer Immobilien aus Wiesbaden nennt attraktive Mieteinnahmen über dem ortsüblichen Niveau, zuverlässige Mietzahlungen, die schnelle Vermietung und eine hohe Flexibilität, da die Mietverträge oft nach drei Jahren enden, als Vorteile. Im Regelfall, so teilt das Unternehmen mit, werde nicht an Soldaten, sondern an zivile Angestellte vermietet.Im Stadtteil Freudenberg gibt es einen US-Golfplatz, auf dem aber auch Wiesbadener spielen dürfen. Zur Pflege und Unterhaltung ihrer Anlagen beschäftigen die US-Amerikaner auch deutsche Handwerker, und laut Baum werden im Sicherheitsdienst ebenfalls deutsche Unternehmen eingesetzt. Da auch die US-Streitkräfte ausbilden, führen Stadt und US-Kommando aktuell Gespräche, ob bei der Ausbildung die Zusammenarbeit forciert werden kann.Enorme wirtschaftliche ImpulseWie intensiv die Freundschaft zwischen Deutschen und US-Bürgern ist, belegt auch das Deutsch-Amerikanische Freundschaftsfest, das dieses Jahr vom 1. bis zum 5. Juli im Wohngebiet Hainerberg gefeiert wird. Burger, Donuts und andere Spezialitäten sowie ein großes Feuerwerk ziehen jedes Jahr Zehntausende Besucher an. An Halloween ziehen viele Wiesbadener durch die offenen amerikanischen Siedlungen, weil dort die Häuser besonders aufwändig geschmückt sind.In der Summe geben die US-Streitkräfte und ihre Angehörigen erhebliche wirtschaftliche Impulse. In den kommunalen Haushalten an Standorten, wo US-Truppen abgezogen sind, hat es laut der ZEW-Studie Einnahmeausfälle von rund neun Prozent gegeben, sodass dort öffentliche Ausgaben gekürzt und die kommunalen Hebesätze der Grund- und Gewerbesteuer erhöht werden mussten. Langfristig hätten sich die Einnahmeausfälle bei rund drei Prozent eingependelt. Damit bezieht sich die Studie jedoch auf den Truppenabzug in den Neunzigerjahren nach dem Ende des Kalten Krieges, als ungefähr 200.000 US-Soldaten innerhalb von fünf Jahren Deutschland verlassen haben. Die jüngsten Ankündigungen der USA zur Reduzierung ihrer Truppenstärke fallen mit rund 5000 Soldaten deutlich kleiner aus.Für die Landeshauptstadt besteht nach Baums Einschätzung indes kaum die Gefahr, dass US-Soldaten verlegt werden, die Amerikaner hätten in den vergangenen 15 Jahren „in Wiesbaden sehr viel investiert“, sagt er. Laut Baum lag das ursprüngliche Investitionsvolumen bei einer halbe Milliarde Euro. Er geht davon, aus, dass diese Summe mittlerweile gestiegen ist, vor etwa 15 Jahren sind die Hauptquartiere der US-Army für Europa und später Afrika aus Heidelberg und Mannheim nach Wiesbaden gezogen. „Es wird weiter investiert und derzeit beispielsweise die Zufahrtsstraße zur Clay- Kaserne saniert“, berichtet Baum. Sein Fazit: „Wir in Wiesbaden gehen derzeit nicht davon aus, dass die US-Armee abzieht.“Für Bürgermeisterin Christiane Hinninger (Die Grünen) ist die US-amerikanische Community eng verwoben mit Wiesbaden. „Sie ist ein wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor und trägt zur Sicherung von Nachfrage, Beschäftigung und Kaufkraft bei“, sagt Hinninger und fügt an: „Sollte die US Army den Standort Wiesbaden erheblich verkleinern, wäre das ein Einschnitt.“ Gleichwohl ergänzt die Bürgermeisterin, dass sich aus einer damit möglicherweise einhergehenden Verkleinerung der genutzten Flächen perspektivisch neue Chancen ergeben könnten, da große und für die Stadtentwicklung wichtige Areale frei würden.Mit Konversionsprojekten kennt sich die Stadt aus, denn in den Neunzigerjahren haben die US-Streitkräfte das Camp Lindsey an den deutschen Staat zurückgegeben. Dort ist heute das Europaviertel, in dem unter anderem zahlreiche neue Wohnungen entstanden sind. Auch im Stadtteil Mainz-Kastel haben die Amerikaner 2015 Teile von Kastel-Housing an den Bund zurückgegeben. Dort entwickeln die Stadtgesellschaften SEG und GWW sowie private Unternehmen neue Wohngebäude. Aber ganz werden die Amerikaner ohnehin nie aus dem Wiesbadener Stadtbild verschwinden, denn zahlreiche Straßen, wie etwa die Franklin-Roosevelt-Straße oder die Harry-Truman-Straße im Europaviertel, erinnern an die Zeit der gemeinsamen Freundschaft und Verbundenheit.
Amerikanische Truppen als Wirtschaftskraft: Wie Wiesbaden vom US-Militär profitiert
Tausende amerikanische Soldaten und deren Familien tragen zum Wirtschaftsleben in der Landeshauptstadt bei. Würden Truppen abgezogen, fehlte nicht nur im Handel eine wichtige Klientel.






