Art Basel: Bewaffnete Polizei aus Los Angeles und ein millionenteurer Phallus als Zeichen der LebensfreudeDer Parcours mit riesigen Kunstwerken an der Art Unlimited gibt sich diesmal besonders sensibilisiert für die geopolitische Weltlage.17.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMit Chris Burdens Installation «L. A. P. D. Uniforms» von 1993 wird die diesjährige kuratierte Grossausstellung Art Unlimited an der Kunstmesse Art Basel eröffnet.Georgios Kefalas / Keystone / © Pro LitterisDas Sicherheitsbedürfnis hat zugenommen. Dass man am Eingang zur Art Basel durchleuchtet wird, ist zwar nichts Neues. Solche Schwellen, wo man selbst die Taschen durch den Gepäckscanner reichen muss, sind aber noch immer ungewohnt im Schweizer Kunstbetrieb. Hier kennt man derlei Massnahmen vor allem vom Einchecken am Flughafen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Zugang zur grössten Kunstmesse der Welt ist indes durchaus mit dem Boarding eines gigantischen Airbus vergleichbar. Man hebt an der Art Basel immer auch etwas ab in die Lüfte der Kunst, in eine andere Welt, in der die allgemeine Schwerkraft des Alltags aufgehoben scheint. Beim Check-in zur Art Unlimited, dieser Ausstellungsplattform für besonders grosse Kunstwerke, geht es nicht etwa um den Schutz der Exponate, auch wenn sich deren Wert auf eine mehrstellige Millionenhöhe summieren dürfte. Priorität hat die Sicherheit des Publikums.So scannt am Eröffnungstag ein Wachmann mit scharfem Blick schon die Warteschlange für VIP-Gäste, bevor man überhaupt zur Sicherheitskontrolle vorgedrungen ist. Im Inneren der Basler Messehalle dann geht es durch eine weitere Schranke mit Personal. Und dahinter, wo sich sonst der Ausstellungsraum mit seinen Kunstwerken öffnet, stösst man dieses Jahr auf eine unpassierbare Mauer von uniformierten, mit Beretta-Pistole und Knüppel gerüsteten Polizisten.Allerdings sind die überlebensgrossen, in zehnfacher Ausführung in Reih und Glied an die Wand gepinnten Uniformen der Cops von Los Angeles «unbemannt». Die vor allem textile Installation ist ein Kunstwerk von Chris Burden. Der amerikanische Künstler schuf das Werk, für das er nur Replika-Waffen verwendete, wie ein Sicherheitshinweis an der Wand informiert, als Reaktion auf die Unruhen in L. A. von 1992.Auslöser des bürgerkriegsähnlichen Gewaltausbruchs von damals mit über fünfzig Toten war der Freispruch von vier Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King misshandelten.Heute erinnert Burdens Art-Basel-Auftritt unweigerlich an die «Black Lives Matter»-Bewegung im Jahr 2020 infolge der Tötung von George Floyd durch Polizeigewalt. Das Werk hat aber auch Relevanz in einer Zeit erhöhter Sensibilität für geopolitische Unsicherheiten.Wie ein Minenfeld: Ai Weiweis Installation «Iron Grass» von 2014.Georgios Kefalas / Keystone / © Pro LitterisGrossskulpturen und FotoserienHinter der Polizistenmauer trifft man auf vermintes Terrain. Mit dem Feld von über tausend Grashalmen aus Stahl gibt der chinesische Starkünstler Ai Weiwei seinen warnenden Kommentar zur Zunahme militärischer Aktionen als politisches Instrument ab. Wer will in Anbetracht solcher Werke noch behaupten, die Art Basel sei ein elitärer und apolitischer Vergnügungspark zur Zerstreuung und Ablenkung von den Problemen dieser Welt?Die Art Unlimited ist zweifellos mehr als eine gewöhnliche Verkaufsschau. Sie zeigt Projekte, die über den klassischen Messestand hinausgehen. Die Galeristen haben hier die Möglichkeit, besonders grosse Installationen, Skulpturen und Wandmalereien, aber auch umfassende Fotoserien und raumgreifende Videoprojektionen oder Live-Performances vorzustellen. Überdies wird die Art Unlimited jeweils kuratiert, dieses Jahr erstmals von Ruba Katrib, der Chefkuratorin für Gegenwartskunst des Museum of Modern Art in New York.In ihr Konzept passt auch Eduardo Arroyos monumentale Kopie von Rembrandts berühmtestem Gemälde, der «Nachtwache». Das Gruppenporträt der heroischen, bis auf die Zähne bewaffneten Amsterdamer Bürgerwehr, das sich im Rijksmuseum Amsterdam befindet, hatte der Spanier 1975 als Reaktion auf Francos Tod nachgemalt. Im Jahr darauf wurde das Bild an der Biennale in Venedig gezeigt.Die Waffen hat Arroyo allerdings durch Holzschläger und Keulen ersetzt. Er wollte mit dem Werk seiner Sorge um die Zukunft Spaniens und der Hoffnung auf Demokratie Ausdruck verleihen. Deswegen hat er das Rembrandt-Remake je mit dem Bild eines Sonnenunter- und eines Sonnenaufgangs flankiert.9/11 und AidsMit Thomas Ruffs Hommage an die Terroranschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Center in Manhattan geht es weiter mit politisch konnotierter Kunst. Der deutsche Fotokünstler hat seine eindrückliche Installation von zwölf grossen Fotoarbeiten zum Gedenken an den 25. Jahrestag konzipiert. Ruff befand sich am 11. September 2001 selber in New York und dokumentierte den terroristischen Anschlag mit der Kamera.Thomas Ruffs visuelles Requiem auf den Terroranschlag in New York vor 25 Jahren.Courtesy of Art Basel / © Pro LitterisAllerdings waren seine Bilder unglücklicherweise verlorengegangen. So suchte er im Internet Fotomaterial zu der Tragödie zusammen und veränderte dieses mithilfe digitaler Technik, indem er Pixel vergrösserte und Farben manipulierte. Seine grossformatigen Ansichten von rauchenden Türmen, verkohlten Gebäuderuinen und vom Ascheregen verwüsteten, dystopisch anmutenden Strassenschluchten wirken teilweise fast abstrakt. Entstanden ist ein atemberaubendes visuelles Requiem auf die Tragödie von 9/11.Natürlich gibt es an dieser Messe auch weniger Düsteres und weniger stark politisch Aufgeladenes. Zumindest auf den ersten Blick erscheint Niki de Saint Phalles in den Hallenhimmel ragender Obelisk mit rot leuchtender Spitze geradezu erheiternd. Die knallig bunte, vier Meter hohe Skulptur in Mosaiktechnik ist aber keineswegs bloss Kunst um der Kunst willen.Sie ist 1992 vor dem Hintergrund von Aids entstanden. Die französisch-schweizerische Künstlerin verlor damals durch die Immunkrankheitepidemie mehrere Freunde, unter ihnen den Graffiti-Künstler Keith Haring. Ihr mit Blumen verzierter Riesenphallus sollte da ein Zeichen für Vitalität und Lebensfreude setzen. Das Werk wurde während der Eröffnung für über 1 Million Euro verkauft.Statement für Lebensfreude: Niki de Saint Phalles Skulptur «Blue Obelisk with Flowers» von 1992.Georgios Kefalas / Keystone / © ProLitterisArt Basel, Messeplatz Basel, 18. bis 21. Juni.Passend zum Artikel
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