Fünf Tage, fünf Rundkurse: Die Tour de Suisse verliert den Charakter als LandesrundfahrtDie bewegte Geschichte der Tour de Suisse erhält ein neues Kapitel: Ab Mittwoch fahren Männer und Frauen täglich dieselben Strecken. Der Bedeutungsverlust des einst viertwichtigsten Etappenrennens beschleunigt sich.17.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenTour-de-Suisse-Gucken, ein Volkssport der Schweizer: Hier bezwingt das Peloton gerade den San Bernardino.Gian Ehrenzeller / KeystoneIm Sommer 1974 musste Sepp Voegeli tief in die Tasche greifen. Die Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland drohte die Tour de Suisse medial ins Aus zu drängen. Also lockte der legendäre Tour-Direktor Voegeli den besten Radfahrer der Epoche mit einer fürstlichen Antrittsgage in die Schweiz: Eddy Merckx.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Plan ging auf, der Belgier gewann die Tour und sorgte für Schlagzeilen. Dass Merckx ein Jahr später 100 Franken Busse bezahlen musste, weil er aus Frust über den verpassten Gesamtsieg die Siegerehrung schwänzte, gehört zu den zahlreichen Anekdoten aus bald 100 Jahren Tour de Suisse. Aus einer Geschichte, in der die Rundfahrt manches Mal kämpfte: um Aufmerksamkeit, um den Platz im Kalender, für ein starkes Fahrerfeld. Und sich doch immer als die viertwichtigste Rundfahrt hinter den dreiwöchigen Grand Tours behaupten konnte.Wenn am Mittwoch die nächste Austragung des Rennens beginnt, startet mit Tadej Pogacar wieder der beste Fahrer einer Epoche. Doch die Tour de Suisse steht vor der einschneidendsten Zäsur ihrer Geschichte. Fünf Etappen umfasst sie nur noch; einst waren es bis zu elf.Zudem verliert das Rennen den Charakter einer Landesrundfahrt. Die Profis fahren nicht mehr von A nach B, stattdessen wird auf Rundkursen gefahren – morgens die Frauen, nachmittags die Männer, mit Start und Ziel am selben Ort.Die Tour de Suisse war gefühlt immer einmal in der NäheMan mag es als Radsport-Romantik abtun, wenn viele Schweizerinnen und Schweizer in Erinnerungen schwelgen, wie sie immer wieder an der Strecke standen, um die Profis vorbeiflitzen zu sehen. Doch dass die Tour zu den Menschen ging, auf ihrer Reise durch die Schweiz stets einmal in ihrer Nähe war – das prägte das Rennen schon.1974 gewann Eddy Merckx nicht nur das Gesamtklassement der Tour de Suisse, sondern auch das Bergpreis-, das Punkte- und das Kombinationsklassement.Sigi Maurer / UllsteinDas neue Format wurde hauptsächlich aus finanziellen Gründen nötig. Die Veranstalter haben Mühe, genügend Sponsoren zu finden; die Kosten für Sicherheit und Logistik steigen. Bewilligungen für Strassensperrungen zu bekommen, wird immer schwieriger. Die TV-Produktion ist komplex und teuer, gleichzeitig bezahlt das Fernsehen weniger.Und: Seit 2021 organisiert die Tour de Suisse auch ein Frauenrennen. Bis auf wenige Ausnahmen ist der Frauenradsport noch ein Verlustgeschäft, auch wenn die Entwicklung in den vergangenen Jahren steil war. Bei der Tour de Suisse schrieb das Rennen einige hunderttausend Franken Verlust, wurde vom Männerrennen subventioniert. Der Event-Direktor Olivier Senn sah die Tour de Suisse mittel- bis langfristig gefährdet.Das Frauenrennen wieder fallenzulassen, war keine Option für die Veranstalter der Tour de Suisse, Cycling Unlimited. Es hingegen auf sieben oder acht Tage auszubauen, sei finanziell nicht möglich gewesen. Vom neuen Format nun profitiert vor allem das Frauenrennen, das dadurch aufgewertet wird und sich in einem grösseren Rahmen präsentieren kann. Am Start ist fast die ganze Weltspitze um Marlen Reusser, Kasia Niewiadoma oder Lotte Kopecky.Das Budget reduziert sichSponsoring macht rund 80 Prozent des Budgets der Tour de Suisse aus. Durch die Kürzung und die Synergien schrumpft das Budget nun von 8 auf knapp 6 Millionen Franken; eine Unterscheidung zwischen Frauen und Männern gibt es nicht mehr, nur noch eine gemeinsame Buchhaltung.Der Eventdirektor Olivier Senn gibt zu, dass ihn der Entscheid, das Männerrennen der Tour de Suisse so einschneidend zu verändern, schmerzte. Zudem war da eine gewisse Unsicherheit, weil der Radsport seine Traditionen derart liebt. Senn sagt: «Man stösst ständig auf alte Regeln und Gepflogenheiten. Deswegen weiss man nie so recht, was ein solcher Einschnitt für Konsequenzen hat.» Soll die Tour de Suisse aber auch in Zukunft ein wichtiger Teil des Radsports sein, könne man nicht immer nur zurückschauen. «Es war gut zu seiner Zeit und im damaligen Umfeld. Im künftigen Umfeld ist es eine Illusion.»Senn sagt, die Reaktionen auf das neue Format seien bisher positiv gewesen. Vor allem mittlere bis grössere Städte – Zürich ausgenommen – zeigten bereits Interesse daran, künftig eine Etappe auszutragen.Es gibt aber auch skeptische Stimmen. Von einem «Sterben auf Raten» spricht Rolf Huser, und auch andere gewichtige Vertreter der Schweizer Radsport-Szene sehen das neue Format kritisch. Da ist ein gewisses Unverständnis, dass solch drastische Massnahmen nötig sind. Vergleichbare Rundfahrten wie das Critérium du Dauphiné (seit diesem Jahr: Tour Auvergne-Rhône-Alpes), das mit der Tour de Suisse immer um den Status als wichtigstes Vorbereitungsrennen für die Tour de France rangelte, sind immer noch rund acht Tage lang.Es herrscht Uneinigkeit darüber, welche Auswirkungen die Kürzung auf fünf Tage aus sportlicher Sicht hat: Ist das zu kurz für eine Vorbereitung auf die Frankreich-Rundfahrt, oder passt das manchen Fahrern genau deswegen besser in die Planung?Wie gut die Tour de Suisse besetzt war, schwankte über die Jahre. Sie war bei den Fahrern immer beliebt, doch das Critérium du Dauphiné gewann über die Jahre an Bedeutung. Letzteres ermöglicht den Fahrern durch das frühere Datum mehr Erholungszeit vor der Tour und enthält oft Teile der Tour-de-France-Strecke, da es vom selben Veranstalter organisiert wird.Armstrong beim Dauphiné, Ullrich an der Tour de SuisseJan Ullrich, dem ein Sieg in der Schweiz wegen Dopings aberkannt wurde, kam fast jedes Jahr zur Tour de Suisse. Den meisten grossen Namen gemein war, dass sie in der Schweiz gerne ihre Beine in der einen oder anderen Etappe testeten; ob es für den Gesamtsieg reichte, war den meisten egal.Nach Fabian Cancellaras Sieg 2009 folgte ein Jahrzehnt, in dem sich die erfolgreichsten Rundfahrer wie Alberto Contador, Bradley Wiggins oder Chris Froome fast durchgängig am Dauphiné vorbereiteten. Die Tour de Suisse gewannen Rui Costa oder Simon Spilak, gute Fahrer, die aber über weniger Strahlkraft verfügten.Die goldenen Zeiten der Tour de Suisse in den 1950er Jahren waren geprägt vom Duell zwischen Hugo Koblet (Bild) und Ferdy Kübler.PHOTOPRESS-ARCHIVDass man schon damals immer wieder hörte, dass früher alles besser gewesen sei, gehört wohl zu einem Event dazu, zu dem alle irgendwie einen Bezug haben. Die Tour de Suisse allerdings erlebte tatsächlich schon manchen Höhenflug. Sogar bei der ersten Ausgabe 1933, als sie anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Schweizerischen Rad- und Motorfahrer-Bundes erfunden wurde. Am Strassenrand während der fünf Etappen und 1200 Kilometer sollen eine halbe Million Zuschauerinnen und Zuschauer gestanden haben.Eine andere Blütezeit erlebte die Tour de Suisse zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Mitte der 1950er Jahre. Ferdy Kübler und Hugo Koblet prägten diese Zeit, die Schweizer Bevölkerung labte sich am Duell der ungleichen Zürcher. Auf das Spektakel folgte ein Abschwung, bevor Sepp Voegeli die Rundfahrt wieder stärkte. 1992 führte der Direktor Hugo Steinegger das Startvillage ein, die Tour de Suisse wurde vom Radrennen zum Event.Im neuen Format unterhält dieser die Zuschauer den ganzen Tag, vom Start des Frauenrennens etwa um 9 Uhr bis zur Zielankunft der Männer zwischen 17 und 18 Uhr. Da der Entscheid zum neuen Format erst im September fiel, gibt es bei der ersten Ausgabe noch gewisse Kompromisse. Mit Sondrio, Italien, hatte man für die Startetappe bereits einen Vertrag – eine von fünf Etappen im Ausland durchzuführen, ist eigentlich nicht der Plan.Ein Glücksfall für die Veranstalter ist, dass Tadej Pogacar seine Teilnahme bereits im Dezember zugesagt hat – er will jedes World-Tour-Rennen einmal in seiner Karriere gewinnen. Er rückt die neue Tour de Suisse sofort in den Fokus, denn die Aufmerksamkeit ist mit ihm ungleich grösser als gewöhnlich. Das starke Teilnehmerfeld runden Mathieu van der Poel, Tom Pidcock oder Primoz Roglic ab.Schweizer Idylle: die Tour de Suisse am Lukmanier-Pass. Im gelben Leadertrikot Fabian Cancellara, 2009 der letzte Schweizer Sieger der Tour.Tim De Waele / GettyPassend zum Artikel
Die Tour de Suisse verliert mit dem neuen Format ihren Charakter
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