Tadej Pogacar degradiert die Gegner an der Tour de Suisse zu Statisten – und bringt damit auch die Konkurrenz bei der Tour de France ins GrübelnAn der auf fünf Etappen verkürzten Tour de Suisse fährt der 27-jährige Slowene einem ungefährdeten Sieg entgegen. Zwei Wochen vor der Frankreich-Rundfahrt wirkt Pogacar unantastbar.21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEr fliegt ins Ziel: Tadej Pogacar nimmt erstmals an der Tour de Suisse teil – und dürfte die Gesamtwertung für sich entscheiden.Tim de Waele / GettyErst 70 der total 634 Kilometer der Tour de Suisse sind absolviert, als das Rennen sich bereits einem logischen Ende zuneigt. Tadej Pogacar fährt am vergangenen Mittwoch in einen Anstieg hinein, der mehr Hügel als Berg ist und normalerweise kein ernsthaftes Hindernis darstellt. Von einer Attacke des 27-jährigen Slowenen kann keine Rede sein. Augenblicke später schaut er sich verdutzt um. Alle Konkurrenten haben den Anschluss verloren. Sogar Mathieu van der Poel, der Weltmeister von 2023 und achtfache Sieger eines Monuments. Sogar Primoz Roglic, der fünffache Grand-Tour-Sieger. Sogar Richard Carapaz, der Olympiasieger von 2021. Sie wirken in diesem Moment wie Statisten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Soloritt zum Auftakt sei so nicht geplant gewesen, sagt Pogacar nach der ersten Etappe. Er lacht wie ein Lausbub. In den letzten Jahren hat er immer wieder weit vor dem Ziel attackiert und danach bis auf eine Ausnahme triumphiert. Für die Gegner ist diese Fahrweise besonders zermürbend, lässt sie ratlos zurück.Die 70 Kilometer ins Ziel absolviert Pogacar alleine, fährt einen Vorsprung von über zwei Minuten heraus. Ein beeindruckendes Solo schon auf der ersten Etappe, die in Sondrio im italienischen Veltlin ausgetragen wird. Bleibt Pogacar gesund und auf der Schlussetappe am Sonntag von Sturzpech verschont, wird er erstmals die Tour de Suisse für sich entscheiden. Wieder ein Ziel erreicht. Pogacar möchte jedes World-Tour-Rennen einmal gewinnen; längst sind es solch historische und nie da gewesene Marken, die er jagt.Pogacar spielt an der Tour de Suisse mit den Konkurrenten, distanziert sie mit einer Leichtigkeit, die im Radsport ihresgleichen sucht. Auf dem zweiten Teilstück rund um Locarno verrichtet er sogar für einen Teamkollegen Führungsarbeit – im Leadertrikot. Sogar dafür reicht die scheinbar unerschöpfliche Kraft offenbar. Und das alles, obwohl seine Verlobte Urska Zigart im vorherigen Frauenrennen fürchterlich stürzte, sich den Kiefer brach und beim Start der Männer offen war, wie ihr Zustand ist. Auf dem Velo ist Pogacar von alledem nichts anzumerken.Die Konkurrenten an der Tour de France gehen sich aus dem WegDer Vorabend des Starts zur Tour de Suisse, die erstmals nur fünf Tage dauert, bei der dafür Frauen und Männer am gleichen Ort antreten. Die Sonne brennt auf die Piazza Garibaldi in Sondrios historischem Zentrum. Pogacar steht im Schatten neben einer Bühne, wo die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorgestellt werden. Er isst Pizzoccheri, die Nudeln mit Kartoffeln, Wirsing und viel Käse. Landfrauen aus dem Veltlin haben sie in einer Showküche zubereitet, reichen die Spezialität den Fahrerinnen und Fahrern.Dann betreten Pogacar und seine Teamkollegen die Bühne, der Lärm wird ohrenbetäubend. Später sagt er: «Ich freue mich auf das Rennen, die Schweizer Strassen sind gut.» Er ist in der Interviewzone, umringt von fünf Sicherheitskräften. Grimmige Blicke. Üblich ist das im Radsport nicht. Doch keiner soll Pogacar zu nahe kommen. Beim Ausgang warten Hunderte Fans, hoffen auf ein Autogramm des Superstars. Die meisten vergeblich, Pogacar verschwindet rasch.Auch wenn bei ihm alles leicht aussieht, bestreitet Pogacar, dass er die fünf Etappen im Trainingsmodus absolviere. An der Schweizer Landesrundfahrt vollendet er den Formaufbau für die Tour de France, die am 4. Juli in Barcelona beginnt. Viermal hat er auf dieser grösstmöglichen Bühne des Radsports schon triumphiert. Er jagt diesen Sommer den fünften Gesamtsieg, das würde ihn auf eine Stufe mit den Rekordsiegern Eddy Merckx, Jacques Anquetil, Bernard Hinault und Miguel Indurain katapultieren.Allein unterwegs: Schon auf der ersten Etappe distanziert Pogacar die Gegner entscheidend.Tim de Waele / GettyPogacar und seine Konkurrenten um den Gesamtsieg gehen sich vor dem Saisonhöhepunkt aus dem Weg. Jonas Vingegaard, der Pogacar 2022 und 2023 bezwungen hatte, gewann im Mai in Pogacars Abwesenheit den Giro d’Italia. Paul Seixas, das französische Supertalent, erholt sich von den Sturzverletzungen, die er sich in der letzten Woche bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes zugezogen hat. Florian Lipowitz, der deutsche Hoffnungsträger, bestreitet die Slowenien-Rundfahrt. Und Remco Evenepoel, der Doppel-Olympiasieger von Paris 2024, schindet sich seit Wochen im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada.Schon kurz vor Weihnachten versetzt Pogacar die Konkurrenten in AufruhrAn der Tour de Suisse wird deutlich, wie viel Freude sein Beruf Pogacar gerade bereitet. Das auch, weil er weiss, dass die Gegner im Kampf um den Sieg an der Tour de France ihn genau beobachten. Und wahrscheinlich zusehends verzweifeln. Evenepoel, der Tour-Dritte von 2024, hat kürzlich in den sozialen Netzwerken ein Video aus dem Trainingslager veröffentlicht. Dort überlässt der Belgier wenig dem Zufall, unternimmt harte Ausfahrten, manchmal sieben Stunden lang, sammelt Höhenmeter, unterwirft sich einer strikten Gewichtskontrolle. Über all dieser Selbstkasteiung bleibt aber der Gedanke, dass selbst diese Perfektion wohl nicht ausreichen wird, um diesen unerträglich leichtfüssigen Slowenen zu gefährden.Pogacar bestreitet lieber Rennen, statt sich abzuschotten. Er arbeitet seit 2024 mit dem spanischen Trainer Javier Sola zusammen. Unter dessen Anleitung trainiert Pogacar zwar auf ähnliche Art und Weise wie andere Profis. Aber «zwei Stufen härter», wie ein ehemaliger Teamkollege am Rand der Tour de Suisse sagt. Um hitzeresistent zu werden, trainierte Pogacar im Winter zum Beispiel in warmer Kleidung in einem unbelüfteten Raum.Kurz vor Weihnachten schon, in der Rennpause, setzte Pogacar seine Gegner in Aufruhr, als er während einer 226 Kilometer langen Ausfahrt seinen eigenen Rekord am Coll de Rates, einem bekannten Trainingsberg in Südspanien, pulverisierte. «Frohe Weihnachten», schrieb Pogacar dazu auf der Tracking-Plattform Strava, im Wissen, dass er andere Radprofis damit in der Weihnachtspause ins Grübeln bringt – virtuelle Psychospielchen.Der Vertrag läuft noch bis 2030Pogacar scheint in diesem Jahr noch einmal stärker geworden zu sein. An den Frühjahrsclassiques triumphierte er an drei von vier Monumenten, entschied danach die Tour de Romandie für sich. Wer im Radsport mit seiner Doping-Vergangenheit solche Leistungen zeigt, eine derartige Dominanz entwickelt, wird von Zweifeln begleitet. Das weiss auch Pogacar, der aber noch nie positiv getestet wurde.Bei seinem Team UAE Emirates hat er einen Vertrag bis 2030, Pogacar peilt 2028 in Los Angeles seinen ersten Olympiasieg an. Am Ende der Tour de France 2025 gab es aber Anzeichen, dass Pogacar je länger, je weniger Lust verspürt, an dreiwöchigen Rundfahrten zu starten, den ständigen Rummel auszuhalten. Manche in der Szene spekulierten über einen Rücktritt nach Olympia 2028.Im Ziel der zweiten Etappe, nach dem Unfall seiner Verlobten, telefoniert Pogacar noch beim Ausfahren auf der Rolle mit Zigart. Er wird gefilmt und reagiert verstimmt. Er schickt den Kameramann weg. Es ist einer der seltenen Momente, in denen sichtbar wird, dass die ständige Aufmerksamkeit auch Pogacar zusetzt.Seine Mutter sagte im vergangenen Jahr zu französischen Medien, sie verstände es, wenn ihr Sohn aufhören oder zumindest ein Jahr pausieren würde. Noch fehlen Anzeichen für den Abgang. Vielleicht aber ist der grösste Gegner Tadej Pogacars kein Vingegaard oder Seixas – sondern er selbst.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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