GastkommentarDaniel Fasnacht«Society 5.0» – was die Schweiz von Japans Weg ohne Zuwanderung lernen kannWas passiert mit einer Gesellschaft, wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr ältere Menschen finanzieren müssen? Europa beantwortet diese Frage bis jetzt primär mit mehr Zuwanderung. Japan hingegen versucht den demografischen Wandel technologisch zu kompensieren.17.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenJapan versucht, angesichts einer alternden Gesellschaft den Wohlstand technologisch zu stabilisieren.Christopher Jue / EPADie demografische Entwicklung gehört zu den grössten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Viele westliche Staaten – darunter auch die Schweiz – reagieren darauf primär mit Migration. Gleichzeitig geraten Infrastruktur, Wohnungsmarkt und Verkehr zunehmend unter Druck. Dichtestress ist keine Einbildung, sondern planerische Realität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Japan reagiert anders auf die demografische Entwicklung und investiert massiv in Robotik, KI, Sensorik und automatisierte Prozesse. Ziel ist es, mit weniger Erwerbstätigen langfristig dieselbe oder sogar eine höhere wirtschaftliche Leistung zu erzielen. Vor diesem Hintergrund entwickelte die japanische Regierung 2016 das Konzept Society 5.0. Nach der Jäger- und Sammlergesellschaft, der Agrargesellschaft, der Industriegesellschaft und der Informationsgesellschaft soll nun eine «super-smarte Gesellschaft» entstehen: eine Gesellschaft, in der digitale Technologien gezielt eingesetzt werden, um Wohlstand trotz alternder Bevölkerung zu sichern.Dabei geht es nicht einfach um «mehr Digitalisierung». Im Kern handelt es sich um den Versuch, eine alternde Gesellschaft technologisch zu stabilisieren. Die Anwendungen sind in Japan längst sichtbar: Pflegeroboter unterstützen körperlich belastende Arbeiten in Altersheimen, KI-Systeme entlasten medizinisches Personal von administrativen Aufgaben, intelligente Sensorik überwacht Vitaldaten älterer Menschen, autonome Lieferdienste versorgen ländliche Regionen trotz schrumpfender Bevölkerung, und robotisierte Landwirtschaft kompensiert fehlende Arbeitskräfte.Weg vom linearen DenkenSociety 5.0 zeigt exemplarisch, wie sich strategisches Denken verändern kann: weg vom linearen Fortschreiben heutiger Probleme hin zu einem pragmatischen Umgang mit verschiedenen Zukunftsszenarien. Viele politische Debatten folgen einem linearen Denkmodell. Dieses Denkmuster, teilweise als «Future Bias» bezeichnet, beschreibt die Tendenz, bestehende Probleme gedanklich einfach in die Zukunft zu extrapolieren, während technologische Produktivitätssprünge und gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit unterschätzt werden.Die politisch oft geäusserte Sorge, wonach ältere Menschen künftig nicht mehr ausreichend gepflegt werden könnten, weil Personal fehle, entspricht genau dieser Denkfalle. Society 5.0 versucht dies zu überwinden. Die zentrale Frage lautet nicht, wie heutige Engpässe verwaltet werden können, sondern wie Innovation die Ausgangslage selbst verändern könnte. Für Japan ist der demografische Wandel immer weniger ein Verteilungsproblem als vielmehr ein Produktivitätsproblem.Während die Schweiz bis heute primär reaktiv mit mehr Infrastruktur reagiert, verfolgt Society 5.0 einen antizipativen Ansatz: Technologie soll Probleme lösen, bevor sie systemisch eskalieren.Society 5.0 zeigt, dass Wohlstand nicht zwingend dauerhaftes Bevölkerungswachstum voraussetzt. Entscheidend ist die Produktivität pro Kopf. Eine alternde Gesellschaft kann sich technologische Stagnation nicht leisten. Technologie ermöglicht, mit weniger Arbeitskräften mehr Wertschöpfung zu erzielen. Die eigentliche strategische Frage lautet deshalb nicht nur, wie viele Menschen künftig in der Schweiz leben, sondern welches Gesellschaftsmodell daraus entsteht: ein zunehmend administrativer Verteilungsstaat oder ein technologisch hochproduktiver Innovationsstaat.Produktivität statt BürokratieDer wirtschaftliche Erfolg der Schweiz entstand historisch nicht durch staatliche Expansion, sondern durch Rechtssicherheit, Föderalismus, politische Stabilität, ein starkes duales Bildungssystem, international führende Hochschulen sowie eine Kultur von Unternehmertum und Eigenverantwortung.Gerade diese Grundlagen geraten zunehmend unter Druck. Statt Prozesse zu vereinfachen, entstehen auf allen Ebenen neue regulatorische Anforderungen, Bewilligungen und administrative Strukturen. Gleichzeitig wächst der öffentliche Sektor schneller als viele produktive Bereiche der Privatwirtschaft. Im Kanton Zürich stieg die Bevölkerung seit 2019 um rund 5 Prozent, während die Zahl der Verwaltungsstellen um über 13 Prozent zunahm.Die Entwicklung in Deutschland sollte dabei Warnung genug sein. Dort liegt die Staatsquote mittlerweile nahe bei 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts, begleitet von wachsender Bürokratie, schwacher Produktivität und wirtschaftlicher Stagnation.Die Schweiz darf diesen Weg nicht kopieren. Eine alternde Gesellschaft braucht nicht mehr Verwaltung, sondern mehr Produktivität. Sie braucht schnellere Verfahren, tiefere regulatorische Hürden, mehr Automatisierung und bessere Rahmenbedingungen für Innovationen. Gerade KI, Robotik und digitale Infrastruktur werden entscheidend dafür sein, ob der Wohlstand trotz demografischem Wandel gehalten werden kann.Die Schweiz wird weiterhin auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen bleiben. Doch die entscheidende Frage lautet, ob Migration dauerhaft strukturelle Produktivitätsprobleme kompensieren soll oder ob das Land beginnt, seine technologische Innovationskraft konsequent zur Bewältigung des demografischen Wandels einzusetzen.Daniel Fasnacht ist Professor an der Kalaidos-Fachhochschule Schweiz und Dozent und Direktor Executive Education an der Universität Zürich. Er untersucht die Auswirkungen der KI-Transformation auf Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Technologie statt Zuwanderung: Japans Weg gegen den demografischen Wandel
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr ältere Menschen finanzieren müssen? Europa beantwortet diese Frage bis jetzt primär mit mehr Zuwanderung. Japan hingegen versucht den demografischen Wandel technologisch zu kompensieren.









