Mein Lieber, Azizam, der Hof ist warm und ruhig. Mein türkischer Freund O. hat die Schafe zum Weiden hinausgebracht, das kleine Kätzchen ist mit der Jagd auf Fliegen beschäftigt, und Herbie, der freundliche Hund, sitzt vor der Glastür und öffnet gelegentlich das Maul, um eine Fliege zu verschlucken. Heute war ich am Strand, um ein wenig zu schwimmen und mich in der Sonne auszuruhen. Der Strand war voll. Unzählige Kinder waren mit Booten unterwegs. Deshalb musste ich mich in eine Ecke oben auf dem Hügel zurückziehen, um allein zu sein. Das Wasser des Meeres spülte die Müdigkeit der vergangenen Tage aus meinem Körper.Während ich in der Sonne lag, dachte ich an die Insel Hormus und an meine Reise dorthin vor etwa acht Jahren. Dort habe ich zum ersten Mal A., meine deutsche Freundin getroffen. Sie war damals bei Freunden zu Gast und hatte beschlossen, drei Nächte auf der Insel zu bleiben. Wir schliefen drei Nächte in Zelten, verbrachten die Tage am Strand, unterhielten uns, schwammen, kochten gemeinsam und lagen in der Sonne. Es war das erste Mal, dass ich in Gegenwart meiner männlichen Freunde einen Bikini tragen und im Meer schwimmen durfte. Damals kamen noch nicht viele Menschen nach Hormus. Die Insel wirkte einsam und still, als würden dort nur ihre wenigen Bewohner leben. Für A., die sich Iran als ein streng islamisches Land voller Einschränkungen vorgestellt hatte, war diese Freiheit kaum zu glauben. Und ehrlich gesagt war sie auch für uns selbst erstaunlich.Nona und ihre Katze, Illustration von Mehrdad ZaeriMehrdad ZaeriGestern Abend hatten wir auf dem Hof eine Pizza-Party, weil O.s Neffe nach Amerika zurückkehrt. Einer der jungen Männer dort, dreiundzwanzig Jahre alt, fragte mich, wie das Meer in Iran aussieht. Ich zeigte ihm Bilder von der Insel Hormus. Er war fasziniert von der roten Erde und der seltsamen, besonderen Landschaft der Insel und sagte, dass er gern einmal in diesem Meer schwimmen würde. Ich sagte ihm: Im Moment stecken wir noch im Krieg. Aber später vielleicht. In letzter Zeit sage ich diesen Satz oft zu Menschen, die Iran besuchen möchten, und manchmal habe ich das Gefühl, als würde ich Iran verlieren.Der junge Mann fragte mich, warum ich immer noch kein Türkisch gelernt habe. Ich sagte: Weil ich nicht vorhabe, hierzubleiben. Er fragte: Wo willst du denn leben? Ich antwortete: nirgendwo und überall. Er sah mich erstaunt an. Ich sagte ihm: Ich träume auf Persisch, und ich bin eine Reisende in dieser Welt.Als sie mich nach meinen Texten fragte, bekam ich AngstGestern, als ich das Büro für Visa- und Aufenthaltsangelegenheiten betrat, fühlte ich mich zum ersten Mal fremd. Eine Dolmetscherin kam herein, sprach Englisch mit türkischem Akzent und begann in einem herablassenden Ton, mir Fragen zu stellen. Als sie nach meiner Arbeit und meinen Texten fragte, bekam ich Angst. Ich habe immer Angst, dass mir diese Texte Schwierigkeiten bereiten könnten und ich eines Tages nicht mehr nach Iran zurückkehren darf. Am liebsten würde ich sie verstecken und wie ein Geheimnis bewahren.Danach dachte ich den ganzen Tag an dich. An deine Eltern, die mit vier Kindern beschlossen hatten auszuwandern. An all die Demütigungen. Und an den endgültigen Abschied deiner Familie von Iran. Heute habe ich eine spezielle Telefonnummer angerufen, um einige Fragen zu meinem Aufenthaltsstatus zu klären. Die Ansage war auf Persisch. Eine Frau mit afghanischem Akzent meldete sich: „Ich bin Narges. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Mir hatte das Gespräch auf Persisch gefehlt. Ich stellte all meine Fragen, und Narges beantwortete sie geduldig und freundlich.Es war das erste Mal, dass ich mit einer afghanischen Telefonistin sprach. Ich hätte ihr gern gesagt: Es tut mir leid, dass man euch Afghanen in Iran so viele Jahre schlecht behandelt hat. Es tut mir leid, dass ihr niemals wie echte Bürgerinnen behandelt wurdet. Es tut mir leid, dass ihr aus eurem eigenen Land vertrieben wurdet und nirgendwo wirklich angenommen worden seid.Ich möchte wenigstens für ein paar Wochen nach Teheran zurückkehren. Ich vermisse meine Katze und mein Zuhause. Ich habe das Gefühl, mit einem Bein außerhalb der Grenze zu stehen und mit dem anderen in meinem eigenen Land. Grenze – seit einiger Zeit bin ich müde von allen Grenzen. Von der Grenze zwischen Mensch und Natur, von der Grenze zwischen Frau und Mann und von den Grenzen zwischen Ländern. Ich nehme das kleine Kätzchen in die Arme und rieche an seinem Fell. Ich sage zu ihm: Dein Geruch reicht weiter als alle Grenzen. Dann gehe ich hinaus auf den Hof und schaue auf den goldenen Sonnenuntergang, auf eine Sonne, die ohne Fragen über allen Menschen dieser Erde steht.Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.