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SPD: Versuchsfeld Baden-Württemberg – wer rettet die Sozialdemokraten? Nach dem Wahldebakel in Baden‑Württemberg kämpft die Landes‑SPD ums politische Überleben. Verschafft ihr die neue Führung wieder Relevanz – und taugt ihr Kurs als Blaupause für den Bund?

Josefine Fokuhl, Martin Greive 16.06.2026 - 18:08 Uhr Artikel anhörenSPD-Kandidaten für den Vorsitz in Baden-Württemberg: Isabel Cademartori, Robin Mesarosch, Dorothea Kliche-Behnke, Carsten Lotz. Foto: dpa, Picture Alliance, Privat [M] Baden-Baden, Berlin. Anfang Juni in Baden-Baden, eine schmale Treppe führt in den Keller. Draußen liegt die Frühsommerhitze über der Stadt, drinnen ist es kühl. Das „Fleur“ liegt im Untergeschoss eines mehrstöckigen Hauses, orangefarbene Kacheln an den Wänden. Den Raum schmücken rote SPD-Flaggen, Buttons und Flyer auf den Tischen. Die Location ist hip und modern, aber ein Detail wirkt wie aus der Zeit gefallen: Auf der Theke liegen Bierdeckel mit der Aufschrift „Die SPD ist oben“.Oben ist die Partei schon lange nicht mehr. Nach dem historisch schlechten Ergebnis bei der baden-württembergischen Landtagswahl im März von 5,5 Prozent hat es die SPD gerade noch in den Landtag geschafft – und hat jetzt noch zehn Abgeordnete. Seitdem lief das, was nach Niederlagen verlässlich beginnt: die Neuaufstellung.Drei Kandidaten und Kandidatenpaare sind angetreten, um der SPD, die in Baden-Württemberg zuletzt vor allem wie eine Partei für Funktionäre wirkte, frischen Wind einzuhauchen. Am 15. Juni endete die Abstimmung der Mitgliederbefragung, seit Dienstag früh steht das Ergebnis der Mitgliederbefragung fest. Auf dem Landesparteitag am 19. und 20. Juni soll der Landesvorstand dann offiziell gewählt werden.Baden-Württemberg ist wie eine Art Versuchsfeld für den Bund: Landesweit rutscht die SPD immer näher in den einstelligen Bereich ab. Die Kernfrage landes- wie bundesweit lautet: Wie ist der Untergang zu stoppen? Ist er überhaupt zu stoppen?Bierdeckel beim Kandidatenhearing für den SPD-Landesvorsitz in Baden-Württemberg in Baden-Baden. Foto: Fokuhl/HandelsblattDer AbsturzDrei Wochen vor Ende der Mitgliederabstimmung, der Ortsverband Baden-Baden hat ins „Fleur“ zum Kandidatenhearing eingeladen. Das Motto an diesem Sonntag: „5,5 Prozent vor 12.“Die Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori ist schon da, später kommt Robin Mesarosch dazu, er saß bis 2025 für die SPD im Bundestag. Carsten Lotz, der für McKinsey als Unternehmensberater gearbeitet hat, nimmt ebenfalls Platz im Kellerclub, er ist „der Kandidat der Basis“. Landesvizin Dorothea Kliche-Behnke, die Vierte im Bunde, ist verhindert.Rund 20 Besucher sind zusammengekommen, die Location wäre für deutlich mehr ausgelegt. Die Zahl ist symptomatisch: Menschen für sich zu begeistern, wird für die Sozialdemokraten zunehmend schwieriger.Meinungsforscher Manfred Güllner von Forsa deutet das vernichtende Ergebnis bei der Landtagswahl nicht als Ausreißer, sondern als „Endpunkt einer langen Entwicklung“. Erhielt die SPD vor einem Jahr noch knapp 900.000 Stimmen bei der Bundestagswahl in Baden-Württemberg, sank ihre Stimmenzahl laut Forsa bei der Landtagswahl im März um mehr als rund 600.000 auf knapp 300.000.Die SPD verliere seit Jahrzehnten den Kontakt zu den Menschen, sagt Güllner. „Seit 1980 hat die SPD in Baden-Württemberg 84 Prozent ihrer Wähler verloren“, sagt der Meinungsforscher. In der Partei fällt diesbezüglich immer wieder ein Wort: Die SPD sei zur „Funktionärspartei“ geworden.Diese Einschätzung teilt auch Güllner. „Das Problem ist: Man kümmert sich um die Seele der Funktionäre, nicht aber um die Seele der Wähler“, sagt der Meinungsforscher. Funktionäre kommunizierten weitgehend unter sich und wüssten nicht mehr, was die Wähler bewege. „Was auf dem Parteitag passiert, ist völlig unwichtig. Man muss an die Menschen denken, die man braucht – an die Wähler.“ Das tue die SPD nicht.Das Argument ist auch in Berlin zu hören. So sind nur 44 der 120 Abgeordneten der SPD-Bundestagsfraktion direkt gewählt. Alle anderen kamen über Landeslisten ins Parlament. Wer dort einen guten Platz ergattern will, muss innerparteiliche Mehrheiten organisieren – nicht zwingend Mehrheiten im Wahlkreis.Güllner verweist zudem auf eine strukturelle Verschiebung. In den 1970er-Jahren hatte die SPD auf Bundesebene einst knapp über eine Million Mitglieder. Es war die Zeit, als Helmut Schmidt Bundeskanzler war und Volksparteien ihr Hoch erlebten.„Ein Mitgliederschub in den 1970er-Jahren aus den ‚überbildeten‘ oberen sozialen Schichten entfremdete die Partei von den klassischen Stammwählern“, analysiert Güllner. Die SPD habe immer Wählerbündnisse zwischen den klassischen Stammwählern aus den Arbeitermilieus und der bürgerlichen Mitte schließen müssen. „Solange ihr das gelang, gewann sie Wahlen.“Doch die heutige SPD sei „in vielen Fragen nicht auf der Höhe der Zeit“, konstatierte der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück jüngst. „Sie hat den Anspruch verloren, ein Fortschrittsszenario für dieses Land zu beschreiben.“Immer mehr Wähler wenden sich deshalb von der SPD ab. Der Landesverband in Baden-Württemberg habe teils „Sektencharakter“, findet Güllner. „Wenn man aber einmal den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern verloren hat, ist es extrem schwer, Vertrauen zurückzugewinnen.“Doch wer kann dieses Vertrauen zurückholen?Motto des Kandidatenhearings: „5,5 Prozent vor 12.“ Foto: Fokuhl/HandelsblattDie Kandidaten„Dann können wir ja starten“, heißt es im „Fleur“. Die Kandidaten sitzen auf ihren Barhockern, die Gäste sind mit Kaltgetränken versorgt. Es folgt die erste Frage: Wer bist du?Carsten Lotz präsentiert sich als Kandidat der Basis – und als Gegenmodell zum politischen Karrierepfad. Er stammt aus dem Kreis Gomaringen, war lange Unternehmensberater bei McKinsey. Ein Mandat hat er selbst nie gehabt.Für ihn ist das kein Makel, sondern Teil der Botschaft: „Eine Partei ist eine große Organisation, die im Prinzip funktioniert wie andere große Organisationen auch“, sagt Lotz. Er sei nicht sicher, ob Erfahrung mit einem Mandat dafür in „irgendeiner Weise mehr hilft als andere Erfahrung“.Er will der Basis wieder eine Stimme geben. Das Thema, das dort laut Lotz dominiert, ist Bildung. Lotz plant, einen neuen Begriff für die SPD zu etablieren: „Partei des gesellschaftlichen Aufstiegs.“Im Kellerclub in Baden-Baden bleibt jedoch Skepsis. Kann ein ehemaliger Unternehmensberater wirklich die Bedürfnisse der Basis widerspiegeln? Und ohne Erfahrung einen Landesverband vor dem Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit retten?Kandidaten für den SPD-Vorsitz in Baden-Württemberg: „Basis systematischer einbinden.“ Foto: Fokuhl/HandelsblattDann folgt im „Fleur“ die Vorstellung von Isabel Cademartori und Robin Mesarosch. Sie präsentieren sich als geschlossene Doppelspitze für einen zerrissenen Landesverband: er im linken, sie im konservativen Flügel. Beide wurden 2021 in den Bundestag gewählt, Cademartori sogar direkt. 2025 ist sie allerdings über die Landesliste ins Parlament eingezogen, Mesarosch schaffte den Wiedereinzug nicht.Dafür ist er zu einem kleinen Politstar in den sozialen Netzwerken geworden. Mesarosch hat mehr Follower in den sozialen Medien als so manch anderer prominente Genosse. In seiner Instagram-Bio schreibt er: „Früher: Bundestagsabgeordneter. Jetzt: erst recht.“Cademartori ist verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion und schloss sich etwas später Mesarosch an. Ihr zentraler Angriffspunkt ist die Kommunikation. Die SPD verliere in einer fragmentierten Öffentlichkeit die Fähigkeit, gehört zu werden.Sie sende zu viele Signale und verwische damit ihr Profil. „Die SPD haut gerade fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn Botschaften pro Woche raus.“ Das könne gar nicht funktionieren, sagt Cademartori. „Zwei bis maximal drei Kampagnen pro Jahr wollen wir mit euch machen, die aber wirklich funktionieren.“Zugleich beabsichtigen beide, die Basis systematischer einzubinden. Sie schlagen eine Talentdatenbank vor, in der Mitglieder ihre Kompetenzen angeben können, um Kampagnen und Themenarbeit stärker über die Partei zu mobilisieren.Vor allem aber stehen sie für eine neue Generation von SPD-Politikern. Cademartori will sich für eine Partei mit mehr Mitgliedern einsetzen, die wieder jünger ist. Denn: Viele Ortsvereine der Sozialdemokraten werden auch deswegen immer kleiner, weil mehr und mehr Mitglieder sterben. Cademartori ist 38, Mesarosch erst 34. „Wer eine gerechtere Zukunft will, muss mit der SPD kämpfen“, sagt Cademartori. Und erntet im Kellerclub Applaus.Doch einige Parteimitglieder bezweifeln, dass Präsenz allein ausreicht. Sie wollen auf Erfahrung auf Landesebene setzen. Genau da kommt die Kandidatin ins Spiel, die an diesem Tag nicht anwesend sein kann. Dorothea Kliche-Behnke ist bereits seit 2018 stellvertretende Landesvorsitzende und sitzt seit fünf Jahren im Landtag. Einige SPD-Politiker aus Baden-Württemberg sehen genau das als notwendige Fähigkeit an, um den Landesverband wieder aufzubauen.Stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Dorothea Kliche-Behnke: Foto: picture alliance/dpaAber sie trägt auch eine Hypothek: Als Teil des bisherigen Landesvorstands hat Kliche-Behnke ein Wahlergebnis mitzuverantworten, das die Partei in die Reichweite der Bedeutungslosigkeit gebracht hat. In Baden-Baden klingt bei vielen die Sorge durch, dass selbst eine korrigierte Fortsetzung des Kurses zu wenig sein könnte.Das politische System habe sich verändert, sagt Kliche-Behnke. Die SPD müsse wieder als Partei der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wahrnehmbar werden. Ihr Ansatz zielt auf klassische Verankerung: Dafür will sie unter anderem ein Betriebsräte-Netzwerk aufbauen. „Das Rückgrat der Industrie sind nach wie vor Betriebe, wo Schicht gearbeitet wird, am Band gearbeitet wird.“Die SPD als einstige Partei der Arbeit steckt in der kniffligen Lage, sich überlegen zu müssen, für wen sie künftig stehen will. „Die Arbeiter sind eine Minderheit geworden“, sagt Güllner. Und doch seien sie für die SPD wichtig. „Damit kann man zwar keine Wahlen mehr gewinnen, aber symbolisch ist die Akzeptanz bei den Arbeitern für die SPD wichtig.“Die Identitätsfrage„Ein Weißbier bitte“, hallt es etwas zu laut von hinten nach vorn im „Fleur“. Der Zwischenruf bringt die Redner aus dem Konzept. Nach einer kurzen Pause geht es weiter. Das Thema: Die SPD habe den Kontakt zu den Menschen verloren.„Das ist das Skurrile, dass das, was wir wollen, auch Millionen Menschen wollen, aber uns nicht wählen“, sagt Kandidat Mesarosch. Weder in Baden-Württemberg noch im Rest des Landes.In Baden-Württemberg zeigen sich die Probleme, mit denen die SPD auch auf Bundesebene kämpft. Das Personal ist ziemlich verschlissen, es fehlt an jungen Nachwuchskräften, die nach oben drücken – und auch das Format haben, politische Spitzenämter standesgemäß auszufüllen.Im Bund werden Kandidaten als Zukunftshoffnungen gehandelt, die schon lange dabei sind und für manche in der Partei eigentlich eher im Herbst ihrer Karriere sind. Wenn es um mögliche Nachfolger für die angeschlagene Doppelspitze Lars Klingbeil und Bärbel Bas geht, fallen vor allem zwei Namen: Ex-Arbeitsminister Hubertus Heil. Und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, so sie die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern im Herbst gewinnt.Nachwuchskräfte sind eher spärlich gesät. Kevin Kühnert hat seine politische Laufbahn vorerst beendet, nachdem das Amt des Generalsekretärs ihm schwer zugesetzt hat, sein Nachfolger Tim Klüssendorf muss erst noch in die Aufgabe hineinwachsen. Anderen Nachwuchshoffnungen wie Siemtje Möller oder Armand Zorn wird der Parteivorsitz noch nicht zugetraut.Die Kür von Basiskandidaten hat die SPD in der Vergangenheit auch schon versucht. Mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans kehrte zwar mehr Geschlossenheit ein, beide waren aber auch recht schnell ohne Macht. Heute sind viele in der Partei auch von der Doppelspitze genervt, weil Bas und Klingbeil in unterschiedliche Richtungen strebten und ohnehin vor allem Klingbeil die Ansagen mache.Neben dem Personal fehlen auch neue Ideen. Die Debatten um das neue Grundsatzprogramm empfinden viele in der Partei bislang als langweilig, manche kritisieren sie als von oben verordnete Selbstbeschäftigungstherapie, um nicht die historischen Wahlkampfschlappen ernsthaft aufarbeiten zu müssen. Ein Plan, wie die SPD wieder aus der Krise komme, sei nicht in Sicht, kritisieren mehrere hochrangige Parteimitglieder.Um sich wieder in Richtung Volkspartei zu begeben – erst im Land, später auf Bundesebene –, müsse die SPD auf kommunaler Ebene wieder stark gemacht werden, sagt Meinungsforscher Güllner. Dort gebe es noch direkten Kontakt zu den Leuten. Genau diese Nähe habe die Partei früher getragen. Und könnte die Grundlage dafür schaffen, künftig wieder Wahlen zu gewinnen. In Baden-Württemberg gibt es zumindest noch manche SPD-Bürgermeister, in Reutlingen, Karlsruhe, Ulm oder Esslingen etwa.Das ErgebnisDer Nachmittag in Baden-Baden nähert sich dem Abend, das Kandidatenhearing im Club „Fleur“ dem Ende. Abgeschlossen wird mit einer Runde Lego-Orakel. Alle Anwesenden können mit je zwei Steinen für eine Kandidatur stimmen. Das Ergebnis ist eindeutig: Mesarosch und Cademartori können an diesem Tag mit Abstand die meisten Gäste von sich überzeugen. Basiskandidat Lotz sammelt nur vereinzelte Stimmen.Kandidatenhearing für den SPD-Landesvorsitz in Baden-Württemberg im Baden-Badener Club „Fleur“, veranstaltet vom dortigen Ortsverein