Am Morgen die Nachricht: Drohnengroßangriff auf Moskau. In dem Telegram-Kanal, den Bürgermeister Sergej Sobjanin trotz der Blockierung des Messengers weiter führt, summieren sich die angeblich von der Flugabwehr abgeschossenen Drohnen auf 60. Im letzten Post zu der Angriffsreihe heißt es, eine der Drohnen habe ein „Objekt“ auf dem Gelände des Moskauer Ölverarbeitungswerks beschädigt, niemand sei verletzt worden, die Notfalldienste täten ihre Arbeit. Bilder veröffentlicht Sobjanin nicht.Anders ukrainische Telegram-Kanäle, die seit Wochen die Folgen der Angriffe auf Ziele in Russland und in den besetzten Gebieten der Ukraine mit einer Fülle rasch auftauchender Clips illustrieren, und Präsident Wolodymyr Selenskyj. Die von ihnen am Dienstagmorgen verbreiteten Aufnahmen zeigen, wie eine Drohne in der Moskauer Raffinerie einschlägt. Man sieht Flammen, Rauch, dahinter das Hochhäusermeer der russischen Hauptstadt.Anhand dieser Bilder zitiert ein exilrussisches Portal prompt einen ebenfalls exilierten Fachmann mit der Aussage, auf die so beschädigte Anlage entfalle die Hälfte der Kapazität der Raffinerie, die insgesamt 40 Prozent des Rohöls in der Hauptstadtregion verarbeite. Minus 20 Prozent an einem Morgen, das klingt heftig. Also auf in den Stadtteil Kapotnja im Südosten von Moskau, dort liegt die Raffinerie, die zur Ölsparte des Konzerns Gazprom gehört.Pragmatismus nur für SchwäneSchon vom Autobahnring rund um die Hauptstadt sieht man das Gelände. Ein Meer aus Schloten, Röhren und Kesseln. Die Zufahrtsstraßen seien gesperrt, hieß es. Das galt offenbar nur kurzzeitig. Man kann ganz ungehindert zum Werkstor gehen. An der Straße stehen nur noch zwei Feuerwehrwagen. Nichts riecht verbrannt.Rechts vor dem Eingang steht die vor Großbetrieben übliche „Ehrentafel“ mit Porträts verdienter Beschäftigter im gazpromtypischen Hellblau. Links davon ist der Werksteich von Kapotnja. Vier Schwäne schwimmen darin, zwei auf jeder Seite, ein Holzzaun teilt das Gewässer. Für jedes Schwanenpaar gibt es ein Inselchen mit Unterstand, baugleich, mit Stroh auf dem Boden. Revierkämpfe bei Schwänen können tödlich sein, vor der Moskauer Raffinerie hat man eine Lösung gefunden: ein Teich, zwei Reviere. Ein Pragmatismus, wie ihn Präsident Wladimir Putin in politischen Fragen fordert, selbst aber unnachgiebig bleibt.Schwanensee: Am Werksteich von KapotnjaFriedrich SchmidtDieses Mal habe die Moskauer Region „die Reichweite der ukrainischen Waffen zu spüren bekommen“, hatte Selenskyj zu den Bildern aus Kapotnja triumphiert. „Eine 500 Kilometer entfernte Ölraffinerie wurde getroffen.“ Russland müsse „gezwungen werden, den Krieg gegen unser Volk zu beenden. Und die ukrainischen Langstreckenwaffen sind ein wichtiger Bestandteil dieses Zwangs.“In Kapotnja brennt nur noch die PilotflammeVielerorts haben solche Waffen schon zugeschlagen, Russlands Treibstoffproduktion beeinträchtigt. Doch in Kapotnja brennt, soweit ersichtlich, am Vormittag in der Raffinerie nur noch die sogenannte Pilotflamme auf dem Fackelrohr. Die muss immer brennen, um ausströmende Gase sicher zu vernichten.Als Mitte Mai mehr als 120 Drohnen Moskau angegriffen hatten, wurden nahe dem Eingang zu derselben Raffinerie laut Sobjanin mehrere Personen verletzt, vor allem Bauarbeiter. „Die Werkstechnik wurde nicht gestört. Drei Häuser wurden beschädigt“, berichtete der Bürgermeister seinerzeit. Dieses Mal teilt der Katastrophenschutz mit, das Feuer in der Raffinerie sei „vollkommen liquidiert“, die „Situation stabilisiert“ worden, „der Vorfall hat sich nicht auf die Funktion des Unternehmens ausgewirkt“.Man geht, wo immer möglich, rasch zur Tagesordnung über. Alle vier Hauptstadtflughäfen haben am frühen Morgen für einige Stunden den Betrieb eingestellt, das ist längst Routine. Wer es vermeiden kann, fliegt nicht in den frühen Morgenstunden. Während im Anflug auf Moskau Dutzende Drohnen abgeschossen werden, bricht in der Industriestadt Elektrostal gut 50 Kilometer östlich der Hauptstadt ein Feuer an der Spitze eines Wohnturms aus. Auch das kommt häufiger vor. Viele, die das Glück haben, innerhalb des Autobahnrings zu leben, fahren gerade nicht mehr so oft in ihre Wochenendhäuser im Umland, erzählt ein Moskauer. „Es knallt so oft.“Man spürt, wie die Einschläge näher rücken, mehr werden. Kapotnja liegt innerhalb des Autobahnrings. Wieder sah die Flugabwehr schlecht aus, ändern daran kann man nichts. Am Raffineriegelände schrauben Arbeiter in Garagen an Autos herum wie immer, gegenüber gehen Leute schweigend durch den Park zur Bushaltestelle. Die Feuerwehr beachten sie nicht.
Drohnenangriff auf Moskau: Raffinerie in Kapotnja getroffen
Ukrainische Drohnen treffen mittlerweile Ziele innerhalb des Moskauer Autobahnrings. Doch die Russen gehen schnell zur Tagesordnung über.











