«Viele Menschen glauben, Trump sei tatsächlich verrückt. Das ist auch ein Vorteil für ihn»Donald Trump gilt als unberechenbar und impulsiv. Der britische Historiker James D. Boys erkennt darin eine Strategie aus dem Kalten Krieg. Der amerikanische Präsident inszeniere den Wahnsinn bewusst.16.06.2026, 16.55 Uhr6 LeseminutenDer amerikanische Präsident Donald Trump gilt als unberechenbar. Das könne auch ein Vorteil für ihn sein, meint der britische Historiker James D. Boys.Nathan Howard / ReutersHerr Boys, Sie versuchen, Donald Trumps Politik rational zu erklären, und wurden deshalb auch schon als Trump-Apologet bezeichnet. Sind Sie das?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jeder, der nicht ausschliesslich verdammend über diese Regierung schreibt, macht sich angreifbar für Kritik von Leuten, die nur attackieren und nicht verstehen wollen. Ich begreife durchaus, warum viele Donald Trump nicht mögen. Er ist ein sehr spezieller Mensch, sehr direkt, und er versucht nicht, die Dinge in eine diplomatische Sprache zu kleiden.In den letzten Jahrzehnten haben sich die Europäer daran gewöhnt, dass insbesondere demokratische Präsidenten nach Europa kommen und ihnen sagen, was sie hören wollen. Republikanische Präsidenten haben das in der Regel nicht getan. So sehr Donald Trump in Europa verabscheut wird – George W. Bush wurde es davor auch, ebenso Ronald Reagan. Es gibt hier ein klares Muster.Gerade in den Medien scheint ein Widerwillen zu bestehen, sich ernsthaft mit den Hintergründen der Politik von Trump auseinanderzusetzen. Finden Sie das auch?Das Problem ist, dass weder die Medien noch die akademische Welt sich gross bemüht haben, diese Regierung zu verstehen. Als Donald Trump seine Kandidatur ankündigte, nahm ihn niemand ernst. Viele Journalisten weigerten sich sogar, zu diesem Termin zu erscheinen. Wichtige Zeugnisse, wie Trumps erste aussenpolitische Rede 2016, wurden deshalb übersehen. In dieser kritisierte Trump Obama öffentlich für seinen Verhandlungsstil und sagte, dass er im Gegensatz zu ihm unberechenbar agieren möchte.Sie behaupten, dass Trump die Madman-Theorie anwendet, das kalkulierte Vortäuschen von Wahnsinn, um seine Gegner zu verwirren.Die Madman-Theorie ist eigentlich keine Theorie, sondern eine Taktik aus dem Kalten Krieg. Unberechenbarkeit als Konzept ist nicht neu. Man kann sie bis zu Machiavelli, Hobbes und Sun Tzu zurückverfolgen. In den fünfziger Jahren aber arbeiteten Akademiker an der Harvard-Universität an einem neuen aussenpolitischen Ansatz.Thomas Schelling, Daniel Ellsberg und Henry Kissinger entwickelten drei Ideen: die Aussetzung der Rationalität, die Vortäuschung von Wahnsinn und die Akzeptanz eines begrenzten Nuklearkriegs. Als Richard Nixon 1968 die Wahl gewann, ernannte er Kissinger zum Berater für nationale Sicherheit. Er brachte damit das intellektuelle Fundament der Madman-Taktik ins Weisse Haus.Lässt sich Trumps Verhalten nicht viel einfacher durch seine Persönlichkeit erklären?Wer sich entscheidet, Präsident unter 330 Millionen Menschen zu werden, muss ein gewisses Mass an Narzissmus mitbringen. Sehr ähnliche Fragen wurden auch bei Nixon gestellt, der als neurotisch und paranoid galt. Nixon hatte aber eine ganz andere Seite – wie auch Trump.Als Vizepräsident hatte Nixon gesehen, wie die Eisenhower-Regierung im Koreakrieg Nordkorea glaubwürdig mit einem Atomschlag drohte, falls der Krieg nicht bald enden würde. Zwar existieren keine Akten, die diese Drohung eindeutig belegen – doch für Nixon stand fest: Die Madman-Theorie funktioniert.Dank Nixons Tonbandaufzeichnungen haben wir heute Beweise dafür, wie er und Kissinger diskutierten, Kissinger als «Abgesandten eines Verrückten» um die Welt zu schicken. Man wollte Moskau und Nordvietnam weismachen, Nixon sei verrückt genug, Atomwaffen einzusetzen. Sie glaubten ihm aber nicht und durchschauten den Bluff.Ein Analytiker der amerikanischen StrategiePDJames D. BoysDer britische Historiker ist Senior Research Fellow am Centre on US Politics am University College London. Sein neuestes Buch, «US Grand Strategy and the Madman Theory», ist im Verlag Manchester University Press erschienen.Gemäss seinem ehemaligen Berater für nationale Sicherheit John Bolton handelt Trump oft impulsiv. So soll er plötzlich entschieden haben, die Nato zu verlassen, ohne das mit seinem Umfeld abzusprechen.Bolton halte ich in dieser Frage nicht für glaubwürdig. Trump war nicht der erste Präsident, der die niedrigen Nato-Zahlungen der Bündnispartner kritisierte – John F. Kennedy klagte schon 1962 im Situation Room darüber. Dass Trump Bekenntnisse zu Artikel 5 kurzfristig infrage stellt oder mit dem Austritt droht, ist eine bewusste Taktik, um die Nato-Führung zu verunsichern. Und es hat funktioniert: Die Europäer haben höhere Beiträge zugesagt.Viele Menschen glauben, Trump sei tatsächlich verrückt und könnte seine Drohungen umsetzen. Das ist auch ein Vorteil für ihn. Man muss einen Gegner nicht zu 100 Prozent überzeugen – nur jenes eine Prozent Zweifel säen, dass etwas passieren könnte.Trump hat seit den 1980ern gezielt ein Image kultiviert – er taucht in «Home Alone» auf, wird in «American Psycho» erwähnt. Diese Kunstfigur setzt er nun als glaubwürdige Drohkulisse ein, um Massnahmen zu ergreifen, von denen Präsidenten wie Obama oder Biden nicht einmal geträumt hätten.Fehlt für eine solche bewusste Übernahme der Madman-Taktik bei Trump nicht die intellektuelle Basis?Klar, die Trump-Regierung hat keinen Kissinger. Aber das Ergebnis ist dasselbe: ein amerikanischer Präsident, der privat oder öffentlich damit droht, etwas Unverhältnismässiges zu tun. Und die ehemalige Sprecherin von Trump, Karoline Leavitt, hat das selbst «zielgerichtete strategische Ambiguität» genannt.Trumps Ansatz kommt direkt aus seinem Immobiliengeschäft in Manhattan, wo er es mit sehr ungemütlichen Charakteren zu tun hatte. Er hat schlicht die härtesten Verhandlungstaktiken der Welt auf die internationale Bühne übertragen.Das sah man beispielsweise bei den Zollverhandlungen. Man geht nicht in eine Verhandlung und verlangt 2 oder 3 Prozent Zölle, sondern 80 Prozent und jagt dem Gegner die Furcht Gottes ein. Trumps Kritiker werfen ihm dann vor, er knicke ein, wenn er sich am Ende mit 40 Prozent zufriedengibt.Dafür gibt es einen Spruch: «Taco», «Trump always chickens out» – Trump gibt immer nach.Genau, das ist ein grundlegendes Missverständnis. Wenn der Zoll vorher bei null lag, ist alles zwischen 10 und 80 Prozent ein massiver Sieg für die amerikanische Regierung. Wer behauptet, Trump habe einen Rückzieher gemacht, macht sich lächerlich.Trump kommuniziert alles Mögliche über soziale Netzwerke. Erkennen Sie bei ihm irgendwelche Überzeugungen?Absolut. Trump hat ein paar felsenfeste Überzeugungen, die er seit den 1980er Jahren vertritt: dass Amerika von seinen Verbündeten und Feinden ausgenutzt wird, dass Staaten wie Iran oder Nordkorea eine existenzielle Bedrohung darstellen und dass Diplomaten schlecht verhandeln. Dennoch: Trump legt seine Pläne nicht offen. Er sagt: Warum zum Teufel sollte ich den Feinden verraten, was wir tun werden, wie das frühere Regierungen gemacht haben? Das Risiko dieser Strategie liegt woanders.Wo?Die Amerikaner wollten keinen Krieg im Nahen Osten. Da Trump sich weigert, der eigenen Bevölkerung seine Ziele zu erklären, entsteht ein Vakuum. Dieses wird von seinen politischen Gegnern und den Medien gefüllt. Die Leute sehen nur steigende Benzinpreise, Inflation und eine Regierung, die scheinbar täglich ihre Meinung ändert.Im historischen Vergleich mit Richard Nixon erkennt man klar die Risiken. Nixons Ausweitung des Vietnamkriegs auf Kambodscha war ebenfalls ein Teil seiner Madman-Taktik. Ihm ging es darum, die Nordvietnamesen davon zu überzeugen, dass er zu jeder Eskalation bereit war. Die Eskalation besass aber kein Mandat des Kongresses und war einer der ursprünglichen Anklagepunkte in seinem Impeachment-Verfahren. Nixons Sturz wurde damit vorangetrieben. Eine ähnliche Gefahr könnte auch Trump drohen.Trump spricht seit über zwei Monaten von einem Deal mit dem iranischen Regime. Macht er sich damit nicht berechenbar und signalisiert Schwäche, also genau das Gegenteil dessen, was er 2016 eigentlich in Aussicht stellte?Ich sehe darin keine Schwäche, sondern das gezielte Schüren von Widersprüchen innerhalb der iranischen Führung. Wenn Trump und sein Aussenminister Marco Rubio öffentlich erklären, man stehe kurz vor einem Deal mit einer bestimmten Gruppe, versuchen sie, das Regime aus dem Sicherheitsapparat und die religiöse Führung in Teheran gegeneinander auszuspielen. Sie wollen Misstrauen säen.Erleben wir heute eine Welt voller «Madmen»? Nutzen Wladimir Putin mit dem Überfall auf die Ukraine oder das iranische Regime mit der Blockade der Wasserstrasse von Hormuz nicht genau dieselbe Taktik gegen den Westen?Nein, das sehe ich nicht. Wladimir Putins Vorgehen in der Ukraine ist für den Weltfrieden entsetzlich, aber aus Sicht des Kremls folgt es einer rationalen geopolitischen Logik, die auf historischen Ansprüchen beruht. Er täuscht keinen unberechenbaren Wahnsinn vor. Eine Madman-Taktik wäre es, wenn Putin damit drohen würde, am kommenden Freitag Atomwaffen einzusetzen, falls seine Forderungen nicht erfüllt werden. Wir dürfen Akteure nicht als verrückt abstempeln, nur weil wir ihre Methoden oder Ziele verabscheuen.Auch Teheran nutzt keine Madman-Taktik. Die Drohung, die Strasse von Hormuz zu schliessen, ist eine völlig konventionelle Methode, um über den Ölpreis wirtschaftlichen Druck auszuüben. Am Ende ist es ein klassisches Pokerspiel, bei dem eine Seite nachgibt und das am Verhandlungstisch endet.Hatte Trump bisher mit der Madman-Taktik Erfolg? Oder überwiegt das Risiko für die USA, Allianzen dauerhaft zu zerstören?Trump brennt darauf, Deals abzuschliessen. Seine Methode offenbart jedoch eine gefährliche, ihm eigene Ungeduld. Beim Zerstören alter Verträge ist Trump weitaus geschickter als im Aushandeln neuer Allianzen. Echte Diplomatie verlangt langsame, stetige und unaufgeregte Arbeit hinter den Kulissen. Das liegt Trump überhaupt nicht. Er setzt auf Spektakel. Das ist keine gute Diplomatie, aber es sorgt für äusserst interessante Zeiten.Passend zum Artikel