Als Abdullah Ibrahim 1969 sein Livealbum „African Piano“ veröffentlichte, musste der Titel als kulturpolitisches Statement gewertet werden. Hier warf jemand der europäischen Klassik-Tradition, die das Piano jahrhundertelang als ihr Eigentum betrachtet hat, den Fehdehandschuh hin. Nicht zuletzt wandte er sich damit gegen die diskriminatorischen Praktiken halbstaatlicher Kulturinstitutionen in Südafrika, die ausschließlich europäische Kunstmusik förderten.Für Ibrahim war das Konzert-Piano ebenso afrikanisch, wie es das Daumenklavier Kalimba für seine Vorfahren war. Er eignete es sich damit ausdrücklich als schwarzes Instrument wieder an. Sein ganzes künstlerisches Schaffen kondensierte in einer „Piano-Protestmusik“, begründet in einer Zeit, in der ein African Composer noch als Fremder im eigenen Land angesehen wurde.Er wuchs in einem berüchtigten Ghetto aufAm 9. Oktober 1934 als Adolph Johannes Brand in Kapstadt geboren, wurde Abdullah Ibrahim in Europa Ende der Sechziger zunächst als Dollar Brand bekannt. Der Spitzname geht auf den Umstand zurück, dass Brand – wie er selbst erklärte – als Jugendlicher jeden Dollar ausgab, um im Hafen von Kapstadt amerikanischen Seeleuten ihre alten Jazzplatten abzukaufen. Erst nach seiner Konversion zum Islam 1968 nahm Brand den Namen Abdullah Ibrahim an. Er wuchs im berüchtigten Ghetto „District Six“ auf, nicht nur einem der schlimmsten Slums von Cape Town, sondern von ganz Afrika.Brands Mutter leitete als Pianistin einen Kirchenchor und führte ihn zunächst in das klassische Piano-Repertoire ein. Seine ersten musikalischen Live-Erfahrungen machte der Junge in der einheimischen African Methodist Episcopal Church. Zwar hatte er im Alter von sieben Jahren mit dem Klavierunterricht begonnen, doch schon bald zeigte sich, dass Adolph Johannes eine Vielzahl musikalischer Elemente aufsog und zu einem enzyklopädischen Stil amalgamierte.Militärmärsche und Township-JiveDas Kap von Südafrika war seit dem 17. Jahrhundert einer Fülle von kulturellen Einflüssen ausgesetzt. Beeinflusst vom amerikanischen Blues, hatte sich im 20. Jahrhundert hier das charakteristische „Marabi Jazz Piano“-Spiel entwickelt. Daneben lebte natürlich die klassische Piano-Tradition fort, und die Kirchen-Hymnen zeitigten nicht selten säkulare Effekte. Der heranwachsende Brand konnte in Kapstadt Sufi-Gesänge und indonesische Perkussion ebenso hören wie die traditionelle Musik der Xhosa, europäische Volks- und Salonmusik, aber auch Militärmärsche, Tanzkapellen, die Penny-Whistle-Musik „Kwela“, den Township-Jive „Mbaqanga“, Weihnachtschöre oder Karnevalsklänge.Dazu kam Brands ausgeprägtes Interesse am Jazz der Vierziger- und Fünfzigerjahre, nachdem er einige Stücke von Louis Armstrong und Duke Ellington gehört hatte. Es sollte später sogar bis in die frei fluktuierenden Dissonanzen des Freejazz reichen. Laut der Überzeugung seines Förderers Ellington, den Brand 1962 in Zürich getroffen hatte, kehrte mit Brand der amerikanische Jazz endlich zu seinen afrikanischen Wurzeln zurück. Ellington war es auch, der ihm 1963 eine erste Plattenaufnahme in Paris vermittelte.Sein Ziel: Afrika zu rekonstruierenAls er 1962 zusammen mit seiner Frau Sathima Bea Benjamin erstmals Südafrika verließ, wurde Brand in Europa nicht nur als Repräsentant afrikanischer Musikkultur, sondern zugleich als ein politisch bewusster Exilant aus dem Apartheidstaat wahrgenommen. 1976 entschied er sich, ganz im Ausland zu leben; erst 1990 nach der Freilassung von Nelson Mandela kehrte er in seine Heimat zurück. Während seines Exils hatte Ibrahim begonnen, Afrika zu rekonstruieren, Bilder aus dem afrikanischen Alltag, der Unterdrückungsmechanismen, der ANC-Kämpfe, der Sehnsucht und der Heimkehr musikalisch zu entwerfen.Wie politisch der Kern von Abdullah Ibrahims Musik ist, demonstrieren vor allem zwei Kompositionen, die aus der Fülle seiner pianistischen Solidaritätsadressen herausragen. 1981 veröffentlichte er das Album „South African Sunshine“, das zwei Gesangsnummern enthält. Anstelle bloß rebellischer Klanggesten gibt es hier sprachliche Botschaften, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lassen: „Hit and run / Freedom comes through the barrel of a gun / Move like a ghost / We gonna hit them where it hurt them most“ heißt es in „Hit and Run“. Was heute als wohlfeiler Revolutionskitsch wirken könnte, gewann Ende der Siebziger nicht allein durch die scharfe Dringlichkeit in Ibrahims Stimme eine seltene Überzeugungskraft.Das Titelstück „Tula Dubula“ enthält dagegen die Summe dessen, was Ibrahim unter „politischem Gospel“ versteht: „South African sunshine / See how the guns shine / hungry lips feed on the sound of freedom ...“. Der sanfte Tonfall von Ibrahims Stimme will zunächst so gar nicht zur latenten Gewalttätigkeit der Textzeilen passen. Dabei hat Abdullah Ibrahim aus seiner spirituellen Verwurzelung nie ein Hehl gemacht. Ein Stück wie „The Pilgrim“ von 1973 fasziniert beispielsweise durch seine atmosphärische Räumlichkeit, die durch langsames Tempo, präzise Pedalarbeit und eine Moll-Tönung erzeugt wird. Immer wieder gelingt es Ibrahim inmitten von donnernden Akkordtrillern und melancholischem Jubel, mit nur wenigen magischen Akkordfolgen seine Improvisationen auf den Boden der sozialen Tatsachen zurückzuholen. Jetzt ist der wegweisende Jazzpianist im Alter von 91 Jahren in Prien am Chiemsee gestorben.