Noch mal einen ganz anderen Weg gehen, ausgetretene Pfade verlassen, Neues wagen: Wer sich das traut, zumal deutlich jenseits der 50, müsste sich vor Anerkennung eigentlich kaum retten können. Es ist auch nicht so, dass Achim Nagel die Anerkennung verwehrt geblieben wäre. Er kennt aber auch die andere Seite, die Skepsis und Ablehnung, die missgünstige Prognose, so etwas könne doch nur schiefgehen. Dabei hat er einfach nur mit Holz bauen wollen.Das macht er jetzt seit Längerem so erfolgreich, dass er ganz entspannt, aber mit präziser Erinnerung an seine unternehmerische Neuerfindung vor mehr als zwanzig Jahren in Hamburg festhalten kann: „Heute sagt keiner mehr, dass ich einen an der Waffel habe oder unser Unternehmen mit diesen ,Holzbuden‘ in die Grütze fahre.“Die Holzbuden darf man nicht wörtlich nehmen, es handelt sich um stattliche, architektonisch aufwendige Projekte, die er mit seinem Hamburger Unternehmen Primus Developments umsetzt. Die Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Rostock zum Beispiel ist das größte Holzmodulbauprojekt Europas: Dahinter stecken rund 23.000 Quadratmeter zum Studieren, Lernen und Arbeiten sowie weitere 27.000 Quadratmeter zum Wohnen.Auch für den Bundestag gebautIn Berlin hat Primus am Deutschen Bundestag den Luisenblock gebaut. Und nun auch einen Interimssitz für das Bundespräsidialamt. Achim Nagel spricht von einer Art „Ritterschlag“. Ihn beflügelt die Vorstellung, dass der Bundespräsident demnächst Bundesverdienstkreuze in wohligem Holz-Ambiente vergeben könnte.Zahlreiche weitere Projekte in privater Hand stehen verteilt im Land, Wohnheime, Kitas, Büros und Gewerbe. Es geht jeweils um Tausende Quadratmeter Fläche, zudem um die Integration von Holzmodulen. Und oft um Lagen am Wasser. Das Unternehmen hat schließlich seinen Sitz in der Hamburger Hafencity. „Früher waren Städte froh, wenn überhaupt einer in den Hafen gegangen ist, um dort zu bauen“, sagt Achim Nagel. „Heute sind diese Lagen extrem begehrt.“„Projektentwickler sind so etwas wie Trüffelschweine“Er hat neben dem Hauptsitz in Hamburg Standorte in Düsseldorf und Berlin. Unlängst baute das Unternehmen auch in Offenbach am Main, ebenfalls Hafenlage, ein Gebäude für Büros und Gewerbe, mit breiter Treppe Richtung Wasser. Sie hätten sich in das Grundstück, in dessen Nähe ein alter, längst ausrangierter Hafenkran steht, bei einem ersten Besuch vor Ort förmlich blitzverliebt, sagt Lorenz Nagel. Der Sohn, Jahrgang 1991 und ebenfalls Architekt, hat gerade die operative Führung des Unternehmens von seinem Vater übernommen. Er formuliert es so: „Projektentwickler sind so etwas wie Trüffelschweine.“Wie der Vater: Achim Nagel und sein Sohn Lorenz Nagel bauen gerne am Wasser, aber vor allem mit viel Holz.Lucas BäumlEs geht nicht nur darum, geeignete Grundstücke zu finden, sondern auch die passende Nutzung, investitionsbereite Finanzierer und eine überzeugende Architektur, die der eigenen Ausbildung und Leidenschaft folgt. „Projektentwicklung ist die Königsdisziplin der Architektur“, sagt der Westfale Achim Nagel. Er hat einst im Medienkonzern Bertelsmann aus Gütersloh die Bauabteilung geleitet, war anschließend Partner im Düsseldorfer Architekturbüro Ingenhoven und wurde im Jahr 1999 mit der Gründung von Primus zum Unternehmer.Er sei damals „ziemlich naiv“ gewesen, sagt Nagel Senior. Er hatte an Prestigeprojekten mitgearbeitet, unter anderem am RWE-Hochhaus, dem Hauptsitz des Essener Energiekonzerns. Aber als Primus-Gründer musste er fortan selbst ungewohnt viel Geld aufnehmen und bewegen, um Bauprojekte umzusetzen. Das Risiko wuchs enorm. Jedes neue Projekt sei im Grunde wie ein eigenes mittelständisches Unternehmen oder wie eine Neugründung. Mit entsprechendem Umsatz und personellem Aufwand in den dafür gegründeten Projektgesellschaften.„Ich hatte am Ende die Schnauze voll vom konventionellen Bauen“Das bisherige Auftragsvolumen von Primus liegt bei mehr als 1,2 Milliarden Euro, die insgesamt entwickelte Fläche bei mehr als 300.000 Quadratmetern. Erstaunlich: Ein Dutzend Festangestellte reichen aus, weil das Unternehmen mit zahlreichen Partnern arbeitet, in der Finanzierung und Vermarktung oder beim Bau selbst.Bau in Offenbach: „Wegen der Effizienz sind wir in den Holzmodulbau gegangen.“Frank RöthVor etwas mehr als zehn Jahren baute er zum ersten Mal mit Holz. Es war eine Herzensangelegenheit und das Ergebnis einer Entfremdung, wie er offen sagt: „Ich hatte am Ende die Schnauze voll vom konventionellen Bauen.“ Zu vieles daran sei nicht nachhaltig und zu langsam gewesen. Heute baut er mit Holzmodulen, die ein Unternehmen in der österreichischen Stadt Bregenz für Vater und Sohn Lorenz fertigt. Es ist eine Zimmerei mit industrieller Fertigung, die die Module in ausreichender Zahl herstellen kann.Am Ende geht es um Hybridbauten, in denen auch wegen der Vorschriften Beton steckt. In Treppenhäusern und Fahrstuhlschächten zum Beispiel. „Unser Einstieg und erstes Projekt im Holzmodulbau war ein Gamechanger“, sagt Lorenz Nagel. „Seit fünf, sechs Jahren sind wir aus der Nische raus.“Bürobau: Lorenz Nagel bemängelt eine „Romantisierung des Waldes“.Frank RöthSeinen Sohn musste er nicht lange überzeugen. Dieser teilt die Überzeugungen seit Längerem und geht den neuen Weg des Familienunternehmens mit. Das ist abzulesen unter anderem daran, dass er sich in der „Koalition für Holzbau“ engagiert, einem Zusammenschluss und Netzwerk aus Unternehmen und Wissenschaft mit Sitz in Berlin.Dass Holz als Baustoff nicht nur belächelt, sondern mitunter auch mit harten Bandagen bekämpft wird, benennt er so pointiert wie sein Vater. „Es gibt eine brutale Lobby aus dem Umweltbereich gegen das Bauen mit Holz“, sagt Lorenz Nagel. Er sei „zum Teil schockiert“ gewesen, „wie wenig Verständnis die Grünen für den Holzbau haben“. Aber das Thema sei hierzulande nun mal hoch emotionalisiert, und es gebe „eine erstaunliche Romantisierung des Waldes“. Wer Holz kommerziell nutzt, wird bei dieser Sichtweise schnell zum Feind der Natur erklärt.Es ist eine Erfahrung, die auch andere schon gemacht haben. Der Holzfertigbau besteht überwiegend aus Mittelständlern, die vor allem Einfamilienhäuser und Zweifamilienhäuser in Holzbauweise herstellen: Ihnen wird regelmäßig vorgehalten, diese betrieben regelrechten Flächenfraß, seien also ein Schaden für die Natur.Die Nagels, die sich „in der Tradition des klassischen Baumeisters“ sehen, sagen, dass Holz Identität gebe. Es verändere die Menschen, die in einer solchen Umgebung lebten oder arbeiteten. Man sei aber „nicht als ideologisches Unternehmen unterwegs“ und versuche einfach, das unternehmerische Schnellboot zu bleiben, das Primus seit Langem sei. Achim Nagel fasst es so zusammen: „Wegen der Effizienz sind wir in den Holzmodulbau gegangen. Und wegen der Nachhaltigkeit sind wir geblieben.“Die Grundüberzeugung ist geblieben. Und für missionarischen Eifer offenbar kein Platz. Lorenz Nagel versichert jedenfalls: „Wenn heute noch jemand sagt, Holz sei doof, weil es ja zum Beispiel brennen kann – dann lässt mein Ehrgeiz inzwischen nach, die Zusammenhänge zu erklären.“
Projektentwickler Primus: Was alles im Holzbau steckt
Von der Kita bis zum Präsidentensitz: Mit Holz lässt sich viel errichten. Das größte Holzmodulbauprojekt Europas entsteht in Rostock. Dennoch gerät das Baumaterial in die Kritik.







