Eine Studie über die „Universitätenkrise“ in Großbritannien hat eine Debatte über den Wert einer akademischen Ausbildung ausgelöst. Konkret fragen viele: Lohnt sich ein Hochschulstudium noch angesichts hoher Studiengebühren und Schulden, die viele Absolventen anschließend belasten? Laut einem neuen Bericht des bürgerlichen Thinktanks Policy Exchange verdienen mehr als ein Zehntel der Absolventen fünf Jahre nach ihrem Studienabschluss weniger als den gesetzlichen Mindestlohn von 12,71 Pfund (etwa 14,70 Euro) je Stunde.Die Studie malt ein düsteres Bild des britischen Hochschulwesens, das von sinkenden Qualitätsstandards, steigenden Schulden der Absolventen und teils geringen Einkommensaussichten der Akademiker geprägt sei. Früher genossen die allermeisten Universitätsabsolventen einen deutlichen Einkommensaufschlag („Graduierten-Prämie“) gegenüber Nichtakademikern. In vielen Fächern ist das nun fraglich geworden. Das liegt offenbar auch am geringen Wert der Ausbildung an zweit- bis drittklassigen Unis. In dem von Parlamentariern mehrerer Parteien unterstützten Bericht ist die Rede von einem „Zusammenbruch der Leistungsstandards und der Graduiertenprämien“.In 15 von 34 Fächergruppen, darunter Soziologie, Kunst, Medien und Design, verdienen mehr als ein Viertel der Graduierten nach fünf Jahren nicht einmal den Mindestlohn. Etwa 30 Prozent der Uni-Absolventen hätten nach fünf Jahren keine Jobs gefunden, für die eine akademische Ausbildung notwendig sei. 30 Prozent der Studiengänge böten insgesamt keine positive ökonomische Rendite, heißt es in dem Bericht. Zumal wenn man bedenke, dass Absolventen oft mindestens 50.000 Pfund Schulden schultern müssen und unter der Zinsenlast stöhnen.Hohe Studiengebühren, Finanznot der UnisGleichzeitig kämpfe der Hochschulsektor mit einem enormen Anstieg der Studierendenzahlen und knappen finanziellen Ressourcen, kritisiert der Bericht. Die Studiengebühren, die im Jahr 2010 auf 9000 Pfund verdreifacht wurden, blieben danach viele Jahre annähernd konstant. Jüngst hat die Labour-Regierung beschlossen, sie dieses Jahr von 9535 auf 9790 Pfund (11.300 Euro) zu erhöhen. Ein Master-Studium kostet an guten Unis oft mehr als 20.000 Pfund. Viele Universitäten klagen jedoch, dass das Geld weiterhin kaum ausreiche. Der Anteil der staatlichen Zuschüsse ist auf etwa ein Viertel ihrer Budgets gesunken.Großbritanniens Hochschulwesen hat in den vergangenen Jahrzehnten einen radikalen Wandel durchgemacht. 1999 gab Labour-Premier Tony Blair ein ehrgeiziges Ziel aus: 50 Prozent eines jeden Jahrgangs sollten eine Universität besuchen. Diese Quote wurde inzwischen überschritten. Das Resultat sind aber vielerorts Massenuniversitäten mit sinkenden Standards in der Lehre und einem zweifelhaften Wert der Abschlüsse.Die englische Hochschullandschaft besteht einerseits aus Eliteeinrichtungen und forschungsstarken Hochschulen mit klingenden Namen, etwa Oxford, Cambridge, die London School of Economics, das University College London oder King’s College. Dort ist die Konkurrenz um Studienplätze sehr groß. Daneben gibt es aber auch Universitäten, Ex-Fachhochschulen, Akademien und Colleges von zweifelhaftem Ruf. Laut Hochschulstatistik besitzt jeder achte Studienanfänger im Lande nicht die erforderliche formelle Hochschulreife. An manchen Unis sind deutlich mehr als die Hälfte der Studienanfänger nicht formell qualifiziert, wie die „Financial Times“ jüngst beschrieb. Darunter sind etwa die Ravensbourne University, ein früheres Kunst- und Design-College in Greenwich, oder Leeds Trinity und Bath Spa University. Diese Unis haben die Mehrzahl ihrer Kurse an externe Anbieter ausgelagert. Die Studien-Abbrecherquoten sind hoch. Insgesamt gibt es im Vereinigten Königreich 130 Hochschulen mit angeblich universitärer Ausbildung. In den jährlichen Rankings der „Times“ finden sich am Schluss vor allem Provinz-Hochschulen.„Das System hat Schwachstellen“Die Russell-Gruppe, in der zwei Dutzend führende forschungsstarke Hochschulen zusammengeschlossen sind, kommentierte den Policy-Exchange-Bericht zustimmend. „Wir möchten anerkennen, dass das derzeitige System Schwachstellen aufweist, durch die manche junge Menschen im Stich gelassen werden.“ Der Arbeitsmarkt sei schwierig, viele Hochschulabsolventen litten unter steigenden Schulden. Hinzu kämen noch die Herausforderungen durch KI und allgemeine Polarisierungstendenzen. Dies alles stelle „Wert und Zweck der Hochschulbildung auf den Prüfstand“. Die Universitäten müssten sich fragen, welche Rolle sie in Gesellschaft und Wirtschaft künftig spielen. „Wir unterstützen nachdrücklich, einen nationalen Mindeststandard für den Zugang zum Hochschulstudium einzuführen“, betonte Libby Hackett, die Geschäftsführerin der Russell-Gruppe.Die britischen Parteien haben sich von der alten Blair-Fixierung auf eine 50-Prozent-Uniquote längst verabschiedet. Man wolle die nichtakademische Ausbildung mehr stärken, sagt die Labour-Regierung von Keir Starmer. Der Premier verspricht „Gold-Standard“-Lehrstellen, obwohl es gerade hier große Defizite gibt. Die Konservative Partei will die Zahl der Studienanfänger um 100.000 senken und mit dem eingesparten Geld mehr Lehrstellen finanzieren. Die rechtsgerichtete Partei Reform UK von Nigel Farage ihrerseits polemisiert gegen „Mickey Mouse“-Studienabschlüsse und kündigt hier Einschnitte an. Reform UK wird überwiegend von der Arbeiterschaft unterstützt.Der Hochschulen-Verband Universities UK sagte zur Kritik im Bericht des Thinktanks Policy Exchange, dieser enthalte einige richtige Ideen und Ansätze. Dennoch bleibe es dabei, dass ein Studium der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit sei. Unter Akademikern seien nur drei Prozent arbeitslos, halb so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Doch in der Bevölkerung wachsen Zweifel und Skepsis. In der jüngsten Umfrage der British Social Attitudes Survey sagten 34 Prozent, sie glaubten, eine Universitätsausbildung sei „nicht die Zeit und das Geld wert“ – vor zwei Jahrzehnten sagten das nur 14 Prozent.