Es ist eine schöne Aussicht, die Andrej Poroshin von den Fenstern seiner Wohnung im sechsten Stock aus hat. Er sieht viel Grün, hat eine Sportanlage im Blick und weiter hinten deutet sich die Innenstadt ab. Poroshin mag die Aussicht, sagt er. Und doch, in den vergangenen Wochen fühlte er sich in seiner Wohnung „wie im Gefängnis“, sagt er. Denn der 32-Jährige sitzt aufgrund einer Erkrankung im Elektrorollstuhl. Mehr als einen Monat lang konnte er seine Wohnung nicht verlassen – der Aufzug, der ihm das normalerweise problemlos ermöglicht, war defekt.Seit einigen Tagen ist er zumindest teilweise repariert, doch das Stockwerk, auf dem Poroshin stufenfrei nach draußen kommen würde, lässt sich nach wie vor nicht anfahren. Über die Rampe der Tiefgarage kann er zwar nach oben fahren, doch das sei angesichts der Autos nicht ganz ungefährlich.Als er Anfang Mai bemerkte, dass der Aufzug nicht funktioniert, meldete Poroshin das Problem bei der Dawonia, die das Mehrfamilienhaus in Neuhausen-Nymphenburg verwaltet. Der Aufzug werde schnell repariert, habe es da geheißen. „Aber dann ist nichts passiert.“ Immer wieder habe er nachgefragt, immer wieder sei die gleiche Antwort gekommen: bald. Einen Grund für die Verzögerung hat man ihm eigener Aussage nach nicht genannt.Poroshin versteht durchaus, dass ein Aufzug mal kaputt sein kann und dass die Reparatur auch einige Tage dauern kann. Aber mehr als einen Monat? Das kann er nicht nachvollziehen, sagt er. Zumal die Situation für ihn nicht einfach nur unbequem ist, sondern schwerwiegende Einschränkungen mit sich bringt. Sein Elektrorollstuhl hindert ihn normalerweise nicht daran, ein aktives Leben zu führen, Freunde zu treffen oder geschäftliche Termine wahrzunehmen. Ohne Aufzug jedoch war all das nicht möglich, sagt er. Auch Arzttermine und Physiotherapie habe er mehrfach absagen müssen.Auch berufliche Termine musste Poroshin absagen. Catherina HessWie Hausarrest habe sich das angefühlt, psychisch ging es ihm in dieser Zeit nicht gut. Zu Hause habe er nur lesen oder Filme schauen können. Gelegentlich hätten ihn zwar Freunde besucht, vergleichbar mit einem Ausflug an die Isar oder in den Englischen Garten sei das aber nicht gewesen.Auf SZ-Anfrage gibt die Dawonia an, für die Schadensanalyse einen Techniker des Herstellers beauftragt zu haben. Dieser habe zunächst mehrere technische Defekte festgestellt. Bei den Reparaturarbeiten seien zudem weitere technische Probleme aufgetreten, „die zuvor nicht erkennbar waren“. Aktuell müsse man noch auf ein Ersatzteil für eine der beiden Türen warten, um den Aufzug vollständig zu reparieren. Mieter, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, könnten in der Zwischenzeit auf Kosten der Dawonia einen Trageservice in Anspruch nehmen.Teilweise funktioniert der Aufzug zwar wieder, die für Poroshin wichtige Nullebene lässt sich aber noch immer nicht anwählen. Anna-Maria SalmenFür Poroshin ist das keine zufriedenstellende Lösung, das Tragen über die Treppen ist ihm zu unsicher. Er habe Kontakt zu anderen Menschen mit Behinderung in ganz Deutschland, die immer wieder vor ähnlichen Problemen stehen, sagt er. Nun will er sich dafür einsetzen, dass es dazu nicht mehr so leicht kommen kann: Er will ein Gesetz erwirken, das Vermietern vorschreibt, wie lange die Reparatur eines Aufzugs maximal dauern darf. Diese Anregung hat der 32-Jährige auch an Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) geschickt. Ein solches Gesetz kann zwar nicht auf kommunaler Ebene eingeführt werden, doch Poroshin würde sich wünschen, dass Krause seinen Einfluss in der Politik nutzt. Auch er selbst kann sich vorstellen, auf andere Politiker zuzugehen und sich an Fraktionen im Bundestag zu wenden.Denn es ist nicht das erste Mal, dass Poroshin seine Wohnung nicht verlassen kann: Seit Anfang des Jahres, so sagt er, war der Aufzug in jedem Monat für einige Tage defekt. Und er befürchtet, dass es auch nicht das letzte Mal ist.