Die Angst, im Fahrstuhl stecken zu bleiben, ist weit verbreitet. Eine Autorin dieser Zeitung hat jüngst erleben müssen, wie sich das anfühlt. Ein Aufzug in einer Frankfurter U-Bahn-Station bleibt stehen, der Notruf versagt, am Ende müssen Einsatzkräfte eine Glasdecke zerschlagen, um die Eingeschlossenen zu befreien. Solche Erlebnisse graben sich ins Gedächtnis ein, auch wenn sie statistisch die Ausnahme sind.Zwar bleiben in Deutschland jedes Jahr Tausende Menschen im Fahrstuhl stecken, allein ein Aufzugbetreiber, Hundt Consult, spricht von rund 18.000 Notbefreiungen pro Jahr. Nach Angaben von Alexander Wüllner, Geschäftsführer bei Hundt Consult, zeigen Auswertungen von mehr als 20.000 Anlagen, dass statistisch je Aufzug im Schnitt gut zwei Störungen im Jahr auftreten und nur bei etwa 0,13 dieser Störungen überhaupt jemand in der Kabine feststeckt. In Großstädten wie Frankfurt liege die Störungsquote sogar etwas darunter.Wie sicher ist der Aufzug wirklich?André Siegl, Aufzugfachmann beim TÜV‑Verband, verweist darauf, dass der gefürchtete freie Absturz heute praktisch ausgeschlossen sei. Fangbremsen und Geschwindigkeitsbegrenzer brächten die Kabine im Fehlerfall automatisch zum Stehen. Im Extremfall senke sich der Fahrkorb kontrolliert auf einen Puffer in der Schachtgrube ab. Technisch gehöre der Fahrstuhl zu den sichersten Verkehrsmitteln überhaupt, tödliche Unfälle seien äußerst selten. Die größere Gefahr lauere eher an der Schwelle: Stolpern beim Ein‑ und Aussteigen, eingeklemmte Finger oder riskante Selbstbefreiungsversuche.Schaltzentrale: Aufzüge müssen einmal im Jahr geprüft werden.Helmut FrickeDeutschland hat knapp 700.000 Personenaufzüge. Die häufigste Fehlerquelle der Aufzugtechnik sind laut Siegl die Türen: Sensoren und Kontakte kontrollierten, ob Schacht‑ und Kabinentür geschlossen und verriegelt seien. Gebe es dort Widersprüche, blockiere die Steuerung die Fahrt. Hinzu kämen Überwachungen für Geschwindigkeit, Bremsen und Tragseile. „Registriert die Elektronik Unregelmäßigkeiten, schaltet sie in den ‚sicheren Zustand‘, und der Aufzug bleibt stehen.“„Stecken bleiben“ bedeute deshalb nicht zwingend: zwischen zwei Etagen und ohne Ausweg. Viele moderne Anlagen seien so programmiert, dass sie bei einer Störung kontrolliert zur nächsten Haltestelle führen und dort die Türen öffneten, sagt der TÜV-Fachmann. Nur bei bestimmten Fehlern, etwa in der Sicherheitskette oder bei Türantrieben, bleibe der Fahrkorb tatsächlich im Schacht stehen.Was im Idealfall passieren soll, wenn die Notruftaste gedrückt wird, ist in den technischen Regeln genau beschrieben. Die TRBS 3121 sieht vor, dass innerhalb von etwa 30 Minuten Hilfe eintreffen soll, um eingeschlossene Personen zu befreien. Wüllner weist darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen einklagbaren Rechtsanspruch, sondern um eine Zielgröße handele, die nach seiner Erfahrung in mehr als 90 Prozent der Fälle erreicht werde.Im Zweifel hilft die FeuerwehrWenn kein Mitarbeiter erreichbar ist oder die Technik blockiert, kommt die Feuerwehr ins Spiel. Das gilt auch bei einem medizinischen Notfall. Der Sprecher der Frankfurter Feuerwehr berichtet von mehreren Aufzugeinsätzen in der Woche, an manchen Tagen von bis zu fünf. Alarmiert würden die Einsatzkräfte entweder von der Notrufzentrale des Betreibers, wenn klar sei, dass kein Techniker rechtzeitig kommen könne, oder direkt von den Eingeschlossenen über die 112.Dann heißt es für die Wehrleute: Aufzug suchen, Treppen steigen, Kabine lokalisieren, die Tür öffnen. Steht der Fahrkorb bündig, ist die Sache meist rasch erledigt. Hängt er zwischen zwei Etagen, kommen Leitern zum Einsatz, um die Menschen sicher in die nächstgelegene Ebene zu bringen. Aus Sicht der Feuerwehr endet der Auftrag, wenn alle draußen sind. Der Aufzug wird danach häufig stillgelegt, vergleichbar mit einer herausgedrehten Sicherung.Wenn nach einer Störung niemand mehr im Aufzug ist, wird er meist erst einmal stillgelegt.Maximilian von LachnerTrotz hoher Sicherheitsstandards wurden laut aktuellem Anlagensicherheitsreport des TÜV-Verbands 2025 bei fast elf Prozent der rund 723.000 geprüften Aufzüge erhebliche Mängel festgestellt. Etwa 3000 Anlagen mussten wegen Gefahr für Leib und Leben stillgelegt werden. Typische Defekte seien laut Siegl verschlissene Tragseile, ausgefallene Notrufsysteme oder defekte Türverriegelungen.Zusätzlich müssten Betreiber regelmäßige Wartungen veranlassen. Wüllner hält den klassischen Rhythmus von vier Wartungen im Jahr für überholt. Daten aus seinem Unternehmen legen aus seiner Sicht nahe, dass viele Anlagen in Deutschland „überwartet“ seien. Der Tag der Wartung sei statistisch sogar der Tag mit der höchsten Störungswahrscheinlichkeit, weil Eingriffe in die Technik neue Fehlerquellen schüfen. Sinnvoller sei es, Wartungen an Nutzung und Zustand zu koppeln und die gewonnene Monteurszeit stärker in gezielte Reparaturen und vorausschauende Instandsetzung zu investieren.Und wenn der Ernstfall eintritt? Der Feuerwehrsprecher beschreibt eine einfache Dreierregel: Erstens solle man nicht an Türen hebeln oder versuchen, aus halber Höhe herauszuklettern. Rettungskräfte warnen ausdrücklich, dass solche Selbstbefreiungsversuche lebensgefährlich sein können. Zweitens solle man den Notrufknopf mindestens einige Sekunden gedrückt halten und auf Rückmeldung warten. Seit 2020 ist für Personenaufzüge ein Zweiwegekommunikationssystem vorgeschrieben. Falls niemand reagiert, sollte man drittens die Betreiberhotline oder im Zweifel die 112 anzurufen. Und natürlich Ruhe bewahren, die Position im Gebäude durchgeben und auf weitere Anweisungen warten.Die Angst, im Lift zu ersticken, gilt als unbegründet: Aufzugskabinen verfügen über Lüftungsöffnungen, selbst bei längerer Wartezeit wird die Luft nicht knapp. Bei einem Stromausfall bleibt der Aufzug zwar stehen, die Sicherheitsmechanismen verhindern aber, dass die Kabine unkontrolliert abstürzt. Sie seien so ausgelegt, sagt Siegl, dass der Fahrkorb im Zweifel stehen bleibe, bis jemand ihn wieder sicher in Bewegung setzt.
Stecken bleiben im Lift: Wie sicher sind Aufzüge wirklich?
Im Aufzug stecken bleiben – davor fürchten sich viele. Warum Fahrstühle grundsätzlich sicher, aber häufig „außer Betrieb“ sind. Und was man tun sollte, wenn man darin feststeckt.












