Dass wir auf Fahrrädern diese steile Felsrampe hinaufgefahren sind, wird uns später kein Mensch glauben. Auch nicht, dass tief unter uns, im Stefjord, eine extravagante Segelyacht liegt, die uns in die entlegene Weltgegend der Lofoten gebracht hat, ein Schiff, auf dem wir übernachtet, in einer Holzwanne auf dem Oberdeck gebadet und am offenen Grill ein Sterne-Menü genossen haben. Und dass wir diese gigantische Felsrampe, die Verdenssvaet, nun gleich wieder hinunterfahren werden, das wird uns später erst recht niemand glauben. Seit drei Tagen sind wir auf der Varg unterwegs, so heißt die obsidianschwarze Segelyacht des Reiseveranstalters Norrøna Adventure. Das 20-Meter-Schiff hat fünf schlichte, aber stilvoll eingerichtete Zimmer und allerlei Schnickschnack, der das Leben in dieser wetterwidrigen Weltgegend angenehmer macht. Außerdem ist für jeden Passagier ein Fahrrad mit an Bord, wobei Fahrrad ein irreführendes Wort ist. Es sind E-Fullys, also elektrounterstützte und vollgefederte Mountainbikes, die sich notfalls mit Gewalt ihren Weg durch die Natur bahnen. Immer wieder StaunenAber der Reihe nach, denn die Räder kommen erst am letzten Tag zum Einsatz, weil diese Reise einem dramaturgischen Aufbau folgt. Zunächst geht es vom Fischerdorf Kabelvåg nach Skrova, einer kleinen Insel, in deren Hafen wir übernachten. Das Abendessen auf dem Oberdeck ist eine gute Gelegenheit, um die Crew kennenzulernen. Kapitän Jan Fasting ist Norweger, 61 Jahre alt und erinnert mit seinem schwarzen Bart und seinem verschmitzten Blick ein wenig an Kapitän Haddock aus Tim und Struppi. Er wird uns noch viele Mal ins Staunen versetzen. Der argentinische Koch heißt Demian Ufer, ist 42, und seine drahtige Erscheinung und sein wacher Blick verleihen ihm die Anmutung eines Mittelfeldstrategen der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft. Auch er wird uns noch viele Mal ins Staunen versetzen. Outdoorguide Petter Westgaard ist ebenfalls Norweger. Die Besonnenheit und wohldosierte Motivation des Vierunddreißigjährigen werden uns zu Höchstleistungen verleiten. Und auch er wird uns noch viele Mal ins Staunen versetzen. Es ist, so viel kann man an dieser Stelle verraten, auch dieses Personal, das diese Schiffsreise durch die Lofoten zu etwas Besonderem macht.Kapitän Jan Fasting und Guide Petter Westgaard an Bord der Varg.Andreas LestiJan Fasting ist ein Charakterkopf und mehr als „nur“ der Kapitän der Varg. Er ist ein guter Freund von Jørgen Jørgensen, dem Geschäftsführer von Norrøna. Die Idee, dass der Hersteller von Outdoorbekleidung auch Reisen anbietet, ist auch Jan zu verdanken. „2016 gab es mit Jørgen und ein paar anderen ein Treffen am Lagerfeuer“, erzählt er. Es ging um Visionen und die Frage: „Was brauchen wir in Zukunft?“ Die Antwort lautete: ein Reiseunternehmen, mehrere Lodges und ein Expeditionsschiff. Um den Kunden die Möglichkeit zu geben, das ganze Equipment, das die Firma seit fast 100 Jahren herstellt, auch in der wilden Natur Norwegens zu testen und dabei dennoch einen gewissen Komfort zu genießen. Grillen auf dem OberdeckZehn Jahre später sind sie ihrer Vision recht nahe gekommen. Norrøna kaufte den Reiseveranstalter „Hvitserk of Norway“, ein Unternehmen, das seit 40 Jahren Abenteuerreisen anbietet, und gründete „Norrøna Adventure“. Sie bauten Lodgen in der Region Telemark und auf der Insel Senja, eine weitere entsteht gerade in Skarstad. Und sie kauften die Varg. Ein Jahr lang wurde das 30 Jahre alte Schiff umgebaut und im vergangenen Sommer eingeweiht. Nun hat es einen neuen Motor und einen verstärkten Bug für das Eis im Polarkreis.Es hat Böden aus Teak- und Eschenholz, einen gemütlichen Salon mit Bierzapfanlage, Kamin und umlaufenden Fenstern, eine Sauna im Bug, eine Holzbadewanne auf dem Sonnendeck und einen großen aufklappbaren Gasgrill vor dem Steuerrad. „So etwas gibt es auf keinem anderen Schiff“, sagt Jan stolz, und es ist ihm anzumerken, dass der Umbau nicht einfach war. Aber vor Widrigkeiten zurückzuschrecken, gehört nicht zu den Eigenschaften dieses Mannes.Seit 35 Jahren arbeitet er als Outdoorguide, fuhr Kajak im norwegischen Nationalteam, war bei einer Spezialeinheit des norwegischen Militärs, dann bei einer Securityfirma und kam schließlich zu Norrøna. Als er später mit dem Zodiac an Land fährt, steht er aufrecht im Boot, gibt Vollgas und lehnt sich dabei abenteuerlich in die Kurve. Mit 61! Guide Petter, der die Szene beobachtet, schüttelt den Kopf und sagt: „This guy is such a Rock ’n’ Roller.“Auf E-Mountainbikes lässt sich die spektakuläre Landschaft der Lofoten besonders gut erkunden.Andreas LestiWährenddessen bereitet Demian das Abendessen vor, er klappt den Grill aus, der wie in einem durchdachten Campervan unter den Sitzen auf dem Oberdeck verborgen ist. Die Flammen züngeln, es zischt und brutzelt, während wir um die Feuerstelle sitzen und zusehen, wie ein argentinischer Koch auf einem norwegischen Boot arktisch-italienische Fusion-Gerichte zubereitet: Carpaccio mit Mandeln, Radicchio und getrockneten Tomaten, Langustinen mit Zitronenmarinade, Pomelo und Salz, Pasta mit Kaviar, Weißweinbutter und Parmesan.Im Hot Tub auf dem SonnendeckAm nächsten Morgen dringen aus der Küche unter Deck schon frühmorgens Geräusche und der Geruch von Pancakes, Zimtrollen und geröstetem Speck. Demian ist schon um halb acht fertig und hat Zeit zum Erzählen: Seit 20 Jahren lebe er in Kopenhagen und Oslo, seit zwei Jahren sei er Küchenchef im Restaurant des Norrøna House in Oslo, dem Sitz des Unternehmens. „Auf einem Schiff habe ich noch nie zuvor gekocht. Ich hab es im Segelbetrieb versucht, aber es ging nicht, alles schwappte über.“ Beim Kochen auf so kleinem Raum muss jeder Handgriff sitzen. Präzision und Perfektion hat Demian im Noma in Kopenhagen gelernt, wo er eine Weile gearbeitet hat und das inzwischen fünfmal zum besten Restaurant der Welt gekürt wurde.