26 Grad Celsius auf den Lofoten: Der Norden beginnt, sich wie der Süden anzufühlen26 Grad und Windstille nördlich des Polarkreises werden für eine Segelcrew zur Ernüchterung. Die Lofoten, wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr.Mechthild Müser11.06.2026, 07.09 Uhr11 LeseminutenDie Segeljacht «Wappen von Bremen» ankert im Hafen von Bodö. Es herrscht Windstille bei 26 Grad nördlich des Polarkreises.26 Grad Celsius nördlich des Polarkreises, kein Windhauch regt sich. In Bodö, Norwegen, überraschen sommerliche Temperaturen, die das Klimadiagramm für den Juli mit 16 Grad und Regen Lügen strafen. Doch was ist heute noch wie früher?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Crew der 16,5-Meter-Jacht «Wappen von Bremen» verstaut die Wollpullover tief unter den Kojen und staunt. Eigentlich wollen sie von hier zu den steinernen Giganten der Lofoten segeln. Doch der Norden zeigt ein ungewohntes Gesicht: Statt kühler Brise drückt schwere, stehende Hitze.Die Segler, sechs Männer und drei Frauen, machen einen Grosseinkauf. Auf keinen Fall wollen sie sich nur aus Dosen ernähren. Am Ende rollen sie vier randvolle Einkaufswagen zum Steg. Bei Schlechtwetter kann gutes Essen die Stimmung an Bord retten.Der Wind, das Lebenselixier jedes Segeltörns, lässt im Sommer 2025 auf sich warten, die Hitze steht.Am späten Nachmittag heisst es dann aber endlich: Leinen los, Fender rein, Segel hoch – ach, so viel Hoffnung auf eine kleine Bewegung der Luft.Nur wenige Seemeilen entfernt liegt die Insel Landegode, das erste Ziel im Vestfjord, den die Segler queren müssen, um die Lofot-Kette zu erreichen. Ein breites Band Seenebel verbannt Landegode ins Ungefähre, zwar auf den Seekarten verzeichnet, aber für die Augen unsichtbar ins Grau gerückt. Steuern nach Sicht? Unmöglich. Da hilft nur der Blick aufs GPS. Inzwischen tuckert der Motor.Erst kurz bevor die Crew im ruhigen Hafen Fenes ankert, erscheinen in sommerliches Grün drapierte Felsen, ochsenblutrote Hütten und eine Handvoll Boote am Steg. Im Cockpit wird der beliebte Ankunftsdrink Gin Tonic mit Limette serviert, Eiswürfel klirren, Chipstüten kreisen, Küstenseeschwalben kreischen, dann wandern zarte Dorschfilets in die Pfanne.Das Märchenland leuchtet um MitternachtFür eine Weile ist der Himmel blau, später abendrot, dann gelb und noch um Mitternacht lichthell. Ein grandioses Farbspiel, das der norwegische Schriftsteller Johan Bojer vor mehr als einhundert Jahren in seinem Roman «Die Lofotfischer» so beschrieb: «In dem gelben Licht des Abendhimmels schimmerte das Ganze wie ein Märchenland in blauen, weissen und goldenen Tönen.» Zu hell für Mond und Sterne.52 Seemeilen sind es von hier bis nach Svolvaer, der mit mehr als 4000 Einwohnern grössten Stadt des Lofot-Gebirges. Am Morgen immer noch Flaute, die Segler murren, weil sie wieder motoren müssen. Dabei ist der Vestfjord für starke, ja unerbittliche Stürme berüchtigt, zahllose Schiffe sind gekentert, auch Fischerboote, deren Ladung verrutscht ist, der Meeresboden ein Schiffsfriedhof.Mitternachtsrot über dem Vestfjord. Das Lichtspektakel des norwegischen Sommers lässt Mond und Sterne verblassen.Jiri Viehmann / Image Broker RFWale begleiten die CrewWieder liegt Nebel auf dem Fjord, so ist es eben, wenn sehr warme Luft auf kaltes Wasser trifft. Die ersehnte Lofot-Wand bleibt verborgen, ein Schwarm Wildgänse zieht schreiend vorbei, wenig später ist das Schnaufen und Prusten kleiner Wale zu hören – vielleicht Mink- oder Pilotwale.An Bord vertreibt die Crew sich die Zeit mit dem Einüben verschiedener Varianten des Palsteks, jeder knüpft den seemännischen Knoten auf seine Weise, in einer Tanzversion wird das Auge der Leine um den eigenen Körper geführt, Könner schaffen es auch Lasso schwingend wie ein mexikanischer Cowboy. Der defekte Backofen wird repariert, endlich können Brot und Kuchen gebacken werden, ein betörender Duft erfüllt den Salon.Am Nachmittag bricht die Sonne durch, man ahnt die Bergspitzen in der Ferne mehr, als dass man sie sehen würde, zarte Schattenrisse, die sich erst beim Näherkommen in Fels verwandeln. «Das war der Lofot. Ein Land, von dem alle Knaben an der Küste träumten und nach dem sie sich sehnten. Dort wurden Heldentaten verübt. Dort erlangte man Reichtum, dort fuhr man mit dem Tod um die Wette», notierte der Schriftsteller Johan Bojer. «Der Lofot», sagen die Norweger, als handele es sich um ein Individuum, mit dem es seine Kräfte zu messen gilt. Den Seglern der «Wappen von Bremen» wird nichts dergleichen abverlangt, bestenfalls Geduld in der Flaute. Und doch erzeugen die alten Geschichten eine gewisse Spannung. Es könnte ja sein, dass . . .Die Steinriesen trotzen der ErderwärmungDie sagenumwobene Bergkette, jetzt dunkel im Gegenlicht, gezackt wie der Rücken eines Stegosauriers, ist bei den ungewohnten Temperaturen nur noch in hoch gelegenen Nischen getupft mit Schneeflecken. Etwa achtzig Inseln haben sich hier zu einer 150 Kilometer langen Wand formiert, gekrümmt wie eine Kralle. Die ältesten Gesteine in diesem geologischen Archiv des Planeten sind weitaus älter als der Atlantik und als der Mensch sowieso und finden sich auch an Grönlands Ostküste. Aufgetürmt beim Aufeinanderprallen von Erdplatten. Wie «ein Heer von Steinriesen, die über das Meer hingewandert sind und jetzt haltgemacht haben, um nachzudenken», schrieb Bojer. Ein Heer von Steinriesen, die sich mehr als tausend Meter gen Himmel recken. Worüber denken sie noch nach, diese Steinriesen mit dem unvorstellbar langen Leben? Über ihre Zukunft, wenn der Planet immer wärmer wird?In Svolvaer empfängt die überlebensgrosse Skulptur einer Fischersfrau die vom Vestfjord Anreisenden, im Hintergrund stehen verwaiste Holzgestelle zum Trocknen von Kabeljau, der Stockfisch ist längst abtransportiert. Für die Nacht macht die «Wappen» an der massiven Holzwand hinter einer Fähre fest. Eine junge Lofoten-Frau erzählt, dass sie erst zum zweiten Mal in ihrem Leben eine so lange Hitzeperiode erlebt, längst hätte der Wind Wolken und Regen bringen müssen, aber nichts geschehe, ein Tag sei wie der andere. Heiss.Die überlebensgrosse Skulptur einer Fischersfrau bewacht die Hafeneinfahrt von Svolvaer.Geography Photos / Universal Images Group EditorialAm nächsten Morgen steuert die Crew den nördlich gelegenen Trollfjord an, der Name klingt gruselig. In der Mythologie des Mittelalters sind Trolle seltsame, bösartige Wesen, riesengross, in der Neuzeit schrumpften sie auf Normalgrösse bis hin zum Zwergwuchs, mit langer Nase. Und hässlich.Ein düsteres Tor führt in die UnterweltDer Trollfjord ist ein enger, nur gut tausend Meter langer Einschnitt in fast senkrecht aufsteigendem Gestein, die Einfahrt wie ein düsteres Tor in eine mysteriöse Unterwelt. Felswände, zerfurcht wie uralte Gesichter, in unterschiedlichen Stadien der Verwitterung – sehen so nicht Trolle aus? Nur zu verständlich, dass die Lofot-Bewohner, die ständig eine so gewaltige, erstarrte Natur vor Augen haben, versuchen, sie zu beleben, sie mit Wesen zu füllen. Kahler Stein ist kein Gegenüber für einen Menschen.Der obere Teil der Wand an Steuerbord ist noch sonnenbeschienen, die Backbordseite verbirgt sich in tiefem Schatten. Vereinzelt hocken kleine Hütten im Hangschutt, das Wasser leuchtet an manchen Stellen türkisgrün wie in der Karibik, zum Ende hin rauschen einige Wasserfälle. Die Tiefenlinien springen stellenweise von über hundert auf nur fünf Meter unterm Kiel.Weiter geht es nach Norden. In der Nähe der Insel Brattöya lädt Sandboden zum Ankern und Schwimmen ein, zwei Crewmitglieder wagen tapfer den Abstieg ins 14 Grad kalte Wasser, klettern aber nach kürzester Zeit schlotternd wieder an Bord und fordern erst mal ein Heissgetränk, bevor die Jacht im Städtchen Stokmarknes für die Nacht anlegt.Frühmorgens steigt Dunst auf, Krabbentaucher schwirren hin und her, sie haben ihre Nester in die nahen Brückenkonstruktionen gebaut und füttern eifrig ihre Jungen. Spitzschnäblige Seeschwalben schiessen mit angelegten Flügeln pfeilschnell ins Wasser. In Stokmarknes wurde die berühmte Hurtigruten-Linie gegründet, das futuristische Museumsgebäude präsentiert neben einer Menge Detailinformationen auch ein ausgedientes Linienschiff.Ein seltener Hof kündigt den Wetterwechsel anKurz nach dem Ablegen erscheint wie von Zauberhand gemalt ein Himmelsschauspiel: Begleitet von den fransigen Federn eisiger Zirruswolken bildet sich ein riesiger Halo um die Sonne, kreisrund, ein Hof, der entsteht, wenn sich Licht in der Höhe an Eiskristallen bricht. Seeleute wissen: Der Halo kündigt einen Wetterwechsel an. Tatsächlich kommt bald kühler Wind auf, Öljacken und Life-Belts werden aus den Schapps geholt, die Wollmützen tief ins Gesicht gezogen. Die «Wappen» krängt stark bei 22 Knoten Wind und Gegenströmung. Umso grösser die Erleichterung, als abends Riesöyhamn erreicht ist. Dick eingemummelt sitzen alle im Cockpit, um bei einem guten Glas Wein und süsser Schokolade das geradezu magische Mitternachtslicht zu geniessen.Der Donnerstag ist der Seemannssonntag, das bedeutet ein ausgiebiges Frühstück mit Eiern und Speck und frisch gebackenem Brot, doch als gegen 10 Uhr ein leichter Wind aufkommt, hält es niemanden mehr. Ziel ist das 2500-Einwohner-Städtchen Andenes, der nördlichste Ort des Archipels Vesteralen. Wale soll es dort geben, im Überfluss, so die Werbung für Nordnorwegen. Vor allem Pottwale, grosse Einzelgänger. Denn kurz hinter Andenes bricht der Kontinentalschelf auf tausend Meter Tiefe ab und wird zum Sammelbecken für Tintenfische, die zur Leibspeise der Pottwale zählen. Schon auf dem Weg dorthin sind einige Whale-Watching-RIB-Boote zu sehen, mit Hydrophonen spüren sie die Meeresgiganten auf, also scheint es eine gute Idee zu sein, ihnen zu folgen. Bald taucht eine Gruppe von Pilotwalen auf, nur wenige Meter lange dunkle Gesellen, sie blasen, prusten und schnauben, die Whale-Watcher fahren viel zu nah ran, um gute Fotos zu machen. Arme Pilotwale. Der Himmel schickt wie zur Mahnung eine bedrohliche Walze dicker schwarzer Wolken, aber sie regnet nicht ab. Erst später wird in einem Fernsehbericht erklärt, dass die Pottwale – allen Prophezeiungen zum Trotz – schon länger nicht mehr in die Nähe der Küste kommen, die Whale-Watcher haben sie vertrieben bis auf einen einzigen, den Einheimische schon an der Fluke erkennen. Marketing und Realität liegen manchmal weit auseinander.Die «Wappen»-Crew beschliesst, nicht weiter auf «Waljagd» zu gehen, sondern wieder gen Süden zu segeln. Noch drei Mal tauchen Schulen von Pilotwalen auf, diesmal kommen sie auf die Jacht zu, die sofort Echolot und Motor ausschaltet, um die Kommunikation der Tiere nicht zu stören. Eine Mutter mit Baby ist dabei, synchron tauchen die glänzenden schwarzen Körper zu viert unter dem Boot durch und schwimmen eine Weile als Begleitung. Sonst ist der Tag grau in vielen Schattierungen, für kurze Zeit nieselt es, Nebelbänke ziehen die Berge entlang oder legen sich wie wärmende Decken auf die Kuppen. Eine üble Täuschung, innen sind Wolkengebilde ziemlich kalt.Pilotwale vor Andenes. Die Pottwale, die Touristen eigentlich anlocken sollen, meiden die Küste längst.uhg1234 / iStockphotoDer nächste Hafen ist Tranöy. Ein leuchtender Regenbogen steht am Himmel, gleich neben einer bröckelnden Pier prangt ein ausgedientes Walfangschiff wie ein Monument auf einem Felsen. Im Rumpf ist eine Tür ausgesägt, im Bauch eine gemütliche Kneipe eingerichtet, davor die Aussengastronomie. Beliebter Treffpunkt für junge Leute aus der Gegend und für Touristen. Alkohol fliesst reichlich, und der Wirt legt für seine deutschen Gäste Schnulzen auf. Das morgendliche Bad im Meer wird erschwert durch die schiere Masse von Seeigeln, umso ansprechender präsentiert sich der von Bildhauern gestaltete Kulturpfad durchs Dorf. Ihre Skulpturen sind wunderbar eingebettet in die Landschaft: Drei «Küstenfrauen» mit windgekämmten Haaren und goldenen Handschuhen stehen zwischen duftendem Mädesüss und blicken weit über Schären und Meer, farbenfrohe Kunstblüten zieren grauen Granit, ein Kormoran posiert auf einer Stele als König, eine schlanke Nixe aus Bronze drückt einen Vogel an ihre Brust, während seine Flügel aus ihren Schulterblättern wachsen. Das alte Leuchtturmwärterhaus von Tranöy wird heute an Gäste vermietet und ist oft ausgebucht.Drei Küstenfrauen blicken aufs Meer. Skulpturenpfad im Dorf Tranöya.Noch bevor die «Wappen» wieder ablegt, tuckern frühmorgens schon die Angler los. Eine lange Strecke steht an zu einem der beliebtesten Lofoten-Städtchen: Reine. In minimalem Wind schaukelt die Jacht gemächlich auf dem Wasser. Eine langsame Fahrt ohne Motor. «So blau kann der Vestfjord sein. So gutmütig können die Wellen sich in Sonne und Wind tummeln, wie fröhliche Kinder, die Purzelbäume schlagen und vor Lust jauchzen», hielt Johan Bojer fest. Die Segler jauchzen nicht, aber sie sind gelassener geworden in den letzten Tagen. Sie müssen nicht mehr schnell ankommen. Kein Wind? Na gut.Reine bei Abenddämmerung. Das Fischerdorf gilt als eines der schönsten Norwegens.Nur PhotoEine dunkle Finne folgt dem BootPlötzlich aber macht sich Aufregung breit, als im Kielwasser eine dunkle Rückenflosse auftaucht. Was ist das? Ein Wal, ein Hai? Kein Prusten, kein gewölbter Rücken, keine Fluke, nur diese Finne, die dem Boot fast zehn Minuten lang folgt, man erkennt die Umrisse eines etwa sieben Meter langen Tieres, das geöffnete Maul weiss umrandet. Abgleiche mit Fotos im Netz zeigen, dass es sich wohl um einen Riesenhai handelt, der im Vestfjord zu Hause ist. Gefahr geht nicht von ihm aus, er ist ein Planktonfresser, der allerdings kleinere Boote leicht zum Kentern bringen könnte. Eine Stunde vor Mitternacht verschwindet die Sonne hinter den Lofot-Bergen an Steuerbord, während der Himmel sich ein weiteres Mal in Pastell kleidet, dunkler wird es nicht. Die Segel stehen als Schmetterling, um die Brise von Norden optimal einzufangen, gegen drei Uhr morgens taucht Reine auf. Die Einfahrt gestaltet sich schwierig wegen der zahlreichen Schären – nur keinen Felsen rammen. Aber vor den Augen entfaltet sich ein Bilderbuchpanorama: Vor den Bergriesen, spitz wie Hörner, wirken die Hütten und Häuser wie eine winzige Miniaturwelt. Wie klein ist erst der Mensch, der sie erbaute.Der Reinebringen über dem Reinefjord. Die Lofoten erheben sich bis auf tausend Meter aus dem Meer.Moment RFReine leidet unter den Besuchermassen, Bergwanderern, Kletterern, Anglern, das Wasser im Hafen ist schmutzig, voller Algen und Schmiere, aber im einzigen Café gibt es köstlichen Kakao. Einer der Gipfel ist über Stufen erreichbar, es sind mehr als tausend. Der Friedhof liegt unter Bäumen mit unmittelbarer Sicht aufs Meer und der Felswand im Rücken, Geborgenheit und Weite gleichzeitig, das Privileg aller Küstendörfer an der Ostseite des Lofots.Die Wettervorhersage kündet für den nächsten Tag Starkwind an, das nächste Ziel Brönnöysund liegt jenseits des Vestfjord, 160 Seemeilen südöstlich am Festland. Bis zur Spitze der Lofoten ist das Wasser noch glatt, dann plötzlich aufgewühlte See mit Winddrehern, die von Norden kommende lange Dünung lässt das Grosssegel schlagen und die Jacht tanzen, es erfordert viel Feingefühl, die Wellen auszusteuern. «Auf der wilden Ebene des Vestfjord hat manches Boot den Kiel nach oben gekehrt», mahnte einst Johan Bojer. Dann endlich brist der angekündigte Wind aus Nordwest auf, das bedeutet Segeln am Wind mit voller Kraft – aber wieder nur für kurze Zeit. Die Crew ist enttäuscht, dann übernimmt der Motor.In der Nähe des Hafens von Brönnöysund stehen auf einem Spielplatz hohe, nach innen gebogene Kletterwände, ihre gespiegelten Rückseiten fangen das gelb-orange-rote Licht des Sonnenuntergangs ein, die magische Stimmung über dem Meer befällt auch das Land.Brönnöysund wartet mit einem kleinen Naturwunder auf: Im Torghatten-Granitkoloss klafft in mehr als einhundert Metern Höhe ein zirka zwanzig Meter breites und fünfunddreissig Meter hohes Loch wie eine Höhle, die man durchwandern kann, um Sicht auf beide Seiten des Felsens zu haben. Es könnte sein, dass die Stelle irgendwann im Zuge der letzten Eiszeit auf Meereshöhe lag und von der Brandung ausgewaschen wurde. Aber wer möchte sich schon mit einer so profanen Erklärung zufriedengeben? Es könnte doch auch sein, dass der Sohn eines Trollkönigs auf der Jagd nach der Frau seiner Begierde einen Pfeil abschoss, der das Loch hinterliess. So jedenfalls erzählt es die Legende, und die erscheint sehr viel plausibler.Der letzte lange Schlag steht bevor, in Trondheim soll das Boot an die nächste Crew übergeben werden. Wieder eine Nachtfahrt. In völliger Flaute und langer Dünung aus Norden rollt die Jacht von einer Seite auf die andere, die Wellen schlagen an die Bordwände, Leinen rappeln im Mast, in den Schapps klirren die Marmeladegläser, Töpfe scheppern, Gewürze kippen durcheinander, es ist laut, laut, laut. Zwei Crewmitglieder schnarchen friedlich. Dichter Nebel umhüllt – oder sollte man besser sagen: umstellt – das Boot. Verlorene Welt, real und irreal zugleich.Am nächsten Morgen Sonne. Ein Regenbogen schimmert in den Zirruswolken, der Geruch von frisch gebackenem Aprikosenkuchen erfüllt den Bordsalon. Spätnachmittags ankert die «Wappen von Bremen» in einer Bucht am Eingang zum Trondheimfjord. Nach langer Fahrt unter Motor endlich wunderbare Stille, Kühle, ein freier Blick auf bewaldete Felsen und in die Weite. Die letzte Flasche Rotwein krönt den Moment, als die Dämmerung einsetzt. Flügel möchte man haben wie die Seeadler, um noch einmal abzuheben, bevor die Mauern der Städte dem Leben unter freiem Himmel wieder ihre engen Grenzen setzen und die Routinen und Pflichten des Alltags die Zeit strukturieren. Flügel möchte man haben, wenigstens mal kurz.Weitere Infos und Törns: Segelkameradschaft «Das Wappen von Bremen», www.skwb.de.Passend zum Artikel
26 Grad nördlich des Polarkreises: Der Norden im Klimawandel
26 Grad und Windstille nördlich des Polarkreises werden für eine Segelcrew zur Ernüchterung. Die Lofoten, wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr.







