Konvertieren unerwünscht: Wer in Indien den Glauben wechseln will, der lebt gefährlichChristen und Muslime in Indien stehen unter zunehmendem Druck der regierenden Hindu-Nationalisten. Ein neues Gesetz in Maharashtra erschwert nun zusätzlich den Übertritt zum Christentum oder zum Islam. Es ist kein Einzelfall in Indien.16.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEine Frau betet in der Basilika von Vallarpadam in Kochi. Weniger als 3 Prozent aller Inderinnen und Inder sind Christen. Dennoch schürt die Regierungspartei die Angst vor Massenkonversionen.Sivaram Venkitasubramanian / NurPhoto / GettySieben Jahre Haft: Diese Strafe droht künftig jedem in Maharashtra, der durch Zwang, Gewalt, Betrug oder Verführung eine andere Person zum Wechsel ihrer Religion bewegt. In dem indischen Teilstaat ist es fortan strafbar, jemandem als Belohnung für den Übertritt zu einer anderen Religion Geld, Arbeit, kostenlose Bildung oder einen besseren Lebensstil in Aussicht zu stellen. Ebenfalls strafbar ist es, jemandem die Heirat zu versprechen, wenn dieser dafür die Religion wechselt. Und auch, wer seinen eigenen Glauben als überlegen gegenüber anderen Religionen darstellt, riskiert künftig Gefängnis.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So steht es in einem neuen Gesetz, das im März in Maharashtra von den regierenden Hindu-Nationalisten verabschiedet worden ist. Es trägt den Titel Maharashtra Freedom of Religion Bill. Kritiker sehen darin jedoch weniger ein Gesetz zum Schutz der Religionsfreiheit als einen Angriff auf das Recht zur freien Wahl des Glaubens. Es erschwert nicht nur den Wechsel der Religion, sondern gefährdet auch die Arbeit christlicher Schulen, muslimischer Stiftungen und anderer religiöser Wohltätigkeitsorganisationen.«Es heisst Gesetz zur Religionsfreiheit, doch in Wahrheit hindert es uns Christen daran, unsere in der Verfassung verbrieften Rechte auszuüben», sagt Dolphy D’Souza. Er ist Sprecher der Bombay Catholic Sabha, einer christlichen Organisation in Maharashtra. Das Gesetz sei ein Angriff auf die religiösen Minderheiten sowie auf Frauen und die unteren Kasten, sagt er. Diese konvertieren besonders häufig zum Christentum, um den Zwängen des Kastensystems zu entkommen.Das Gesetz fügt sich ein in ein Narrativ, wonach die Hindus in Indien bedroht sind. Die Hindu-nationalistische Freiwilligenbewegung Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) und verbündete Organisationen warnen seit Jahren davor, dass Muslime und Christen die Hindus mit Zwang und List zu konvertieren versuchten. So verbreiten sie unter dem Schlagwort «love jihad» den Verschwörungsmythos, dass muslimische Männer gezielt Hindu-Frauen heirateten, um sie zum Islam zu bekehren.Fast die Hälfte der indischen Staaten erschwert KonversionenDas Gesetz in Maharashtra ist kein Einzelfall in Indien. 13 der 28 Staaten haben Gesetze zur Verhinderung von Zwangskonversionen erlassen. Das neue Gesetz ist jedoch schärfer als alle anderen. «Nicht nur sind die Strafen höher, auch die Definition von Zwangskonversion ist noch weiter gefasst», sagt die Anwältin Lara Jesani, die viele interkonfessionelle Paare vertritt, die unter dem Vorwurf des «love jihad» von den Hindu-Nationalisten verfolgt werden. «Es ist wie ein Wettkampf zwischen den Staaten, wer das härteste Gesetz erlässt.»Die Hindu-Nationalisten rechtfertigen das Gesetz damit, dass Bürgerinnen und Bürger vor Konversionen durch Zwang, Gewalt oder Betrug geschützt werden müssten. Allerdings ist nicht belegt, dass Zwangskonversionen tatsächlich ein verbreitetes Problem in Indien sind. «Die Regierung hat nie Zahlen dazu vorgelegt», sagt D’Souza. Auch gebe es in jenen indischen Staaten, in denen bereits Antikonversionsgesetze in Kraft seien, kaum Urteile wegen Zwangskonversionen.Hindu-Nationalisten protestieren im Jahr 2023 in Mumbai gegen vermeintliche Zwangskonversionen durch Muslime.Bachchan Kumar / Hindustan Times / GettyChristentum und Islam haben beide eine lange Tradition in Indien. Der Legende nach brachte bereits der Apostel Thomas das Christentum nach Südindien. Auch der Islam kam schon im 7. Jahrhundert durch arabische Händler in den Süden. Später wurde er durch muslimische Eroberer auch in Nordindien verbreitet. Während der Kolonialzeit bekehrten dann christliche Missionare viele Hindus. Heute sind Muslime und Christen die zweit- und die drittgrösste Religionsgruppe in Indien.Zwar ist über die Jahrzehnte die Zahl der Muslime gewachsen, doch sind die Hindus mit 80 Prozent weiter die mit Abstand grösste Gruppe. Das Narrativ, dass massenweise Hindus zum Christentum konvertierten, habe keine Grundlage in der Realität, sagt D’Souza. Die meisten Schülerinnen und Schüler an christlichen Schulen seien Hindus. Die wenigsten träten aber zum Christentum über. «Wenn es uns tatsächlich darum ginge, Schüler zum Christentum zu bekehren, würden wir einen sehr schlechten Job machen», meint D’Souza sarkastisch. Tatsächlich zeigt der Zensus, dass der Anteil der Christen an der indischen Bevölkerung seit Jahrzehnten stabil unter 3 Prozent liegt.Eine echte Debatte zu dem Gesetz fand nicht stattDas neue Gesetz wurde im März in nur drei Tagen durchs Parlament gebracht. Die Opposition erhielt den Entwurf erst, als es zur Debatte gestellt wurde – wobei eine echte Debatte nicht stattfand. Christliche Kirchen, muslimische Gemeinden und Organisationen der Zivilgesellschaft wurden nicht konsultiert. Rechtliche Bedenken, wonach Teile des Gesetzes gegen die Verfassung verstossen und die vagen Formulierungen zum Missbrauch einladen, wurden ignoriert.Maharashtras Chefminister Devendra Fadnavis sagte bei der Vorstellung des Gesetzes, alle Vorwürfe, es richte sich gegen eine Religionsgruppe, seien falsch. Der Opposition warf er vor, das Gesetz zur politischen Profilierung zu missbrauchen. Allerdings hat Fadnavis’ Bharatiya Janata Party (BJP) im Wahlkampf selbst damit geworben, im Fall ihres Siegs ein Antikonversionsgesetz zu erlassen. Dabei versprach er seiner Basis auch, dass es schärfer als alle bisherigen Gesetze würde.Das neue Gesetz verlangt, dass, wer konvertieren will, dies sechzig Tage im Voraus bei den Behörden anmeldet. Diese machen dann die Namen der Konvertiten öffentlich bekannt. Wer einen Verdacht hat, dass die Konversion unter Zwang erfolgt, kann Einspruch einlegen. Die Polizei ist verpflichtet, eine Anzeige aufzunehmen – egal, ob es Beweise gibt. Wer verdächtigt wird, jemanden zur Konversion bewogen zu haben, muss selbst belegen, dass dies ohne Zwang oder Gewalt erfolgte.«Die Beweislast wird umgekehrt», sagt die Anwältin Jesani. Nicht der Staat müsse die Schuld, sondern der Beschuldigte seine Unschuld beweisen. Das ganze System sei darauf ausgelegt, nicht nur Konvertiten abzuschrecken, sondern auch die Arbeit der religiösen Minderheiten zu behindern. Es sei unter dem Gesetz möglich, jemand festnehmen zu lassen ohne Beweis einer Straftat. Bei einem Gesetz zum Schutz der Religionsfreiheit würde man erwarten, dass es Vorkehrungen enthalte, um Konvertiten zu schützen, die von ihrem Recht zur Wahl des Glaubens Gebrauch machten, sagt Jesani. Dies sei aber nicht der Fall.Schon jetzt gibt es regelmässig Angriffe auf GottesdiensteD’Souza fürchtet, dass mit dem Gesetz der Druck auf die christliche Gemeinde weiter zunehmen werde. «Schon jetzt werden Gottesdienste in Mumbai regelmässig von rechten Gruppen gestört», sagt er. «Diese Gruppen werden sich noch bestärkt fühlen, wenn sie wissen, dass die Polizei auf ihrer Seite ist.» Vor allem der Bajrang Dal, der als Speerspitze der Hindu-nationalistischen Bewegung gilt, attackiert immer wieder christliche Gemeinden und potenzielle Konvertiten.Sanjay Waghmare hat leidvolle Erfahrungen damit gemacht. Er ist Mitglied einer protestantischen Gemeinde im Mumbaier Stadtteil Andheri. Sie hatte vor achtzehn Jahren von der katholischen Kirche einen Raum für ihre Gottesdienste gemietet. Zu den Gottesdiensten kämen auch viele Hindus, erzählt Waghmare. Im März hätten dann Mitglieder des Bajrang Dal zusammen mit der Polizei die Versammlung gestürmt und dem Pastor vorgeworfen, unter Zwang Hindus zu konvertieren.«Das Evangelium fordert die Christen auf, die Botschaft zu verbreiten, daher predigen wir sie der Welt», sagt Waghmare. Das Recht, seinen Glauben zu verbreiten, ist auch in der indischen Verfassung verankert. Waghmare ist Staatsanwalt. Seine Intervention habe den Bajrang Dal eingeschüchtert, sagt er. Die Polizei habe jedoch Druck auf die Vermieter gemacht, den Mietvertrag zu kündigen. Nun müssten sie einen anderen Raum suchen. Waghmare ist überzeugt, dass sich der Bajrang Dal durch das neue Gesetz ermutigt fühle. Allein in der ersten Maihälfte habe es zehn Angriffe auf christliche Gemeinden in Mumbai gegeben.Indische Muslime begehen das islamische Opferfest in Kolkata im Mai 2026.Samir Jana / Hindustan Times / GettyInterkonfessionelle Paare leben gefährlich in IndienNoch schlimmer trifft es viele interkonfessionelle Paare – vor allem, wenn die Männer Muslime und die Frauen Hindus sind. Regelmässig gibt es in Indien Berichte über Angriffe auf solche Paare durch Mitglieder des Bajrang Dal. Manchmal reicht es, wenn ein Muslim sich mit einer Hindu-Frau trifft. So wurde im August 2025 ein 21-jähriger Muslim in einem Dorf in Maharashtra totgeprügelt, nachdem er in einem Café mit einem Hindu-Mädchen gesehen worden war.Vielfach setzt der Bajrang Dal auch die Familien interkonfessioneller Paare unter Druck, eine Hochzeit zu verhindern. Viele Familien sehen es selbst nicht gerne, wenn ihre Töchter Liebesbeziehungen ausserhalb der eigenen Konfession oder Kaste eingehen. Oft zwingen sie die Liebenden, die Beziehung aufzugeben – manchmal mit Gewalt. Die Presse ist voll von Berichten über Väter, Brüder oder Onkel, die junge Frauen ermorden, die sich nicht der Familie fügen wollen.Mit dem neuen Gesetz wird es noch einfacher für den Bajrang Dal und ähnliche Gruppen, Frauen ausfindig zu machen, die konvertieren wollen, um ihren Partner zu heiraten. Jeder hat fortan das Recht, in solchen Fällen Anzeige zu erstatten. Wenn ein Gericht zu dem Schluss kommt, dass eine Ehe mit dem alleinigen Ziel einer gesetzeswidrigen Konversion eingegangen wurde, kann es diese Ehe annullieren. Für die Anwältin Jesani ist die Folge klar: «Das Gesetz nimmt Frauen das Recht, die Religion zu wechseln und ihren Partner zu wählen.»Am Obersten Gericht sind bereits mehrere Klagen anhängig«Dieses Gesetz wirft uns um Jahrzehnte zurück», sagt die Aktivistin Teesta Setalvad. Sie ist Leiterin der Organisation Citizens for Justice and Peace und ist als scharfe Kritikerin der regierenden Hindu-Nationalisten bekannt. Es gebe keinen wirklichen Bedarf für das Gesetz, sagt sie. Bestehende Gesetze böten genug Möglichkeiten, um gegen Zwangskonversionen vorzugehen. «Das Hauptziel des Gesetzes ist es, religiöse Minderheiten und interkonfessionelle Paare einzuschüchtern und zu terrorisieren», sagt Setalvad.Die indische Verfassung erlaubt kein Verbot von Konversionen. Auch das neue Gesetz verbietet sie nicht, dürfte aber viele potenzielle Konvertiten vom Wechsel der Religion abschrecken. Kritikerinnen wie Setalvad und Jesani sind überzeugt, dass die Bestimmungen des Gesetzes gegen die indische Verfassung verstossen. Eine ganze Reihe von Organisationen der Zivilgesellschaft hat bereits angekündigt, das neue Gesetz vor dem Obersten Gericht in Delhi anzufechten.Vor dem Supreme Court sind allerdings bereits seit 2020 mehrere Klagen gegen ähnliche Gesetze anderer Teilstaaten hängig. Das Gericht, das früher als wichtiges Gegengewicht zur Regierung galt, ist unter der Hindu-nationalistischen Regierung von Narendra Modi stark politisiert worden. «Das Oberste Gericht scheut sich, politische Fälle anzunehmen und über die Verfassungskonformität von Gesetzen zu urteilen», sagt Jesani. Ihre Hoffnung, dass sich das Oberste Gericht bald zu dem neuen Gesetz in Maharashtra äussern wird, ist daher gering.Mitarbeit: Sabah Gurmat.Passend zum Artikel