Interview«Europa kann in der neuen Ordnung nur gemeinsam souverän sein», sagt der Chef eines der mächtigsten RüstungskonzerneDas gescheiterte deutsch-französische Kampfflugzeugprojekt FCAS war auf der Berliner Luftfahrtmesse das grosse Thema. Der MBDA-Chef Éric Béranger plädiert dennoch für mehr Zusammenarbeit als Antwort auf eine zunehmend unsichere Weltlage.Armin Arbeiter, Jannik Belser, Berlin16.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenExponate von Waffensystemen vor dem Eingang zum MBDA-Haus auf der ILA. Der militärische Faktor war auf der Luftfahrtmesse nicht zu übersehen.ImagoBei der Eröffnung der Luftfahrtmesse ILA in Berlin am vergangenen Mittwoch ist der militärische Einfluss nicht zu übersehen. Die grossen Rüstungsunternehmen haben auf dem Messegelände keine Stände aufgebaut, sondern eigene Häuser. Davor stehen Flugkörper, Luftverteidigungssysteme, Drohnen und Modelle neuer Waffenträger. Dabei war die Luftfahrtausstellung lange das Schaufenster ziviler Technik. Dass es heute an dieser Messe so viel Rüstungstechnik zu sehen gibt, zeigt, wie stark sich Europas sicherheitspolitische Lage verändert hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gleich nach der Eröffnung dominiert ein Thema die Gespräche zwischen Militärangehörigen, Wirtschaftsvertretern und Politikern: FCAS, das deutsch-französisch-spanische Projekt für ein künftiges Kampfflugzeug, ist gescheitert. Der Jet, der einmal Europas technologische Souveränität verkörpern sollte, wird nie ein Exponat an der ILA sein.Auch das Rüstungsunternehmen MBDA ist auf der ILA vertreten. Der multinationale Hersteller von Lenkflugkörpern, Marschflugkörpern und Luftverteidigungssystemen spielte bei FCAS keine Rolle, gilt aber als Beispiel dafür, wie gemeinsame europäische Rüstungsprojekte gelingen können. Der CEO, Éric Béranger, bleibt im Gespräch zuversichtlich, dass europäische Souveränität gelingen kann.Herr Béranger, was lässt Sie glauben, dass Europa die gemeinsame Verteidigung noch hinbekommt?Wir haben keine andere Wahl. Wir leben jetzt in einer Welt, in der sich rohe Gewalt wieder offen zeigt und in der wir von Grossmächten umgeben sind. Ich bin überzeugt davon, dass kein Unternehmen dieser Herausforderung im Alleingang gerecht werden kann. Europa kann in dieser neuen Ordnung auf lange Sicht nur gemeinsam souverän sein.Vergangene Woche scheiterte FCAS, das französisch-deutsche Projekt für ein gemeinsames Kampfflugzeug. Was sagt das über den heutigen Zustand der europäischen Zusammenarbeit?Für eine erfolgreiche Kooperation müssen die Ziele sämtlicher Partner auf allen Ebenen übereinstimmen, sowohl in der Politik als auch in der Industrie. MBDA ist der lebende Beweis dafür, dass so etwas funktionieren kann. Das Unternehmen entstand als Zusammenschluss von zwei Firmen, die zusammenarbeiten wollten, heute ist MBDA ein multinationales europäisches Unternehmen mit Sitzen in Frankreich, Grossbritannien, Italien, Deutschland und Spanien.Éric Béranger, CEO von MBDAPDUnd wieso misslang der Zusammenschluss bei FCAS?Dazu gibt es jetzt viele Interpretationen, ich möchte mich nicht an Spekulationen beteiligen. Was ich sagen kann: Aufseiten von MBDA haben wir im Rahmen von FCAS bei der Entwicklung von Begleitdrohnen sehr gut mit der deutschen Airbus und mit der spanischen Satnus zusammengearbeitet. Wir hoffen, dass wir das Erreichte in irgendeiner Form fortführen können. Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen europäischen Akteuren ist wichtig, und sie ist machbar. Es ist eine Frage der Abstimmung und des Willens.Aber warum scheitert sie dann so oft?Weil in konkreten Fällen die genannten Voraussetzungen fehlen.Was muss sich in Europa ändern, damit länderübergreifende Zusammenarbeit öfter funktioniert?Mehr Übereinstimmung auf allen Ebenen.Das Scheitern von FCAS wurde als eine Folge einer Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich dargestellt, die beide eine Vormachtstellung bei der europäischen Sicherheit anstreben. Wie beurteilen Sie das als Franzose?Es wird oft so dargestellt, es gibt aber viele Beispiele von sehr erfolgreichen deutsch-französischen Kooperationen. Von der Panzerabwehrwaffe Milan wurden zum Beispiel Hunderttausende Einheiten gemeinsam produziert. Ich selber arbeitete lange für EADS, heute bekannt als Airbus. Das Unternehmen ist aus der Fusion einer deutschen und einer französischen Firma entstanden. Deutschland und Frankreich haben also kein generelles Problem.Wer blockierte dann FCAS?Hierzu möchte ich mich nicht äussern.Die Ausstellungsstrasse der grossen Rüstungskonzerne auf der ILA starrte nur so vor Waffensystemen.Fabrizio Bensch / ReutersSind Sie denn zuversichtlich, dass es besser werden kann?Es passiert schon viel. Grossbritannien hat Projekte mit Polen, Italien oder Deutschland. Und auch Deutschland und Frankreich arbeiten vielerorts noch zusammen, selbst wenn FCAS nun gestoppt wurde.MBDA ist ein Zusammenschluss mehrerer Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern. Wieso funktioniert das in Ihrem Fall?Weil sich die beteiligten Nationen bei MBDA aufgehoben fühlen. Wir fördern Kooperationen und schlagen Ideen vor, am Ende entscheiden aber die Nationen. Unsere Tochtergesellschaften in Italien, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien bilden jeweils die Wünsche ihrer Herkunftsländer ab.Entsteht daraus nicht Beliebigkeit? Wäre es nicht besser, wenn ein Land einen klaren Kurs vorgibt?Natürlich sind Diskussionen zeitintensiv. Eine solide Vereinbarung unter Partnern ist aber stärker und robuster als ein Alleingang und ermöglicht es, die anfänglichen Entwicklungskosten zu teilen. Bei der Scalp/Storm-Shadow-Rakete von MBDA beispielsweise konnte die französische Seite am Ende ein Vielfaches von dem beschaffen, was sie allein hinbekommen hätte. Die Vorteile der Kooperation überwiegen die Kosten.Können wir uns den Luxus der Zeit noch leisten?Die Zeit drängt tatsächlich. Aber die Gegenfrage lautet: Können wir es uns leisten, von anderen abhängig zu sein?Zeit spielt auch mit Blick auf die Ukraine eine grosse Rolle. Dort beschleunigt sich die technologische Entwicklung von Waffensystemen rapide. Wie stellen Sie sicher, dass die Waffen, die Sie heute entwickeln, nicht bereits von gestern sind, sobald sie einsatzbereit werden?Indem wir unsere Entwicklungszyklen verkürzen. Nehmen wir zum Beispiel unsere One-Way-Effector-Drohne, die letztes Jahr in Le Bourget vorgestellt wurde. Wir werden in wenigen Tagen den offiziellen Produktnamen vorstellen. Vom ersten Entwurf auf dem Papier bis zum Erstflug vergingen nur zehn Monate, bis zum Vertrag zwölf. Auch die Integration des Marschflugkörpers Storm Shadow in die ukrainischen Kampfflugzeuge Suchoi Su-24 gelang extrem schnell. Früher hätte ein solcher Prozess Jahre gedauert. Man muss dabei unter anderem sicherstellen, dass der Pilot beim Abfeuern des Marschflugkörpers nicht gefährdet wird. In diesem Fall dauerte eine sichere Integration nur wenige Wochen.Der Marschflugkörper Taurus wurde von MBDA Deutschland und Saab entwickelt.Jerry Andre / ImagoWie gelang das?Daraus haben wir zwei Dinge gelernt: Erstens können wir sehr schnell sein, wenn es nötig ist. Und zweitens war das nur möglich, weil wir autonom waren und über die sogenannte «design authority» verfügten – also über die volle technische Verantwortung und das nötige Wissen über das System. Wir kannten die Waffe bis ins Detail und mussten niemanden ausserhalb Europas um Erlaubnis bitten. Wir konnten sie selbst modifizieren und selbst beurteilen, ob sie sicher eingesetzt werden kann. Genau das bedeutet für mich Souveränität: in dringenden Fällen selbst handeln zu können.MBDA arbeitet an der Land Cruise Missile, einem weitreichenden landgestützten Marschflugkörper, der für Europas Abschreckungsfähigkeit wichtig ist. Eine marinegestützte Variante existiert bereits. Warum muss Europa trotzdem bis zum Ende des Jahrzehnts warten, bis die Land Cruise Missile einsatzbereit ist?Es ist nicht die blosse Anpassung an den Landeinsatz, die Zeit kostet. Einen Werfer auf einen Lastwagen zu montieren, ist technisch machbar. Das haben wir bei Raketensystemen wie Aster, Camm oder Mica bereits getan. Der eigentliche Aufwand liegt darin, die komplette Produktionskette neu aufzubauen und hochzufahren. Trotzdem wäre ein solches System noch vor Ende des Jahrzehnts verfügbar und damit deutlich früher als andere vergleichbare Systeme.Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass die Masse und der Preis wieder eine entscheidende Rolle spielen: billige Drohnen, billige Sensoren, billige Munition. Wie passen hochkomplexe Waffensysteme noch auf ein modernes Schlachtfeld, auf dem günstige Systeme bereits strategische Wirkung entfalten können?Ich sehe da keinen Widerspruch. Beim jüngsten iranischen Angriff auf Israel bestanden die eingesetzten Luftverteidigungsmittel der USA in den ersten 96 Stunden zu etwa 60 Prozent aus High-End-Systemen und zu 40 Prozent aus Systemen, die eher auf Masse ausgelegt sind. Luftverteidigung muss deshalb mehrschichtig sein. Darum bietet MBDA ein breites Spektrum an Fähigkeiten an: vom Schutz auf kürzeste Distanz durch Systeme wie Sky Warden bis hin zur weitreichenden Luftverteidigung gegen Raketen und Marschflugkörper.Werden Lasersysteme die Antwort auf massenhafte Drohnenangriffe sein – oder eher Mikrowellenwaffen?Ich glaube nicht, dass es eine einzige Lösung für alle Bedrohungen geben wird. Der Vorteil von Lasern ist, dass man sie sehr gezielt ausrichten kann. Gerichtete Mikrowellenenergie wirkt dagegen meist breiter und erfasst alles in ihrem Wirkungsbereich, macht aber auch keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Wir arbeiten in europäischen Kooperationen an all diesen Technologien, um die unterschiedlichen Anforderungen abdecken zu können.Wie schnell kann MBDA die Produktion hochfahren, sobald ein neues System entwickelt ist – etwa bei der Luftverteidigung? Der Bedarf in Europa ist enorm.Unsere Lieferkette braucht Planungsszenarien, um Maschinen, Personal und Kapazitäten hochfahren zu können. Deshalb entwickeln wir eigene Produktionsszenarien, an denen wir uns orientieren. Je mehr Transparenz wir von unseren Kunden über ihren künftigen Bedarf bekommen, desto besser können wir diese Szenarien anpassen.Können Sie uns etwas über diese Szenarien verraten?Ich werde keine Details nennen. Aber man sieht die Effekte bereits: Wir haben unsere Produktion in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt. Für dieses Jahr planen wir eine weitere Steigerung der Auslieferungen um 40 Prozent. Bei Systemen wie Aster wollen wir die Produktion bis 2026 sogar noch einmal verdoppeln.Welche Sicherheit können Sie Ihren Kunden geben, dass MBDA seine Zeitpläne einhalten kann?Wenn uns heute jemand sagt, dass er morgen plötzlich doppelt so viel Material wie bisher braucht, wird es natürlich schwierig. Deshalb ist eine vorausschauende und transparente Kommunikation wichtig.Wie steht es um Ihre Lieferketten? Was ist derzeit die grösste Herausforderung?Es gibt nicht die eine Herausforderung. Es geht darum, das gesamte Produktionssystem breiter aufzustellen: Kapazitäten erhöhen, Personal einstellen, Maschinen beschaffen, Zulieferer einbinden. Das sieht bei jedem Zulieferer anders aus. Die Herausforderung besteht darin, den gesamten Verteidigungssektor zu skalieren, nicht nur einzelne Produktionslinien.Wie ist die Lage bei kritischen Rohstoffen?Bislang haben wir dort keine akuten Schwierigkeiten, auch wenn wir die Situation natürlich sehr genau beobachten. Unsere Aufgabe ist es, vorausschauend zu handeln. Wenn wir mögliche Engpässe bei Materialien oder elektronischen Komponenten absehen, legen wir vorsorglich Lagerbestände an. Bislang hat das ziemlich gut funktioniert.Stehen Sie auch mit der Schweizer Armee in Kontakt?Nicht MBDA direkt. Aber das Unternehmen Eurosam, an dem MBDA beteiligt ist. Eurosam hat die Designverantwortung für das Luftverteidigungssystem Samp/T, welches auf dem Aster-Lenkflugkörper basiert. Das Unternehmen hat eine Konsultationsanfrage aus der Schweiz erhalten und darauf geantwortet.Wie laufen diese Gespräche?Das ist eine Angelegenheit der Schweizer Armee.Passend zum Artikel
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