Die Polizei wird wegen Partylärms zum Friedhof Sihlfeld gerufen – dort machen die Einsatzkräfte eine überraschende EntdeckungEine Fete unweit der Gräber: Der Veranstalter eines Anlasses in der Stadt Zürich sorgt am Wochenende für Erstaunen.16.06.2026, 05.07 Uhr4 LeseminutenDie Nutzung des Friedhofs Sihlfeld führt seit Jahren zu Diskussionen.Christian Beutler / KeystoneDie Stimme des Pop-Stars Robbie Williams schallt durch die Zürcher Nacht. Neongrünes Licht erhellt die Bäume, Projektoren werfen Bilder auf eine Mauer. Wer am Freitagabend am Eingang E des Friedhofs Sihlfeld vorbeikommt, wundert sich, was da passiert, augenscheinlich hinter den Mauern des Zürcher Friedhofs. Auf dem sonst ruhigen Gelände wird auch nach 23 Uhr noch gefeiert. Das zeigen Videoaufnahmen und Fotos, die der NZZ vorliegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Flurin Capaul wohnt in der Nähe des Friedhofs. Als die Musik nach 23 Uhr immer noch gelaufen sei, habe er die Polizei informiert, dass beim Friedhof offenbar eine Party stattfinde, sagt der FDP-Altgemeinderat. Marc Surber, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich, bestätigt: «Wir hatten eine Meldung über Partylärm auf dem Gelände des Friedhofs Sihlfeld. Als kurze Zeit später eine Patrouille der Stadtpolizei an der genannten Örtlichkeit eintraf, war die Party bereits beendet.»Capaul sagt, er habe am Abend nochmals die Stadtpolizei angerufen, um zu entwarnen, weil die Musik verstummt sei. Was die Beamten ihm dann mitteilten, erstaunte ihn: Es waren Mitarbeiter von Grün Stadt Zürich, die da gefeiert hatten.La-Ola-Welle mit den NachbarnCapaul staunt, weil die Nachtruhe auf dem Friedhof seit Jahren ein Thema ist. Und weil die Stadt selbst mehrfach betont hat, der Friedhof sei «kein Partyplatz und kein Festivalgelände» und «Trauer und Bestattung» hätten «oberste Priorität».Carina Schulze, Sprecherin von Grün Stadt Zürich, bestätigt auf Anfrage, dass das Fest stattgefunden hat. Es sei eine Feier zum 25-Jahre-Jubiläum von Grün Stadt Zürich gewesen, im kleinen Rahmen und als Zeichen der Wertschätzung gegenüber der geleisteten Arbeit der Mitarbeitenden. Gefeiert habe man in einem Werkhof, der sich neben dem Friedhof befinde.Diese Unterscheidung zwischen Friedhof und dem unmittelbar angrenzenden Werkhof ist für Nichteingeweihte allerdings kaum feststellbar: Der Hof im ehemaligen Bestattungsamt liegt hinter der Mauer des Friedhofareals. Unmittelbar davor steht ein Schild, auf dem zu lesen ist: «Friedhof Sihlfeld» und «Herzlich willkommen». Und keine 50 Meter hinter der Party-Lokalität beginnen die Grabfelder.Laut der Sprecherin Schulze war ein DJ vor Ort, es gab ein kurzes Improvisationstheater und ein einfaches Buffet, dazu wurden Bilder aus 25 Jahren Grün Stadt Zürich an eine Hauswand projiziert. Rund die Hälfte der Belegschaft, also 300 Personen, seien vor Ort gewesen. Der Anlass habe von 17 Uhr 30 bis 23 Uhr 15 gedauert, man habe pünktlich aufgehört.Die Anwohner habe man vorher mit einem Brief an die betroffenen Liegenschaften informiert, sagt Schulze. Es seien keine Beschwerden gekommen. Im Gegenteil: «Leute auf dem Balkon der gegenüberliegenden Liegenschaft haben geklatscht und mit den Mitarbeitenden die La-Ola-Welle gemacht.»Der frühere FDP-Gemeinderat Capaul hingegen ist konsterniert. Er sagt: «Ich bin erzürnt. Ich finde das pietätlos.» Capaul ärgert sich darüber, dass ausgerechnet die Stadt Zürich selbst die Nachtruhe missachtet, und das bei einem Friedhof, wie er sagt: «Grün Stadt Zürich hat viele Areale zur Verfügung für Feiern, unter anderem die Stadtgärtnerei. Sie müssen nicht dort feiern.»Auch Josef Widler, Mitte-Kantonsrat und Präsident des Quartiervereins Wiedikon, sieht die Veranstaltung von Grün Stadt Zürich kritisch: «Ich finde es speziell. Es ist nicht sehr feinfühlig.»Brisant ist die Feier wegen der Vorgeschichte des grössten Stadtzürcher Friedhofs. Seit Jahren wird darüber gestritten, wie der Friedhof Sihlfeld genutzt werden darf.An sonnigen Tagen wird auf dem Friedhof auch gepicknickt.NZZSeit 2018 ist er auch nachts geöffnet. In der Folge häuften sich bei der Stadt Beschwerden von Anwohnern und Trauernden. Sie berichteten von Partys, Lärm, Alkohol- und Drogenexzessen, sexuellen Treffen auf den Toiletten der Friedhofanlage und rasenden Velofahrern.Ein Mieter eines Familiengrabs forderte die Stadt deshalb auf, den Friedhof nachts wieder abzuschliessen. Die Stadt blieb jedoch bei ihrem Entscheid. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit über etliche Instanzen.Der Bezirksrat verlangte, dass der Friedhof ab 20 Uhr geschlossen wird. Das Verwaltungsgericht jedoch erlaubte dann wieder einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Und das Bundesgericht stellte schliesslich fest, dass die Stadt Zürich selbst über die Öffnungszeiten entscheiden dürfe. Es ergänzte, die Stadt müsse jedoch Massnahmen prüfen, um die «verschiedenen Nutzungsinteressen in einen vernünftigen Ausgleich» zu bringen.Anzeige wegen RuhestörungSeit einigen Monaten stehen nun verteilt auf dem Friedhofareal Plakate, die zu verantwortungsvollem Handeln auffordern. Unter dem Motto «So geht Friedhof» ist zu lesen: «Sonnenbad, aber angezogen», «Spazieren statt joggen», «Schieben statt fahren», «auf Trauernde Rücksicht nehmen» und «Hunde warten draussen». Eines dieser Schilder steht unweit des Festlokals vom Freitag.Zudem soll sich im Juli erstmals eine sogenannte Spurgruppe zum Thema «Zukunft Zürcher Friedhöfe» treffen. In einem Schreiben der Stadt steht dazu: «Friedhöfe sind Orte des Abschieds und zugleich wichtige Grünräume für die Bevölkerung. In den Quartieren werden sie zunehmend auch als ruhige Aufenthalts- und Begegnungsräume wahrgenommen.»Was «ruhig» genau bedeutet, dürfte noch zu Diskussionen führen. Flurin Capaul hat sich jedenfalls entschieden, gegen die Stadt Anzeige zu erstatten – wegen Ruhestörung.Passend zum Artikel
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