Der Wahn hatte Methode bei Otmar von Verschuer. Davon zeugt ein mannshoher Schrank voller Schuber mit Glasdias. Jeder Schuber ist penibel beschriftet. Auf einem steht „Zigeuner“, auf einem anderen „Bastarde“, aber auch die „Nordische Rasse“ ist vertreten. So hat Verschuer, von 1935 an Leiter des Frankfurter Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene, Menschen kategorisiert. Die Dias zeigte er in seinen Vorlesungen, um den Studenten beizubringen, was aus nationalsozialistischer Sicht wertvolles Leben war und was nicht. Ein Assistent Verschuers hat dessen Ideologie später mit mörderischer Konsequenz vollstreckt: Josef Mengele, der Lagerarzt von Auschwitz.Der Schrank mit den Dias steht im Keller des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin. Oben im Erdgeschoss hat Direktor Michael Sachs auf einen Tisch die Kopie der Promotionsurkunde von Mengele gelegt; das Original liegt im Archiv der Goethe-Universität. Sachs zeigt dem Besucher diese Zeugnisse der NS-Zeit, um klarzumachen, welche Bedeutung seinem Institut bei deren Aufarbeitung zukommt. Zu Verschuers Diasammlung gebe es einen Katalog, sagt Sachs. Systematisch ausgewertet sei das Material aber bis heute nicht.Ob dies irgendwann an der Uni Frankfurt geschehen wird, ist ungewiss. Denn im Fachbereich Medizin wird erwogen, das medizinhistorische Institut zu schließen. Es sei zu klein, heißt es, seine Bibliothek sei schlecht untergebracht und der Altbau, in dem es residiere, nicht sanierungsfähig. Die Überlegungen, das Institut aufzugeben, fallen in eine Zeit, in der die hessischen Hochschulen wegen gekürzter Landesmittel ohnehin sparen müssen: Überall wird derzeit geprüft, welche Studiengänge und Einrichtungen womöglich verzichtbar sind.Historische Heilkunde: Direktor Michael Sachs mit einem Werk aus der Bibliothek seines InstitutsJanek StempelDoch Sachs, der das Institut seit 2021 kommissarisch leitet, will es nicht kampflos aufgeben – auch wenn sein Vertrag Ende nächsten Jahres ausläuft. Für seine Rettungsbemühungen findet er wachsende Unterstützung: Andere Medizinhistoriker haben sich ebenso für den Erhalt ausgesprochen wie die Landesärztekammer Hessen. Die Dr. Senckenbergische Stiftung, die das Institut nicht finanziert, ihm aber ihren Namen leiht, zeigte sich verärgert über die Schließungspläne. Jüngst hat sich zudem der Senat der Universität mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, die Medizingeschichte weiterhin am Fachbereich Medizin zu pflegen. Alle Unterstützer heben die Bedeutung des Fachs sowohl für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als auch für die Ausbildung von Ärzten mit historisch-ethischem Bewusstsein hervor.Sanierungsbedürftig, aber nicht abbruchreifSachs hat zum Besuch in sein Institut eingeladen, um die Argumente zu widerlegen, die für eine Schließung vorgebracht werden. Dass es dort Renovierungsbedarf gibt, ist augenfällig. Die Fassade des um 1900 errichteten, denkmalgeschützten Baus ist mit Graffiti verunziert. Auch im Erdgeschoss, in dem das Institut seine Räume hat, müsste einiges getan werden. Abbruchreif ist das Gebäude aber keineswegs, wie Sachs hervorhebt: Der Keller und das Obergeschoss, in dem die von der Uniklinik finanzierte Krankenhaushygiene untergebracht ist, würden gerade saniert.Sachs’ Büro und die Nachbarräume haben den Charme eines in die Jahre gekommenen Museums. Ein Regal im Arbeitszimmer des Professors, der von Haus aus Chirurg ist, beherbergt Stücke aus seiner Privatsammlung: ein Instrument zur Entfernung von Totgeburten, 100 Jahre alte zahnärztliche Extraktionszangen, ein Apparat für Bluttransfusionen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und einen „Sauerbruch-Arm“ – eine bewegliche Handprothese, entwickelt von dem legendären Charité-Chirurgen. Draußen im Flur steht eine Vitrine mit weiteren Exponaten. Es sind Leihgaben eines Sammlers: historische Klistierspritzen, Blasenkatheter, ein Elektrisierapparat.Aus der Privatsammlung des Direktors: ein „Sauerbruch-Arm“Janek StempelEinblicke in die Heilkunst vergangener Tage gewährt auch die Bibliothek. Nach Angaben von Sachs ist sie mit rund 75.000 Bänden die größte medizinhistorische Büchersammlung Deutschlands. Prachtvolle Anatomie-Atlanten finden sich dort, und eine Ausgabe der „Medizinerbibel“ des 16. Jahrhunderts: eine Sammlung von Schriften des Hippokrates. Das älteste Buch der Bibliothek, ein Gesundheitsratgeber, stammt von 1491. Auch Skurriles oder Beklemmendes wurde archiviert. Zum Beispiel ein Fachaufsatz mit dem Titel „Zur Vererbung der Ohrfistel“. Verfasser: Josef Mengele.Sachs verwahrt sich gegen den Vorwurf, die teils kostbaren Bücher seien nicht angemessen aufbewahrt. 2021 hätten zwei Mitarbeiter der Universitätsbibliothek die Sammlungen besichtigt und seien von deren Unterbringung „sehr angetan“ gewesen.Überhaupt ist dem Direktor wichtig, den Eindruck zu widerlegen, er verwalte in seinem Institut nur angestaubtes Wissen. In den mit Büchern gefüllten Zimmern sitzen junge Menschen, studieren alte Werke und machen sich Notizen. Es sind Doktoranden, die an medizingeschichtlichen Arbeiten schreiben. Neun betreut Sachs derzeit, gar nicht so wenige für ein angebliches „Mini-Institut“, wie der Professor findet. „Jede Woche“ fragten ihn Medizinstudenten, ob sie bei ihm promoviert werden könnten. Doch neue Doktoranden nehme er momentan nicht an.Umgeben von Literatur: Eine Doktorandin arbeitet im Institut an ihrer Dissertation.Janek StempelEiner der angehenden Ärzte, der sich für ein historisches Dissertationsthema entschieden hat, ist Francesco Bruno. Schon als Schüler wurde er durch die Aktion „Stolpersteine“ auf die Opfer der NS-„Euthanasie“ aufmerksam. Nun hat er die Sterbebücher der Anstalt Hadamar ausgewertet und dokumentiert, wie Morde an Patienten als natürliche Todesfälle durch „Atemwegserkrankungen“ getarnt wurden. Brunos Doktorandenkollegin Alina Schönherr befasst sich mit den Lebensläufen der ersten Frankfurter Medizinstudentinnen von 1914 an, dem Gründungsjahr der Universität. „Viele von ihnen haben später tatsächlich als Ärztinnen gearbeitet“, sagt Schönherr. Einige der Studentinnen seien Jüdinnen gewesen. „Es gab zum Teil dramatische Schicksale.“Fachbereich Geschichte will Institut nicht übernehmenKeiner von Sachs’ Doktoranden muss fürchten, dass seine Arbeit wegen einer möglichen Institutsschließung unvollendet bleibt. Nach einer schnellen Entscheidung in dieser Sache sieht es ohnehin nicht aus – zumal sich eine von Medizin-Dekan Stefan Zeuzem erwogene Lösung anscheinend zerschlagen hat: Wie in der Sitzung des Uni-Senats deutlich wurde, lehnt der Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaft eine Übernahme der Medizingeschichte ab: Dieses Fach gehöre zusammen mit der Ethik an die medizinische Fakultät.Somit rücken zwei Optionen in den Blick, die Zeuzem ebenfalls ins Gespräch gebracht hatte: eine Verlagerung des Fachs an die Universitäten Mainz oder Gießen, deren Medizin-Fachbereiche ebenfalls über medizinhistorische respektive -ethische Lehrstühle verfügen. Die Uni Gießen will sich auf Anfrage nicht zu etwaigen Gesprächen mit Frankfurt äußern und verweist darauf, dass derzeit die Professur für Geschichte der Medizin nach dem altersbedingten Ausscheiden des bisherigen Inhabers neu besetzt werde: Das Berufungsverfahren sei „weit vorangeschritten“. Aus Mainz lässt Norbert Paul, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, das Folgende ausrichten: „Eine offizielle Anfrage bezüglich einer möglichen Kooperation liegt uns nicht vor. Ein solches Modell wäre zudem aus meiner Sicht mit sehr großen organisatorischen und finanziellen Hürden verbunden.“Diese Hindernisse sieht auch Michael Sachs. Er findet die Vorstellung absurd, dass ein Dozent aus Gießen oder Mainz nach Frankfurt entsandt werden könnte, um dort angehende Mediziner in den von der Approbationsordnung vorgeschriebenen Pflichtfächern Ethik und Geschichte zu unterrichten. Nahezu jede deutsche Medizinfakultät hat ein eigenes Institut oder zumindest eine Abteilung, die sich diesen Fachgebieten widmet. Es fällt schwer, zu glauben, dass sich ausgerechnet jene Uni von der Medizingeschichte verabschieden könnte, an der einst Otmar von Verschuer und Josef Mengele ihren Rassenwahn auslebten.
Frankfurter Institut für Medizingeschichte: Direktor warnt vor Schließung
Das Institut für Medizingeschichte an der Universität Frankfurt dokumentiert die Verbrechen führender Rassenbiologen zur NS-Zeit. Doch ihm droht die Schließung. Sein Direktor will zeigen, welch ein Verlust dies wäre.






