Nicht um die Täter soll es gehen, sondern um die Überlebenden. Nicht um die Zerstörung, sondern um die Rekonstruktion jüdischen Lebens, bevor die Nationalsozialisten Juden in Europa systematisch verfolgten und ermordeten. Über die NS-Verbrechen ist viel gesagt und geschrieben worden. Zwei Gruppen junger Menschen wollen die jüdischen Perspektiven ins Licht rücken.Herausgekommen sind zwei Ausstellungen, die von nun an im Hochbunker an der Friedberger Anlage zu sehen sind, betreut von der Initiative 9. November. Eine Schau beschäftigt sich mit dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess, der von 1963 bis 1965 stattfand, die andere mit der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Synagoge in der Unterlindau 23 im Stadtteil Westend.Die Ausstellung „Jüdische Geschichte sichtbar machen“ zeigt Rekonstruktionen der Synagoge, die zehn Jugendliche im Rahmen ihres Konfirmandenprojekts vor zwei Jahren angefertigt haben. Pfarrer Daniel Fricke von der Evangelisch Reformierten Gemeinde Frankfurt hat das Projekt betreut und den Schülern freigestellt, ob sie ihre Arbeiten analog oder digital anfertigen wollten. „Das hat sich am Ende als großer Schatz erwiesen, weil sie da ansetzen konnten, wo sie Begabungen haben“, sagt er bei der Ausstellungseröffnung.Von der Synagoge existieren keine FotosDa wäre zum Beispiel eine maßstabsgetreue Rekonstruktion der Synagoge aus Klemmbausteinen – mit dem Thoraschrein, den Sitzbänken und den beiden Emporen. Entstanden sind auch Werke aus Modelliermasse, Bleistiftzeichnungen und digitale Rekonstruktionen. Jakob und Alexander, heute beide 15 Jahre alt, haben die Synagoge mit dem Computerspiel Minecraft nachgebaut. Dabei werden digitale Blöcke wie Bausteine aufeinandergesetzt. Eine Woche hätten sie dafür gebraucht, sagt Alexander. Wie die beiden vorgegangen sind, ist bei der Ausstellung auf einem Bildschirm zu sehen.Jakob (links) und Alexander haben die Synagoge in der Unterlindau in Minecraft nachgebaut. Hinter ihnen ist ein Modell aus Klemmbausteinen zu sehen.Michael BraunschädelVon der Synagoge im Frankfurter Westend existieren keine Fotos. Als Vorlagen dienten Pläne des Instituts für Stadtgeschichte, Zeichnungen und Architektendokumente. Man müsse sich bewusst machen, dass die Rekonstruktionen lediglich Annäherungen seien, sagt Pfarrer Fricke. „Wir kannten die Anzahl der Fenster und deren Positionen, aber die Fensterform kannten wir nicht.“Immer wieder hätten sie „rumgeknobelt“ und auch wieder umbauen müssen, sagt Jakob. „Wir haben versucht, anhand der Raumgröße zu sehen, was es hätte sein können. Ob es ein Raum war, wo gelernt wurde oder Sachen gelagert wurden.“ Mehrmals haben die Jugendlichen ihr Projekt schon vorgestellt. Die Ausstellung war bereits im Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und im Bibelhaus Erlebnismuseum zu sehen.Ein Brief gab den Anstoß für die AusstellungEbenfalls zum dritten Mal wird die Ausstellung „Ich will sprechen über die Wahrheit, die dort war“ präsentiert, nun auch im Hochbunker an der Friedberger Anlage und in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut. Die Schau konnte bereits im Studierendenhaus und im Römer, dem Frankfurter Rathaus, besucht werden.Fritz Bauer, früherer Generalstaatsanwalt in Hessen und selbst Jude, erwirkte, dass das Landgericht Frankfurt die Zuständigkeit für die Strafverfolgung der in Auschwitz begangenen Straftaten erhielt. Kernstück der Schau ist ein Brief des Anwalts Henry Ormond von 1963, in dem dieser schreibt, mit Bauer eine Ausstellung zum Prozess zusammenstellen zu wollen. Realisiert wurde das jedoch nie.Die Kuratorinnen Florine Miez (links) und Anne Uhl wollen mit ihrer Ausstellung über den Auschwitz-Prozess den Überlebenden eine Stimme geben.Michael BraunschädelBis 2023, als sich fünf Studenten zusammenschlossen, um eine solche Ausstellung auf die Beine zu stellen. Das Ziel sei es gewesen, nicht die Perspektive der Täter, sondern die der Überlebenden abzubilden, sagt Kuratorin Anne Uhl. Ihre Mitkuratorin, die Holocaustforscherin Florine Miez, hatte den Brief bei Recherchearbeiten gefunden.Zeugenbetreuer Peter Kalb zu Besuch im BunkerDie Schau zeigt etwa das Schicksal des Zeugen Ján Weis, der als Leichenträger in Auschwitz arbeiten musste. Oder das des Baumeisters Józef Kral, der während des Prozesses um Beruhigungsmittel bat. „Über die eigenen Erfahrungen öffentlich zu sprechen und detailliert Auskunft geben zu müssen, war für die Zeugen mit erheblichen mentalen Belastungen verbunden“, sagt Uhl. „Und das nur wenige Meter von den ehemaligen Peinigern auf der Anklagebank entfernt.“Auch einige Videointerviews, unter anderen mit dem Zeugenbetreuer Peter Kalb, sind Teil der Ausstellung. Der heute Mitte Achtzigjährige ist der einzige noch lebende Zeugenbetreuer des Prozesses und wird am 16. August im Bunker zu Gast sein, um über seine Erfahrungen zu sprechen.Die beiden Ausstellungen sind bis Ende November dieses Jahres in den Ausstellungsräumen der Initiative 9. November (Friedberger Anlage 5) zu sehen, immer mittwochs zwischen 17 und 19 Uhr und sonntags zwischen 11 und 14 Uhr.
Frankfurt: Ausstellungen im Hochbunker zu Jüdischer Geschichte
Im Hochbunker an der Friedberger Anlage in Frankfurt sind zwei neue Ausstellungen zu sehen. Eine berichtet von den Zeugen beim Frankfurter Auschwitzprozess, die andere zeigt Rekonstruktionen der Synagoge in der Unterlindau 23.






