Als Walter Gropius 1919 das Bauhaus gründete, wurden – zu seiner eigenen Überraschung – im ersten Jahr mehr weibliche als männliche Studenten zugelassen. In einem Manifest hatte Gropius zuvor dafür plädiert, dass „jeder, der will, unabhängig von Geschlecht und Alter“, die Schule besuchen solle. Und er stellte fest, dass es „keinen Unterschied zwischen dem gerechteren und dem stärkeren Geschlecht“ geben dürfe. Das dürfte die vielen weiblichen Bewerber angezogen haben.Dennoch waren die Frauen innerhalb und außerhalb von Weimar Ressentiments ausgesetzt. Und spricht man heute von der Kunst- und Designschule, fallen zunächst vor allem Namen wie Paul Klee, Wassily Kandinsky und Ludwig Mies van der Rohe. Zu oft von den Geschichtsbüchern unerwähnt bleiben noch immer die begabten Bauhaus-Frauen.Anni Albers in ihrem Studio im Black Mountain College, 1937Wie gut, dass Nicholas Fox Weber der Textilkünstlerin Anni Albers (1899-1994) nun ein Buch widmet. Über mehrere Jahre bekam der heutige Direktor der Albers Foundation Einsichten in das Leben der früheren Bauhaus-Schülerin. Ein Leben, das sie sich mit dem Maler Josef Albers teilte, den sie als junge Frau am Bauhaus kennengelernt hatte. Mit ihm war sie nach der Machtergreifung Adolf Hitlers in die Vereinigten Staaten emigriert, wo sie Weberei an der Kunsthochschule Black Mountain College in North Carolina lehrte.Nicht nur Exil-ErinnerungenEs sind sehr private Einblicke, die Weber seiner Leserschaft mit diesem Buch schenkt. Wie sich das Ehepaar für die frittierten Hähnchenteile der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken begeistern konnte, wie ein Laden mit deutschen Spezialitäten als Verbindung zur alten Heimat fungierte – und wie Anni Albers in Gesprächen mit anderen vor allem ihren Mann zu Wort kommen ließ. Als sie von Webers Idee erfuhr, ein Buch über sie zu schreiben, soll Anni Albers sich gefreut haben. Womöglich auch, weil sie ein Dasein im Schatten ihres bekannten Ehemanns pflegte.Im amerikanischen Exil: Anni Albers 1958 in ihrer Küche in New Haven (Connecticut)The Josef and Anni Albers Foundation/Artists Rights Society (ARS), New York, 2026In Webers Biographie geht es allerdings nicht nur um Anni Albers' Zeit in den USA. Stattdessen beginnt das Buch mit den Kindheitserinnerungen der gebürtigen Berlinerin und ihrem Aufwachsen in einer wohlhabenden Familie: als Tochter des Möbelfabrikanten Siegfried Fleischmann und als Enkelin des deutsch-jüdischen Verlegers Leopold Ullstein.Zu den interessantesten Aspekten des Buchs gehört jedoch, wie sich die Verfolgung durch die Nationalsozialisten auf ihre Kunst auswirkte. Als ihre Eltern im Jahr 1939 mit nicht viel mehr Besitz als ihren Namen aus Deutschland fliehen mussten, wurden ihre Schmuckstücke entweder von den Nazis konfisziert oder mussten als Zahlungsmittel während der Flucht herhalten. Als kreative Antwort darauf schuf Anni Albers gemeinsam mit dem Studenten Alexander Reed eine Schmuckserie aus Gegenständen wie Papierklammern und Schrauben. Zu ihren bekanntesten Werken zählt zudem das gewebte Holocaust-Mahnmal Six Prayers. Das Kunstwerk aus sechs Stoffbahnen, zwei Meter hoch und drei Meter breit, soll an die sechs Millionen ermordeten Juden Europas erinnern.Am Ende der Lektüre bleibt das Gefühl, Anni Albers kennengelernt zu haben. Nicht nur die Künstlerin – sondern auch den Menschen.Der Wandbehang „Orange, Black and White“ von Anni Albers, 1926Nicholas Fox Weber: Anni Albers. A Life. Yale University Press, 408 Seiten, 38 Dollar.
Anni Albers: Biografie über die Bauhaus-Legende und Textilkünstlerin
Bei Gesprächen mit anderen ließ Anni Albers oft ihren Mann Josef reden. Dabei hatte sie mit ihrer Textilkunst so viel zu sagen – wie eine Biographie über sie nun zeigt.








