Nach dem Verbot in Australien plant nun das Vereinigte Königreich als zweites Land, Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren aus den sozialen Medien auszusperren. Der britische Premierminister Keir Starmer kündigte am heutigen Montag ein „vollständiges Verbot“ der Nutzung sozialer Medien durch Kinder an. „Ich bin nicht bereit, bei der Sicherheit und dem Wohlbefinden unserer Kinder Kompromisse einzugehen. Deshalb muss dieses Verbot kommen, und deshalb wird dieses Verbot kommen“, sagt Starmer. Bei Experten für das Wohlbefinden von Kindern und digitale Medien stoßen die Pläne jedoch auf ein geteiltes Echo: Manche kritisieren sie scharf.Starmer will Jugendlichen unter 16 Jahren die Nutzung aller großen Social-Media-Plattformen untersagen. Zudem sollen weitere Maßnahmen verhindern, dass Kinder ohne Aufsicht mit Fremden auf Gaming-Diensten und Live-Streaming-Plattformen kommunizieren. Das Gesetz soll bis Ende des Jahres verabschiedet werden und ab Frühjahr 2027 greifen. Zur Durchsetzung wird eine Technologie zur Altersüberprüfung eingesetzt. Für kindgerechte Inhalte sollen Ausnahmen gelten.Bioethiker: „Das Verbot ist die denkbar schlechteste Reaktion.“Damit will die Regierung über ein bloßes Verbot sozialer Medien hinausgehen, heißt es in einer Ankündigung. Sie will sich mit nächtlichen Sperrzeiten und Unterbrechungen des „unendlichen Scrollens“ für unter 18-Jährige befassen. Letzteres ist eine Funktion, die Nutzer dazu verleiten soll, besonders lange auf den Plattformen zu bleiben.„Das Verbot ist die denkbar schlechteste Reaktion auf Bedenken hinsichtlich schädlicher und ungesunder Gewohnheiten im Internet“, sagte der Bioethiker Andy Miah von der englischen Universität Salford dem britischen Science Media Center. Er befürchtet, dass das Verbot Probleme lediglich aufschiebe, bis die Jugendlichen über 16 seien. Zudem vermisse er eine aktive Unterstützung junger Menschen, um „widerstandsfähiger gegenüber den Risiken zu werden“.Der Vorstoß könnte von wahren Problemen ablenkenZudem berge ein Verbot Risiken, von denen besonders Jugendliche betroffen seien, die soziale Kontakte nur in der digitalen Welt haben. „Nicht jeder verfügt im realen Leben über einen unterstützenden Freundeskreis, und auch wenn das traurig erscheinen mag, bedeutet der Entzug des Zugangs zu sozialen Medien für diese Menschen soziale Isolation“, erklärt Miah.Andy Phippen, Professor für IT-Ethik und digitale Rechte an der Universität Bournemouth hingegen kritisiert, dass das Verbot eine falsche Sicherheit verspricht. „Meine größte Sorge ist, dass ein vollständiges Verbot Gefahr läuft, zu einer Art politischem Theater zu werden.“ Es könne Erwachsene beruhigen, lenke aber von den schwierigeren Fragen ab, die sich bei der Gestaltung und Regulierung der Plattformen, Aufklärung, Jugendförderung und Durchsetzung von Verboten stellen.Chance, die Wirkung sozialer Medien zu erforschenAuch andere Experten sehen die Notwendigkeit, die Plattformen sicherer zu gestalten. Die Bildung- und Bewegungsforscherin Victoria Goodyear von der Universität Birmingham erklärte, dass langfristigere Ansätze gefragt seien. „Sie sollten ‚Safety-by-Design‘, also die Reduzierung von verlockenden und aufmerksamkeitsheischenden Funktionen, mit Bildungsmaßnahmen kombinieren, die die digitalen Kompetenzen, das Selbstvertrauen und die Selbständigkeit junger Menschen fördern“, schreibt sie in einem Statement.Viele Experten kritisieren, dass weder die Gefahren sozialer Medien noch die Effekte von Verboten hinreichend erforscht sind. Die Regeln in Australien sind noch zu neu, um daraus Schlüsse zu ziehen. Aus diesem Grund sehen manche Forscher aber eine Chance in den Plänen der britischen Regierung. „Dies ist eine einmalige Gelegenheit, ein besseres Verständnis für die psychische Gesundheit von Jugendlichen zu erlangen“, sagte Catherine Sebastian. Sie leitet die Abteilung „Evidenz für die psychische Gesundheit“ beim Wellcome Trust, einer gemeinnützigen Organisation zur Forschungsförderung. „Wir werden landesweite Studien finanzieren, um die Auswirkungen des Verbots unabhängig zu beobachten“, kündigte sie an.Medienwissenschaftler: „wegweisenden politischen Wandel“Die Pläne der Regierung stoßen nicht nur auf Kritik. „Sie zeigen einen wegweisenden politischen Wandel, den viele Eltern begrüßen werden“, sagte Medienwissenschaftler Rafe Clayton von der Universität von Leeds. Seit Jahren laute die vorherrschende Botschaft der großen Technologiekonzerne und der Regierung, dass die digitale Welt vorteilhaft und produktiv sei. Die Öffentlichkeit sehe das anders. „Es findet derzeit eine kulturelle Reaktion statt, da junge Menschen und Eltern die Schäden erkennen, die die digitale Welt mit sich bringt.“ Es sei richtig, dass die Regierung darauf reagiere. „Meiner Ansicht nach stützen die weltweiten Erkenntnisse diese Einschränkungen.“Amy Orben, Experimentalpsychologin von der Universität Cambrigde, sieht die Pläne der Regierung differenzierter: „Ob das eine gute oder schlechte politische Entscheidung ist, hängt davon ab, was wir als das eigentliche Ziel dieses Verbots betrachten“, sagte sie. Das Verbot werde Bedenken über die zunehmend digital geprägte Kindheit nicht ausräumen. „Eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse meines Teams und anderer zeigt, dass wir kurzfristig wahrscheinlich keine wesentlichen Verbesserungen des Wohlbefindens oder der psychischen Gesundheit erwarten sollten.“Doch das Verbot dürfte die öffentliche Wahrnehmung verändern und die Nutzung sozialer Medien in jüngeren Altersgruppen weniger akzeptabel machen. „Dies ist ein wichtiger erster Schritt bei der Verhaltensänderung“, sagte Orben. Er könne zudem „unsere Kultur hinsichtlich der Nutzung sozialer Medien in bestimmten Altersgruppen verändern“. Sie begrüße zudem die Ankündigung, Beschränkungen für bestimmte, besonders risikoreiche Funktionen im Internet einzuführen, beispielsweise KI-Chatbots oder die Kontaktaufnahme durch Fremde im Internet.
Britisches Social-Media-Verbot für Kinder: So reagieren Experten
Die britische Regierung kündigt ein strenges Verbot sozialer Medien für alle unter 16 an. Experten begrüßen den Kulturwandel dahinter – warnen aber davor, die echten Probleme zu übersehen.











