Mumbai erfindet das Museum neuDie reichste Familie Indiens hat eine Institution für Gegenwartskunst und Kultur ins Leben gerufen, die auch im Westen Schule machen könnte. Es gibt aber auch noch anderes, das Europa von der boomenden Kunstszene Indiens lernen kann.Laura Helena Wurth15.06.2026, 09.00 Uhr6 LeseminutenDas Art House ist ein vierstöckiger, rund 1500 Quadratmeter grosser Ausstellungsbereich im Nita Mukesh Ambani Cultural Centre (NMACC), die multidisziplinäre Kultureinrichtung in Mumbai wurde am 31. März 2023 eröffnet.NMACCWas alles kann ein Ort, an dem Kunst gezeigt wird, heute eigentlich sein? Das Nita Mukesh Ambani Cultural Centre, kurz NMACC, erprobt gerade eine neue Art von Museum. Die junge Kulturinstitution in der Museumslandschaft Mumbais wurde 2023 von Nita Ambani gegründet, der Ehefrau des schwerreichen Unternehmers und Erben Mukesh Ambani. Die Ambani-Familie gilt als einflussreichste Wirtschaftsdynastie Indiens: Ihr Vermögen stammt aus der Ölindustrie, diverse Familienmitglieder stehen regelmässig auf den «Forbes»-Listen der reichsten Menschen der Welt. Und seit 2024, der spektakulären Hochzeit Anant Ambanis, des Sohns des Paars, sind die Ambanis auch im Westen ein Begriff – neben anderen hochkarätigen Prominenten wurden etwa Rihanna und die Kardashians eingeflogen, die Festivitäten sollen gemäss unterschiedlichen Berichten bis zu einer Milliarde Dollar gekostet haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das NMACC lanciert in Mumbai ein ambitioniertes Kunst- und Kulturprogramm. Es holt international renommierte Künstler wie Doug Aitken oder Toiletpaper, das Projekt der beiden italienischen Künstler Maurizio Cattelan und Pierpaolo Ferrari, nach Mumbai und ermöglicht ihnen Neuproduktionen, die dann im Art House ausgestellt werden. Gleichzeitig versucht die Kulturinstitution, indische Künstler auf die internationale Bühne zu heben und zeitgenössische indische Kunst angemessen zu repräsentieren. So hat das NMACC gemeinsam mit dem indischen Kulturministerium den indischen Pavillon auf der diesjährigen 61. Biennale in Venedig massgeblich unterstützt. Nach einer siebenjährigen Pause widmet sich der Pavillon der Frage nach Heimat. Auch damit, was sie bedeutet, wie sie aussieht und wie man mit dem Konzept «Heimat» umgehen kann, wenn man sie verloren hat.Mehr AufmerksamkeitIndien ist kein regelmässiger Gast in Venedig. Zum ersten Mal war das bevölkerungsreichste Land 2011 vertreten, dann erst wieder 2019. Angesichts der steigenden Bedeutung der südasiatischen Märkte für Kunst, einer rasch anwachsenden Sammlerzahl und des sich stetig mehrenden Wohlstands scheint die Zeit aber reif zu sein, Indien auf der nach wie vor wichtigsten Kunstausstellung der Welt zu repräsentieren. Während aber das NMACC in Mumbai als eine Art grosses Erlebniscenter fungiert, bleibt der Pavillon in Venedig klein, fein und in gedimmtes Licht getaucht. Die schmale Tür, die zu der Ausstellung führt, ist leicht zu übersehen. Schliesst sie sich aber hinter einem Besucher, lässt dieser Italien gefühlt hinter sich – die fünf künstlerischen Positionen Indiens erscheinen, wohl gewollt, geradezu traditionell. Unter dem Titel: «Geographies of Distance: Remembering Home» versammeln sich raumgreifende Arbeiten aus Holz, Bambus, Lehm und Pappmaché von Künstlern, die aus unterschiedlichen Regionen Indiens stammen. An einer Wand ziehen sich riesige Blüten von Ranjani Shettar entlang, während auf der anderen die Umrisse eines Hauses, fein wie ein delikates Kleid gewebt, schweben.Die mit vielfachen Auszeichnungen bedachte indisch-amerikanische Künstlerin Sumakshi Singh hat aus Seide, Baumwolle und Nylon feine Gebilde geschaffen, die wirken, als erschiene ein lang vergessenes Zuhause nur noch im Traum. Sie sind zwar noch sicht- und erahnbar, scheinen aber bereits im Zustand des Verschwindens begriffen zu sein. In Zeiten der Massenmigration, in der Abertausende Menschen ihr Zuhause in der Hoffnung auf ein besseres oder auch nur ein sicheres Leben verlassen müssen, entfaltet diese Arbeit eine ganz eigene Dringlichkeit.«Geographies of Distance: Remembering Home»: Blick in den indischen Pavillon an der 61. Biennale di Venezia (Arte), die noch bis am 21. November 2026 läuft.Joe HabbenDen fragilen Moment dazwischen zeigt auch der in Neu-Delhi lebende Künstler Asim Waqif. Seine Installation besteht aus grossen, grob zusammengezimmerten Bambusstämmen, die sich direkt am Eingang türmen. Sie lassen nicht erkennen, ob hier eine Struktur zur Behausung abgerissen oder erst errichtet wird. Alle gezeigten Arbeiten beschreiben in unterschiedlichster Weise diesen schwebenden Zustand, der sehr viele Menschen im riesigen Land vereint: Ankommen, aufbauen, weitergehen, wieder ankommen und erneut aufbauen …Dass das NMACC sich jetzt an der Finanzierung dieser Präsentation indischer Kunst auf der grössten internationalen Kunstbühne der Welt beteiligt, ist nicht überraschend. Die Biennale hat in einer Welt mit immer neuen Konfliktherden vor allem auch eine grosse Bedeutung als Austragungsort für Kunst als sogenannte Soft Power. So nutzt auch eine der einflussreichsten indischen Familien diese Bühne.Eine SonderstellungIn Mumbai befindet sich das NMACC im Business District in einem eigens errichteten Gebäude, das eher an eine grosse, architektonisch wild gestaltete Mall als an indische Tradition erinnert. Hier entspricht wenig dem Klischee überfüllter indischer Strassen oder reichverzierter traditioneller Tempel und Paläste. Die Strassenzüge sind leergefegt, die Menschen befinden sich in klimatisierten Innenräumen von Hotels, Malls und Konferenzzentren, die die Architektur dieses Viertels bestimmen.Das Art House, in dem die Ausstellungen stattfinden, ist nur ein Teil des NMACC. Hinzu kommt das glitzernde Convention Centre, das neben einem der grössten Personenaufzüge der Welt drei Theater, etliche Säle für private Feiern, mehrere Restaurants und Cafés, sowie einen «Infinity Room» von Yayoi Kusama umfasst, in den Besucher und Besucherinnen eintauchen können. Durch die Lobby ist auch schon einmal für eine Autoshow ein Porsche gefahren.Im gesamten Gebäude hängen Werke indischer Künstler, im Erdgeschoss präsentieren Kunsthandwerker aus verschiedensten Regionen Indiens in kleinen Kojen ihre Arbeiten. Es ist eine Art Residenzprogramm, bei dem die verschiedenen Künste, von der Schmuckproduktion über das Teppichweben, präsentiert werden. Die Kunsthandwerker und Künstler leben und arbeiten hier über mehrere Monate. Die Kunstausstellungen sind eingebettet in eine Vielzahl von kulturellen Ausdrucksformen, die hier alle ihren Platz finden. Jemand, der für ein Musical gekommen ist, kann auch noch in der Kunstausstellung landen und jemand, der die Kunst sehen wollte, erfährt zusätzlich auch gleich Interessantes etwa über eine spezifische traditionelle Webtechnik aus einer Region Indiens.Blick in die Ausstellung «Run As Slow As You Can» von Toiletpaper, die vom 22. Juli bis 22. Oktober 2023 im Nita Mukesh Ambani Cultural Centre gezeigt wurde.NMACCEine solche Durchmischung der Genres und Repräsentationsformen sucht man in der oft kategorisierten und klassifizierten europäischen Museumswelt vergeblich. Dabei kommt diese Durchmischung vielleicht einer modernen Idee des «Museion» am nächsten: ein Museumsbezirk, in dem gelebt, gearbeitet und geforscht wird. So war denn auch in der Antike das «Museion» kein Einzelbau, sondern eher ein Hain mit vielen kleineren Gebäuden, ein lebendiger Ort, an dem nicht nur Kunst in diversen Formen hergestellt und erlebt, sondern auch gegessen, getrunken und zuweilen wohl auch geschlafen wurde.Nicht nur aufgrund dieses Konzepts der Vielfältigkeit nimmt die Institution NMACC innerhalb Mumbais eine Sonderstellung ein, die sich deutlich von den anderen Museen und Kulturorten der Millionenstadt abhebt. Es ist auch grösser und besser finanziert als die öffentlichen Museen und kann deshalb auch Ausstellungen beherbergen, die bestimmte klimatische oder technische Voraussetzungen benötigen.Wachsender KunstmarktAuch Indiens Galerien für zeitgenössische Kunst drängen auf den internationalen Markt. Sie stärken durch gemeinsame Organisation ihre Positionen. So eröffnen die Galerien etwa jeweils am Mumbai Gallery Weekend gemeinsam die Saison, um die Vielfältigkeit der Kunstszene zu zeigen. Seit 2023 findet mit der Art Mumbai in der Stadt auch jährlich eine internationale Kunstmesse statt. Dort stellen neben indischen auffallend viele internationale Galerien aus. Sich international in der Kunstwelt zu vernetzen und als eigenständiger Akteur aufzutreten, scheint immer wichtiger zu werden.Nach der Coronapandemie hat das ökonomische Wachstum Indiens rasant zugenommen, was sich auch in dem steigenden Interesse an zeitgenössischer Kunst niederschlägt. Zeitgleich weitet sich der Blick der westlichen Kunstwelt – lohnend ist allemal, die Entwicklung der Kulturlandschaft Indiens im Auge zu behalten. Das eine oder andere europäische Museum könnte sich vom Konzept des NMACC durchaus inspirieren lassen.Passend zum Artikel