GastkommentarDie Vereinnahmung der Galerien durch die künstliche IntelligenzIm Kunstmarkt wird künstliche Intelligenz tagtäglich und breit genutzt. Eine klare Strategie fehlt jedoch.Andreas Ritter15.06.2026, 09.00 Uhr5 LeseminutenDirk Koy, «Shape Study 06», 2019, Fotografie, Animation, Still.Dirk Koy / zVg The ArtistDer Kunstmarkt und neue Technologien waren sich über lange Jahre keine besonders gewogenen Partner. Erst der durch die Covid-Pandemie über Nacht und nicht ganz freiwillig erfolgte Paradigmenwechsel hat den Einsatz neuer Technologien salonfähig gemacht. Auch teure Kunst wird heute online gekauft, Transaktionen werden in der Blockchain abgebildet und neue KI-Hilfsmittel versprechen wertvolle Mithilfe in den so wichtigen Fragestellungen zur Authentizität von Kunst bis hin zur Entlarvung von Fälschungen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das alles hilft, den Kunstmarkt transparenter und rechtssicherer zu machen. Sogar der Aufstieg und Niedergang des durchaus zweifelhaften Phänomens der NFT hat zumindest dafür gesorgt, dass seither bei der Produktion von Kunst Fragestellungen zu Technologie, künstlicher Intelligenz (KI) und geistigem Eigentum plötzlich auch im Kunstmarkt einen wichtigen Stellenwert einnehmen.Eine aktuelle Datenerhebung wirft nun aber ein Schlaglicht auf einen Bereich, der bisher kaum beachtet wurde: KI wird im Berufsalltag kommerzieller Galerien bereits weit verbreitet eingesetzt, jedoch weitestgehend ohne jegliche Aufsicht.Ohne Steuerung und StrategieLaut dem im März 2026 publizierten Bericht «AI in Galleries» des Kunstbranchennetzwerks First Thursday geben 84 Prozent der befragten Galerien an, dass sie KI-Tools in ihrer täglichen Arbeit nutzen. Aber nur 8 Prozent geben an, über formelle Richtlinien zu verfügen, die regeln, wie diese Tools eingesetzt werden sollen. Die Ergebnisse basieren auf Interviews mit über 100 Fachleuten aus Galerien weltweit, darunter Inhaber, leitende Angestellte und Mitarbeiter, die hauptsächlich in Europa, Grossbritannien und den USA tätig sind.Der Bericht zeichnet das Bild einer Branche, die neue Technologien schleichend und stillschweigend einführt, ohne dabei eine gründliche Steuerung und Strategie bezüglich Nutzung zu implementieren. Auch wenn man sich die Datenerhebung im Detail ansieht, sind die Schlussfolgerungen bemerkenswert bis alarmierend: In den meisten Fällen wird KI eher informell und aus eigenem Antrieb von Mitarbeitern eingeführt und nicht durch Entscheidungen der Führungsspitze des Galeriebetriebs.82 Prozent der Befragten geben an, dass sie über persönliche Konten auf KI zugreifen und nicht über von ihrer Galerie eingerichtete und überwachte Tools. Nur 18 Prozent berichten, dass ihnen spezielle Konten für den Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt wurden. Als zusätzlich erschwerend wird erkannt, dass die aktuellen KI-Tools nicht speziell für Kunst und Kunstmarkt und deren spezifische Bedürfnisse konzipiert sind. Die meisten Befragten geben an, dass sie viel eher auf allgemeine Plattformen wie ChatGPT, Claude und Gemini zurückgreifen als auf kunstspezifische Hilfsmittel aus dem KI-Bereich, wobei fraglich bleibt, ob es solche überhaupt bereits gibt.KI in Galerien: 84 Prozent nutzen sie, nur 8 Prozent haben Richtlinien.Die so aufgedeckten Lücken werfen Fragen zum Umgang mit sensiblen Daten auf, zumal in einer Branche, die traditionell so grossen Wert auf Diskretion legt, um Vertrauen zu schaffen. Ohne klare Richtlinien können Galeriemitarbeiter vertrauliche Informationen in offene Plattformen eingeben, welche vom Galeriebetrieb weder überwacht noch kontrolliert werden können. Hierzu können Namen und Personalien von Sammlern, Verkaufshistorien, Berichte über den Zustand von Werken oder etwa Preisverhandlungen gehören.Trotz dieser augenscheinlichen Bedenken werden KI-Tools ganz offensichtlich bereits für eine Vielzahl von Aufgaben eingesetzt. Das Verfassen und Bearbeiten von Texten sind die häufigsten Anwendungsbereiche: 78 Prozent der Befragten führen aus, KI für den Entwurf von Pressemitteilungen oder E-Mails zu nutzen. Mehr als die Hälfte setzt KI für Übersetzungen ein, während wiederum andere sie für Social-Media-Beiträge, administrative Aufgaben, Marktforschung und gezielt für die Suche nach Sammlern nutzt.Die meisten Befragten weisen darauf hin, dass die zunehmende Komplexität der tagtäglichen Aufgabenstellungen des Galeriebetriebs diesen Wandel vorantreibt. Fast vier von fünf Galerien berichten, dass die Führung ihres Unternehmens in den letzten zwei Jahren noch einmal aufwendiger geworden ist; der Verwaltungsaufwand mit stetig neuen regulatorischen Anforderungen steigt und Kunstmessen, Logistik und Versicherungen werden teurer.Doch anstatt im Rahmen einer formellen digitalen Strategie eingeführt zu werden, gehorcht der Einsatz von KI in der Praxis oft bloss einfachen praktischen Bedürfnissen wie der Zeitersparnis bei sich wiederholenden Aufgaben in ohnehin schon überlasteten Teams des Galeriebetriebs. Die Entwicklung an sich scheint unvermeidlich, wenn man sich vor Augen führt, dass das Modell der Kunstgalerie schon immer auf kostengünstige Praktikanten und Assistenten angewiesen war.KI bedroht die echte ExpertiseErstaunlich mutet in diesem Zusammenhang an, dass Mitarbeiter von Kunstgalerien nicht in erster Linie befürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Nur etwa 29 Prozent der Befragten nennen KI als Risiko für die Beschäftigung. Als viel grösseres Problem wird die Präzision und Korrektheit der von KI ermittelten Rechercheergebnisse erkannt. So geben zwei Drittel der Befragten an, sie seien besorgt über minderwertige und fehlerhafte Inhalte, die von KI erzeugt werden, was eine zeitraubende Überprüfung erfordere.Gleichwohl ist die Einstellung gegenüber der Technologie überwiegend positiv. 62 Prozent der Befragten sehen die Einführung von KI im Kunstmarkt als sinnvolle Entwicklung, mehr als die Hälfte ist bereit, in neue Technologie zu investieren, wenn sich dadurch messbare Vorteile erzielen lassen. Vor allem aber legen die Ergebnisse der Untersuchung eine Kluft zwischen Galeriemitarbeitern und der Führungsebene offen: Mitarbeiter nutzen eifrig und in Eigenverantwortung KI-Systeme, erhalten aber kaum Anweisungen von oben.Die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit über persönliche Konten auf diese Tools zugreift, ohne dass es eine Corporate Governance oder eine verbindliche Datenschutzrichtlinie gibt, muss ein Weckruf für die ganze Branche sein. Was fehlt, ist die Brücke zwischen den individuellen Versuchen und institutioneller Verantwortung mit Datenschutzrichtlinien, Schulungen und speziell entwickelten Tools, die den vereinzelten privaten Einsatz in eine nachhaltige und durchdachte Praxis überführen.Diese Brücke müssen Galerien schlagen. Was freilich am schwersten wiegt, sind die inhaltlichen Konsequenzen eines unkontrollierten Einsatzes von KI im Galerienwesen: Wie kann der Kunsthändler und Galerist Unterscheidungsvermögen, Sicherheit und Vertrauen im Zeitalter KI-generierter Rechercheergebnisse schützen? Wir drohen heute im Einheitsbrei auf Hochglanz polierter Beiträge und Publikationen, selbstbewusst vorgetragener Meinungen und strukturierter Schlussfolgerungen zu versinken – und vieles des unter dem Einsatz von KI Produziertem fühlt sich fatal durchgestylt, mit Floskeln ausgeschmückt und geschliffen, nur allzu oft sogar leer an.Im Fachgebiet des Kunsthandels kommt bekanntlich Wissen nicht daher, intelligent zu klingen. Sachlich fundierte Kennerschaft entsteht aus einem persönlichen Erfahrungsschatz: Er generiert sich aus jahrelangem Schauen, Zuhören, Lesen, Streiten, aus zahllosen Besuchen von Museums- und Galerieausstellungen, von Künstlerateliers und Kunstmessen. Hinzu kommt das Verständnis von Künstlern und deren Werk, von Institutionen und einer Vielzahl von jeweils unterschiedlichen Kunstmärkten mit ganz eigenen Merkmalen – jenseits von künstlich gefertigten Exegesen und verführerisch dargestellten Tortendiagrammen.KI hat die Galerienwelt schon weitgehend infiltriert. Was im Ergebnis beunruhigt, ist indessen nicht die Technologie selbst, sondern die Leichtigkeit, mit der sie Autorität erzeugen kann, wenn sie unreflektiert und unkontrolliert eingesetzt wird. Für Sammler und Händler ist Vertrauen alles. Wenn plötzlich jeder wie ein Experte klingt, besteht die Gefahr nicht nur in schlechtem oder unrichtig formuliertem Inhalt, sondern im Verlust des Vertrauens in echte Expertise.Andreas Ritter ist Anwalt für Kunstrecht in Zürich und Geschäftsführer des Verbands Kunstmarkt Schweiz, des Dachverbands für vier Kunsthandelsverbände.Passend zum Artikel