Jung und anders: Das Auktionshaus am Grunewald geht seinen WegIn Berlin gibt es ein neues Auktionshaus, das sich speziell auf junge Sammler und Kunst-freunde ausrichtet. Hier lässt sich Kunst grosser Namen bereits um 100 Euro ersteigern.Daghild Bartels15.06.2026, 09.00 Uhr4 LeseminutenDas Auktionshaus am Grunewald in Berlin ist spezialisiert auf Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf Werken nach 1945.Auktionshaus am GrunewaldMit Berlins berühmtem Grunewald haben die Gründer nichts zu tun. Der Name ist ein bisschen verrückt, denn dieser Neuling will anders sein als die existierenden, etablierten Häuser. Kunst für alle, speziell für junge Leute, lautet die Parole – und das funktioniert. Mit verblüffend rasanten Erfolgen macht das Auktionshaus am Grunewald seit dem Jahr 2023 Schlagzeilen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lena Winter und Sebastian Greber heissen die mutigen Initiatoren, die vor drei Jahren das Wagnis eingingen, mit einem neuen Auktionshaus die Szene zu beleben – mitten im strauchelnden Kunstmarkt. Winter ist Kunsthistorikerin und arbeitete bereits im Milieu, nämlich neun Jahre für das altetablierte Auktionshaus Grisebach. Sebastian Greber handelte mit Design und begann während der Pandemie mit Auktionen in seiner Wohnung. 2023 entschliessen sich die beiden, ein Auktionshaus der neuen Art zu gründen. Sie starten in galerieähnlichen Räumen in der Nähe des Kurfürstendamms, die jedoch schnell zu klein werden.Mit viel Glück können sie im tollen Gebäude, das der Berliner Galerist Michael Haas sich für sein immenses Depot bauen liess, eine Etage mieten. Jetzt residiert das Auktionshaus im Norden Charlottenburgs und realisiert seine Devise: Kunstauktionen anders denken und auf keinen Fall werden wie die traditionellen Häuser. Begeisterung und lockere Atmosphäre gekoppelt mit Pioniergeist, mit dem das bewusst kleine Team – fünf Personen, mehr sollen es möglichst nicht werden – ans Werk geht, übertragen sich im Nu auf Einlieferer und Käufer.Sichtbar wird dies bereits bei der Auktionsvorbesichtigung: Herrscht bei etablierten Häusern ein Hauch der Exklusivität, eine gediegene Stimmung, so geht es bei den Grunewaldern völlig ungezwungen zu. Allein die Präsentation der jüngsten Versteigerung, rund 1400 Arbeiten, dicht an dicht gehängt an den Wänden, lässt elitäres Gehabe gar nicht erst aufkommen. Die – zumeist – Papierarbeiten, also Zeichnungen, Grafik, Fotos, die gerahmt ins Haus kommen, werden als ein kunterbuntes Potpourri von der Kunst der klassischen Moderne bis zur jüngsten Gegenwartskunst präsentiert.Lockere StimmungMühsames Erblättern von Zeichnungen oder Grafiken in diversen Mappen entfällt: Hier hängt ein toller Robert Rauschenberg neben einem Nobody, auf Neo Rauch folgen Daniel Spoerri, Wolfgang Tillmans, Blinky Palermo oder Norbert Bisky und Günther Uecker. Das untere Limit ist bewusst extrem niedrig angesetzt – ab 100 Euro kann man schon Kunst erwerben. Und beide Auktionatoren betonen: Die 100-Euro-Marke soll auf ewig bleiben. Mit dieser Politik haben sie sich tatsächlich ein neues, junges Publikum erschlossen.«Einige haben hier zum ersten Mal im Leben Kunst gekauft», erzählt Lena Winter. Dass sie mit dieser Idee und ihrer Sonderstellung eine Marktlücke geschlossen haben, wissen die Unternehmer. Stolz berichten beide, dass sie mit ihren Auktionen bisher rund 80 Prozent des Angebots verkaufen konnten und dass sie sich von Auktion zu Auktion jeweils um 50 Prozent steigerten – denn inzwischen zählen auch gestandene Sammler zu den Kunden, die kommen, um hier Entdeckungen zu machen.Das Auktionshaus am Grunewald in Berlin ist spezialisiert auf Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf Werken nach 1945.Auktionshaus am GrunewaldTrotz der lockeren Atmosphäre bleibt die Arbeit hoch professionell. Minutiös und mit hochgradiger Expertise werden alle Daten und Informationen zu den Künstlern im Onlinekatalog geliefert. Bei den Auktionen selbst herrscht ebenfalls Professionalität, die Dramaturgie unterscheidet sich nicht von der etablierter Häuser. Aber auch bei den Aufgeldern nähern sie sich den grossen Auktionshäusern. 34 Prozent zahlen die Käufer, variable 24 Prozent die Einlieferer.Bewundernswert, mit welcher Geduld Lena Winter nach dem Aufruf einer 100-Euro-Position auf den nächsten 20-Euro-Schritt wartet, bis sie dann das Hämmerchen knallen lässt. Dass einmal ein Kind die Prozedur verkürzen wollte und vor ihr «zum Dritten» rief, gehört mit zum Ambiente.Literweise KaffeeDie jüngste, ihre fünfte Auktion, die sich über drei Tage erstreckte, konnte mit dem beachtlichen Umsatzergebnis von 1,75 Millionen Euro abgeschlossen werden. Den Rekord erzielte der venezolanisch-französische Künstler Cruz-Diez, dessen Arbeit 46 260 Euro erreichte. Bei einem Triptychon von Roy Lichtenstein kam es zu einem intensiven Bietergefecht, die erreichten 43 690 Euro bedeuten einen Weltrekord für eine Lichtenstein-Grafik.Auch ausserhalb Berlins, sogar im Ausland werden die Aktivitäten des Neulings beobachtet – 395 Positionen (von 1400) gingen unter anderem nach Shanghai, New York, São Paulo, Madrid, Wien und Paris. Drei Arbeiten fanden ihren Weg direkt in ein Museum. Inzwischen werden auch ganze Nachlässe bei den Grunewaldern eingeliefert, so etwa derjenige des deutschen Schauspielers Otto Sander. Auch der Nachlass von Friedhelm Hütte, dem langjährigen Leiter der Kunstabteilung der Deutschen Bank, wurde hier versteigert.«Wir wachsen mit unseren Kunden», sagen die beiden ambitionierten Auktionatoren, «wollen aber unsere Sonderstellung bewahren.» Daher erfahren wir hier auch, dass sie während der Auktionstage 38 Liter Kaffee geschluckt und 232 Rollen Klebeband verbraucht haben. Die nächste Auktion ist bereits im Anmarsch. Sie findet am 18. September statt.Das Auktionshaus am Grunewald in Berlin ist spezialisiert auf Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf Werken nach 1945.Auktionshaus am GrunewaldPassend zum Artikel