Gegen die Verbürgerlichung der Kunst – der nachhaltige Einfluss von Konrad Fischer1969 organisierte Konrad Fischer in der Berner Kunsthalle die radikale Schau «When Attitu-des Become Form». Der legendäre Galerist wurde zum Fürsprecher der Minimal Art und Kon-zeptkunst. Der Geist der von ihm gegründeten Galerie wirkt bis heute.Annegret Erhard15.06.2026, 09.00 Uhr6 LeseminutenDer Galerist Konrad Fischer (rechts) in den 1960er Jahren zusammen mit dem Aktionskünst-ler Joseph Beuys.Galerie Konrad FischerAls sich Düsseldorf Anfang der 1960er Jahre gerade aufmachte, die deutsche Kunstmetropole zu werden, begann der furiose Nachkriegsgestus des Informel – eine abstrakte, expressiv-wilde Kunstrichtung der 1950er Jahre – bereits zu erlahmen und sich sinnentleert zu wiederholen. Damals, in Ablehnung etablierter Kunstrichtungen, taten sich drei junge Künstler zusammen: Gerhard Richter, Sigmar Polke und Konrad Lueg, der später unter dem Namen Konrad Fischer ein namhafter Galerist werden sollte. Sie waren Studienkollegen an der Düsseldorfer Akademie. Die drei galten als irritierende Protagonisten der örtlichen Avantgarde, denn sie waren unangepasst und progressiv.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Gegenwartskunst hatte in jenen Jahren einen schweren Stand. Gerhard Richter und Konrad Lueg organisierten 1963 eine Ausstellung im Düsseldorfer Möbelhaus Berges namens «Leben mit Pop – Eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus». Es war ein Manifest. Mit Pop Art, Nouveau Réalisme, Happening und Fluxus bezogen sie sich ungebremst und ironisch auf die zeitgenössische Lebenswirklichkeit der bundesdeutschen Wirtschaftswunderjahre, auf die starre Fassade aus bürgerlicher Wohlanständigkeit und drakonischem Konsum.Konrad Fischer hatte sich den Künstlernamen Lueg, den Mädchennamen seiner Mutter, zugelegt. Seine bevorzugten Motive waren Fussballer und Boxer, die neuen Helden, aber auch Pattern Paintings mit Wiederholungsmustern etwa von Tapeten oder Tischdecken. Fischer arbeitete sich also an den Trivialitäten der Massenkultur ab. Parallel dazu trat seine ausserordentliche Gabe als Netzwerker, als Vermittler, als überzeugender Kommunikator zunehmend in Erscheinung. Der Gedanke, sich der Galeriearbeit zuzuwenden, wuchs. Eine grosse Künstlerkarriere sah er nicht, zumindest nicht in dem Mass, wie sie sich den Kollegen Polke und Richter bereits am Horizont abzeichnete.Ihm schwebte allerdings keine Rolle eines gediegenen Geschäftsmanns vor. Seine Galerie sollte, wie er seinem Freund Kasper König, dem späteren Grossmeister seines Fachs als Kurator, nach New York schrieb, «... weiter, fortschrittlicher sein als die anderen in Deutschland. Was anfangs an finanziellen Mitteln fehlt, muss durch Qualität, Weitblick, Mut und Frische ausgeglichen werden. Ich möchte in Deutschlands provinziellen Kulturmief etwas frischen Wind blasen und ich glaube, dass das auch wichtig und von Vorteil für viele unserer Künstler hier ist, sie verbürgerlichen sonst immer mehr.»Eine Familie von Künstlern1967 eröffnete Konrad Fischer zusammen mit seiner Frau Dorothee ein Unternehmen, das er unprätentiös und gleichzeitig sehr selbstbewusst «Ausstellungen bei Konrad Fischer» nannte. Carl Andre war der erste Künstler, den er zeigte. Ein junger New Yorker Bildhauer, der mit Skizzen anreiste, um in situ zu gestalten. Produziert wurde vor Ort, präsentiert in einer Hofdurchfahrt in der Düsseldorfer Altstadt zwischen Kunsthalle und Kunstakademie. Gläserne Tore verschlossen den Schlauch an beiden Enden – fertig war der karge, keine 15 Quadratmeter grosse Ausstellungsraum. Die Arbeit mit 100 gleich grossen gewalzten Stahlplatten auf dem Zementboden hiess «5 × 20 Altstadt Rectangles». Sie wurde sofort zur sehr erfolgreichen Initialzündung des Hauses Fischer.Dieser aufsehenerregenden Premiere folgten zahlreiche weitere europäische Erstauftritte wegweisender Minimal- und Konzeptkünstler wie Richard Long, Sol LeWitt oder Bruce Nauman. Das internationale Netzwerk von Künstlern, Kuratoren und Sammlern wuchs rasch. Fischer war es mit Mut, sicher mit charismatischer Strahlkraft, auch einer sympathischen, mit viel Kunstsachverstand philosophisch grundierten Arroganz gelungen, dass der internationale Kunstbetrieb seine Aufmerksamkeit bald auf das Rheinland richtete. Künstler wie Richard Long, Jan Dibbets, Robert Ryman, Mario Merz, Hanne Darboven, Charlotte Posenenske, Gilbert and George stellten bei Konrad Fischer aus.«Ich möchte in Deutschlands provinziellen Kulturmief etwas frischen Wind blasen.»Konrad Fischer (1939–1996)Konrad Fischers grosser Vorteil war seine sehr persönliche Art des Umgangs mit den noch jungen Künstlern, vor allem jenen, die sich über den Atlantik gewagt hatten. Sie waren seine Familie. Kaffee und Kuchen bei Fischer war ein fester gesellschaftlicher Bestandteil der Düsseldorfer Künstlergemeinschaft, sozusagen ein Betriebsmodell des Hauses. Alle kamen und manchmal wurde was draus. Zum Beispiel eine lebenslange Freundschaft.Berlin, Übersee – und BernEine Berliner Dépendance zu etablieren, schien Mitte der Nullerjahre unumgänglich. Künstler fanden hier bezahlbare Ateliers, Sammler aus aller Welt machten neugierig Station. «Mit Daniel Marzona, der leider 2024 viel zu früh verstorben ist, hatten wir einen idealen Leiter für die Berliner Dépendance gefunden», so Thomas W. Rieger, Senior Director der Galerie Konrad Fischer seit 2007.«Das Programm war in Düsseldorf und Berlin weitestgehend identisch», sagt er. Zu den Klassikern kamen neben vielen anderen dauerhaft oder temporär Edith Dekyndt, Alice Channer, Melissa Kretschmer, Susan Philipsz und Peter Buggenhout: «Dass sich die Berliner Szene im Vergleich zu den Gründerjahren etwas abgekühlt hat, stört uns nicht so sehr. Mit Projekten in New York und Los Angeles und internationalen Messe-Beteiligungen bietet sich eine Reihe weitere überaus interessante Playgrounds», sagt Rieger.1969 schlug die von Harald Szeemann konzipierte und von Konrad Fischer mitbetreute Ausstellung «Live in Your Head – When Attitudes Become Form» in der Berner Kunsthalle wie eine Bombe ein. Das war keine respektable Ausstellung, sondern eine Ansammlung schwer einzuordnender Arbeiten: Konzeptkunst, Arte Povera, Fluxus und dergleichen. Entsetzen – die Bauern der Umgebung kippten eine Ladung Mist vor die Tore des Museums – und Jubel – endlich der Befreiungsschlag, der neue Wege verhiess – verschafften der Ausstellung den Ruf als Meilenstein des Kunstbetriebs.Das spielte dem Kunstvermittler Konrad Fischer und seinem Kader in die Karten. Er war einer der massgeblichen Protagonisten, die mit Minimal Art und Konzeptkunst handelten und der mit seinen Künstlern von Erfolg zu Erfolg kletterte. Sein Wort hatte bald darauf auch bei der Documenta-Leitung Gewicht. Als Konrad Fischer 1996 viel zu früh mit 57 Jahren starb, führte seine Frau Dorothee die gemeinsam betriebene Galerie in seinem Sinne weiter. Ein Jahr nach Dorothee Fischers Tod gingen grosse Teile der Sammlung und des umfangreichen Archivs an die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Dorothee Fischer hat die Sammlung einmal als das «Panorama ihres Lebens» bezeichnet.In guten Händen der TochterKonrad Fischer dachte zeitlebens radikal, traf rasche Entscheidungen. Dazu gehörte wohl auch die gemeinsame Gründung der Galerie Sperone Westwater Fischer 1975 in New York. 1982 schied er allerdings wieder aus. Heute veranstaltet die Galerie Konrad Fischer in New York Pop-up-Inszenierungen, wie zum Beispiel den schönen, vom mittlerweile 84-jährigen Bruce Nauman selbst eingerichteten Auftritt mit jüngsten Videoarbeiten, die ihn beim Verfertigen von Zeichnungen mit geschlossenen Augen zeigen (bis 20. Juni). Die ebenfalls ausgestellten Resultate dieses Selbstversuchs überraschen in ihrer Stringenz und sind Beleg eines nimmermüden kreativen Geistes mit virtuosem Forscherdrang.Videostandbild: Bruce Naumann, «No.54 Suspended Still Life Susan’s South Eyes Closed», 2025. © Pro LitterisGalerie Konrad FischerBerta Fischer, die Tochter von Konrad und Dorothee, hat den Künstler im Mai bei der Installation der Arbeiten in den temporären Räumen in Tribeca begleitet. Sie ist selbst Künstlerin, lebt und arbeitet erfolgreich in Berlin – und hat die Leitung der Galerie nach dem Tod ihrer Mutter 2015 übernommen. Anders als ihr Vater, hat die Tochter, heute Mutter zweier Kinder, die Kunst zwar zu keiner Zeit aufgegeben, die Weiterführung der Galeriearbeit war für sie aber dennoch zwingend: «Als meine Mutter gestorben war, war es für mich selbstverständlich, die Galerie weiterzuführen. Es war mir wichtig, diese einmalige Geschichte meiner Eltern und dieser Galerie zu bewahren.» Das war auch der familiären Verbundenheit der Künstler untereinander geschuldet.Berta Fischer arbeitet mittlerweile seit Jahrzehnten mit den Direktoren Thomas W. Rieger (Düsseldorf) und Beate Pasko (Berlin) zusammen. Mit ihnen widmet sie sich mit nüchtern-unbestechlichem Blick den globalen Herausforderungen, den Transformationsprozessen, der Einordnung von Übergangsphänomenen. Das gilt sowohl für ihr künstlerisches Schaffen als auch für die Arbeit der Galerie. Ein einigermassen vulnerables Geschäft, für das man – die Eltern haben es vorgelebt – ebenso robust wie sensibel ausgestattet sein muss. Mit stets klarem Verstand, am besten noch mit einer nicht zu übertreffenden Coolness.Passend zum Artikel
Der Pionier der Konzeptkunst: Konrad Fischers Vermächtnis lebt weiter
1969 organisierte Konrad Fischer in der Berner Kunsthalle die radikale Schau «When Attitu-des Become Form». Der legendäre Galerist wurde zum Fürsprecher der Minimal Art und Kon-zeptkunst. Der Geist der von ihm gegründeten Galerie wirkt bis heute.






