Teherans Unterhändler warteten bis nach Mitternacht iranischer Zeit, um behaupten zu können, sie hätten die Vereinbarung mit den Vereinigten Staaten nicht am 80. Geburtstag Donald Trumps geschlossen. Doch in Amerika war die Geburtstagsfeier noch im vollen Gange, als Trump Vollzug verkündete. „Schiffe der Welt, startet eure Motoren“, schrieb der Präsident auf seiner Plattform Truth Social. Am Freitag soll das Dokument in Genf unterzeichnet werden. Die Straße von Hormus soll innerhalb von 30 Tagen wieder voll befahrbar sein. Im Gegenzug heben die USA die Blockade iranischer Häfen auf – und erlauben Iran während der nun beginnenden Atomverhandlungen sanktionsfrei Öl zu verkaufen. Mehr als zwei Monate haben beide Länder um das Rahmenabkommen gerungen, das nun vorerst einen Schlussstrich unter einen Krieg zieht, der die ganze Welt in Mitleidenschaft gezogen hat. Zeit für eine Bilanz.In Washington herrscht Skepsis: War es das wert? Die Straße von Hormus, Nadelöhr des Welthandels, wird wieder geöffnet – eine Meerenge, die vor dem Krieg gar nicht geschlossen war. Das ist sicher eine vereinfachte Sicht der Dinge, die nun von Donald Trumps Gegenspielern in Washington verbreitet wird. Der Präsident kann gewiss darauf verweisen, dass Iran heute geschwächt sei. Aber gemessen an seinen eigenen Zielen, fällt die Bilanz ernüchternd aus.Als er am 28. Februar den Krieg begann, war noch von Regimewechsel und der „Befreiung des iranischen Volkes“ die Rede. Das iranische Volk spielt in Trumps Tweets und Reden schon länger keine Rolle mehr. Die Repressionen im Land haben eher noch zugenommen. Und Regimewechsel? Der Präsident arbeitet da mit alternativen Fakten und behauptet einfach, dass dieser stattgefunden habe: Die Leute, mit denen man es jetzt zu tun habe, seien viel vernünftiger. Die gesamte Führung besteht aber aus Leuten, die seit Jahrzehnten in Machtpositionen aktiv waren.Khamenei wurde durch Khamenei ersetztTrump hatte durch einen Enthauptungsschlag, den israelische Militärs mit amerikanischer nachrichtendienstlicher Hilfe am ersten Kriegstag durchführten, den Obersten Führer Ali Khamenei und mehrere andere ranghohe Führungsfiguren aus dem Staatsapparat und der Revolutionsgarde töten lassen – und so einen Personalwechsel erzwungen. Das Regime ist aber noch an der Macht. Mit der Einsetzung von Khameneis Sohn Modschtaba als dessen Nachfolger signalisierte es größtmögliche Kontinuität. Das Regierungssystem der Islamischen Republik hat sich nicht geändert, allenfalls hat eine Machtverlagerung hin zur Revolutionsgarde stattgefunden.Mehrfach hat Trump behauptet, dass das iranische Militär vernichtet sei. Immer wieder hat Teheran aber unter Beweis gestellt, dass es immer noch in der Lage ist, amerikanische Stützpunkte in der Region beziehungsweise seine arabischen Nachbarstaaten mit Drohnen und Raketen anzugreifen – und Raketen gen Israel zu schießen, wie dieser Tage noch geschehen.Stichwort Raketen: Von einer Einschränkung des ballistischen Raketenprogramms ist in der vorläufigen Vereinbarung zwischen Iran und den USA keine Rede mehr, obwohl Trump seinen Vorgängern Barack Obama und Joe Biden stets den Vorwurf gemacht hatte, mit dem Atomabkommen von 2015 nicht nur mit Blick auf das iranische Nuklearprogramm „den schlechtesten Deal der Geschichte“ gemacht zu haben. Er hatte ihnen auch vorgeworfen, das Raketenprogramm und die Verbreitung von Terror durch Teherans Stellvertretermilizen in der Region außer Acht gelassen zu haben – eine Einschätzung, die auch von Leuten geteilt wird, die nicht zum Trump-Lager gehören. Ein brisanter Punkt wird in diesem Zusammenhang auch die Freigabe eingefrorener Mittel des iranischen Auslandsvermögens sein, ein Aspekt, für den Trump Obama früher ebenfalls gegeißelt hatte.Irans Raketenarsenal scheint größtenteils noch intaktIn seiner ersten Erklärung zum Irankrieg hatte Trump das iranische Raketenprogramm sogar als einen Hauptgrund für die Militäroperation benannt. Entgegen der Einschätzung des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA behauptete er, iranische Raketen könnten „bald das amerikanische Festland erreichen“. Trump kündigte an, dass Amerika die iranische Raketenproduktion komplett „ausradieren“ werde. Eine Analyse des Auslandsgeheimdienstes CIA, aus der die „Washington Post“ im Mai zitierte, kam aber zu dem Schluss, dass Iran noch 70 Prozent seiner Raketenbestände von vor dem Krieg besitze. Und etwa 75 Prozent seiner mobilen Abschussanlagen. Trump unterschätzte die Resilienz der iranischen Streitkräfte, die sich seit Jahrzehnten auf einen asymmetrischen Krieg mit Amerika vorbereitet haben. Zum Schutz ihres Raketenarsenals bauten sie unterirdische Produktions- und Abschussanlagen, die Teheran selbst stolz als „Raketenstädte“ bezeichnet.Was die Atomverhandlungen anbelangt, lässt sich noch kein abschließendes Urteil fällen, da diese nun mit der Unterzeichnung des „Memorandum of Understanding“ erst beginnen. Auf Skepsis bis hinein ins republikanische Lager im Kongress stößt allerdings die vage Zusage Irans, keine Atomwaffen anzustreben – eine Aussage, die das Regime in der Vergangenheit sogar schon in einer religiösen Fatwa festgeschrieben hat. Die staatliche Nachrichtenagentur Fars betonte denn auch, dass man mit der Absichtserklärung keinerlei neue Verpflichtungen zum Atomprogramm eingehe.In Washington rechnen viele Politiker und Iranfachleute damit, dass Teheran, wie in früheren Jahren, auf Zeit spielen werde, sich also von Fristverlängerung zu Fristverlängerung hangeln dürfte – im Wissen darum, dass Trump vor den Kongresswahlen im Herbst kein Interesse an einer Rückkehr zu Kampfhandlungen hat. Dass Teheran sich tatsächlich zur endgültigen Aufgabe seines Atomprogramms entschließt, wird bezweifelt, schließlich hat das Regime daraus immer eine Frage staatlicher Souveränität gemacht. Und der jüngste Krieg gegen die USA und Israel hat die Rufe nach einer atomaren Abschreckung in Teheran eher lauter werden lassen.Der Krieg hat das Atomprogramm wohl nicht zurückgeworfenFür Iran ist es schon ein Erfolg, dass Trump hinnehmen musste, dass die Atomverhandlungen in eine zweite Phase ausgelagert wurden. Schon das dürfte es schwer machen, Teheran noch Zugeständnisse abzutrotzen, weil Amerika ein wichtiges Druckmittel schon vorher aus der Hand gibt: die Blockade iranischer Häfen. Nichts spricht außerdem dafür, dass Teheran sich in dieser Frage weiter bewegen wird, als Trump es womöglich auch ohne Krieg hätte bekommen können. Wenige Tage vor Beginn der Militäroperation hatte Außenminister Abbas Araghchi sich mit dem Sondergesandten Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner in Genf zu Verhandlungen getroffen.Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass das Atomprogramm durch den jüngsten Krieg zurückgeworfen wurde. Im Zwölftagekrieg von 2025 hatten Israel und die USA die Atomanlagen in Natans, Fordo und Isfahan massiv bombardiert. Nach damaliger Einschätzung der amerikanischen Geheimdienste wurde die Ausbruchszeit bis zu einer Atombombe dadurch von drei bis sechs auf neun bis zwölf Monate verlängert. Diese Zeitspanne sei durch die jüngsten israelischen Angriffe auf Teile des Nuklearprogramms nicht verlängert worden, heißt es in einer aktuellen Einschätzung der Geheimdienste, aus der die Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Trump sollen in den vergangenen Monaten militärische Optionen zur Erbeutung oder Zerstörung des hochangereicherten Urans in Iran präsentiert worden sein. Er selbst sagte, er habe eine solche Mission für zu riskant gehalten.Geschwächt ist das Regime in Teheran vor allem wirtschaftlich. So zerstörte Israel Teile der Stahl- und petrochemischen Industrie, die zu den wichtigsten Devisenbringern gehört. Schon vor dem Krieg hatte die hohe Inflation dazu beigetragen, dass es zu den größten Massenprotesten seit 2009 kam. Seither hat sich die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung noch einmal dramatisch verschlechtert.Das Regime strickt an einem SiegermythosDas Regime fühlt sich dennoch gestärkt, weil eine neue Generation von Offizieren der Revolutionsgarde jetzt ihren eigenen Siegermythos stricken kann. Er stützt sich darauf, einem Umsturzversuch durch die mächtigste Streitmacht der Welt getrotzt zu haben. Auch außenpolitisch können diese Offiziere darauf verweisen, dass sie mehr dazu beigetragen haben, das Vertrauen der Golfstaaten in Amerika zu erschüttern, als das die Gründergeneration der Revolution vermochte.Das Regime in Teheran kann bei seinem Vorgehen nicht nur Trumps innenpolitische Zwänge mit ins Kalkül nehmen, sondern auch dessen Disziplinlosigkeit. Auch in den Ukrainevermittlungen und in der Gazafrage hat er bewiesen, schnell das Interesse an der Lösung komplizierter Konflikte zu verlieren. Im Gazastreifen kommt man mit der Umsetzung der Waffenstillstandserklärung nicht voran. Erwartungsgemäß erweist sich die Entwaffnung der Hamas als Hürde. Folglich liegt Trumps „Board of Peace“ gerade auf Eis. Der Präsident spricht kaum noch darüber. Sollten die Atomverhandlungen nach diesem Muster verlaufen, stünde Trump, der es sich durch den Krieg mit Teilen seiner MAGA-Bewegung verscherzt hat, nackt da.
Vereinbarung mit Iran: Was Trump mit seinem Krieg erreicht hat – und was nicht
Nach zweimonatigem Ringen haben Iran und die USA eine Einigung zur Öffnung der Straße von Hormus erreicht. Teheran kann sich als Sieger inszenieren.
Trump und Iran unterzeichnen Freitag ein Abkommen zur Wiedereröffnung der Hormus-Straße in 30 Tagen, USA heben Hafenblockaden auf. Ohne Begrenzung des Raketenprogramms und mit 70% intaktem Rüstungsbestand entstehen Risiken für supply chains und Energiepreise.











