GastkommentarGerald EhegartnerDass die Grammatik der deutschen Sprache die Frauen diskriminiere, ist ein Mythos, den die Linguistin Luise Pusch in die Welt gesetzt hat. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Gendern erweist sich als unwissenschaftlich sowie als ideologie- und ressentimentgetrieben.15.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZ1984 erschien im Suhrkamp-Verlag das Grundlagenwerk der feministischen Linguistik: «Das Deutsche als Männersprache». Die Autorin Luise F. Pusch surfte mit diesem Buch auf der zweiten Feminismuswelle direkt in das Gefüge der deutschen Grammatik.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser attestierte sie, ein Abbild des vorherrschenden Patriarchats zu sein, und erkor dabei insbesondere das generische Maskulinum zu ihrem Hauptfeind. Dieses mache auf sexistische Weise Frauen unsichtbarer als jede Burka. Zusätzlich sei in der Grammatik das Weibliche als Ableitung und Abweichung von der männlichen Norm markiert, wie durch das Suffix -in. Mit diesen Thesen, die Pusch salonfähig machte, begann die Politisierung der deutschen Grammatik – und mit ihr der Ruf nach einem kollektiven Umbau derselben. Das Gendern war geboren.«Die» als EinheitsformUnd dies bedeutete von Anbeginn nichts anderes, als das sogenannte generische Maskulinum zu umfahren und, wenn möglich, gleich auch umzufahren – ob mit Beidnennungen, Sonderzeichen, geschlechtsneutralen Formulierungen oder einem künstlich-generischen Femininum.Nur, ist der wirkmächtige Befund der Linguistin Pusch auch ein korrekter, ist ihre Muttersprache tatsächlich eine Männersprache?Wer hätte je den Satz «Morgen ist für alle Schüler unterrichtsfrei» missverstanden?Beginnen wir mit der Analyse der drei grammatischen Geschlechter der deutschen Sprache. Hier zeigt sich laut dem Duden, dass 46 Prozent aller Substantive auf das Femininum, 34 Prozent auf das Maskulinum und 20 Prozent auf das Neutrum entfallen.Analog zum heutigen Isländisch wies das Althochdeutsche im Artikelplural noch eine Unterscheidung nach grammatischen Geschlechtern (Genera) auf. Im Laufe der Sprachentwicklung setzte sich jedoch der weibliche Artikel «die» als Einheitsform für den gesamten Plural durch. Entsprechend verhält es sich mit dem Pronomen «sie», das neben dem femininen Singular auch für alle Pluralformen der dritten Person und zusätzlich als Höflichkeitsform verwendet wird. Für diese Entwicklung mag die Intuition der Sprachträger Regie geführt haben, da das feminine Genus ursprünglich für die Benennung von Kollektiva (und Abstrakta) geboren worden war, es mag aber einfach auch bloss der phonologische Zufall die Mutter dieses Sprachwandels gewesen sein.Nach dem kurzen Ausflug zum vielleicht überraschenden femininen Überhang bleibt jedoch die Frage offen: Werden Frauen mit dem generischen Maskulinum wirklich sprachlich unsichtbar gemacht? Sind mit dem Begriff «Bürger» tatsächlich nur Männer oder doch alle Einwohner angesprochen? Und sollte Letzteres zutreffen – sind dann Frauen lediglich mitgemeint?Nur, ist eine Sprache überhaupt verpflichtet, in ihrer Grammatik kollektiv alle Geschlechter durchgehend abzubilden? Oder reicht es, mit dem generischen Maskulinum geschlechtsabstrahierend zu formulieren, da die Geschlechternennung für einen Grossteil der Aussagen schlichtweg unwesentlich ist?Das generische Maskulinum kann im Deutschen bis zu den ersten schriftlichen Aufzeichnungen im Althochdeutschen zurückverfolgt werden, seine Herkunft findet sich im allerersten Genus der protoindogermanischen Sprache, welches keinen Bezug zum Sexus hatte. Generell entstand das dreiteilige Genussystem nicht als biologisches Ordnungssystem. Erst die nachträgliche Abwanderung femininer Personenbezeichnungen in das dritte und jüngste grammatische Geschlecht (heute Femininum genannt) führte zu einer Doppelrolle des grammatischen Maskulinums und zugleich zur Spezifizierung des grammatischen Femininums. Diese strukturelle Asymmetrie ist bis in die Gegenwart typisch für die deutsche Sprache.Manipulative VorgehensweiseLuise Pusch war und ist es aber daran gelegen, für ihre Ideologie dem janusköpfigen Maskulinum sein für die Sprache essenzielles generisches Haupt mit einer zweifelhaft manipulativen Vorgehensweise abzuschlagen.Bereits 1984 formulierte sie: «Wenn wir Frauen auf dem Femininum bestehen, machen wir damit das Maskulinum geschlechtsspezifisch: In Ausdrücken wie Kolleginnen und Kollegen ist Kollege geschlechtsspezifisch, bezieht sich nur auf Männer. Wenn maskuline Bezeichnungen sich nur auf Männer beziehen können, sind sie per definitionem nur noch geschlechtsspezifisch und nicht mehr auch geschlechtsneutral, wie bisher über sie behauptet wird. Sie bekommen damit den gleichen Status wie die weiblichen Bezeichnungen, die auch nicht neutral für das andere, männliche Geschlecht stehen können.»Die Grammatik-Koryphäe Peter Eisenberg kommentierte hierzu aus sprachwissenschaftlicher Sicht: «Bei der üblichen Verwendung von Paarformen dominiert also keineswegs paternalistische Grosszügigkeit, sondern es geht auch hier ganz entschieden um den Kampf gegen maskuline Personenbezeichnungen.»Mit der bewussten Einführung der Doppelnennungen als einer Art sprachlicher Doppelagenten anstelle des generischen Maskulinums begann jedoch nicht nur das Gendern, sondern zugleich auch die leise und von den meisten unbemerkte Erosion der generischen Bedeutung von etwa 12 500 deutschen Oberbegriffen. Doch gerade die geschlechtsneutralen Oberbegriffe adressieren als Generika den Menschen an sich. Sie haben kein Interesse am biologischen und sozialen Geschlecht, auch wenn sie im Deutschen am grammatischen Geschlecht nicht vorbeikommen (können).Pusch negierte mit ihrem Vorgehen nicht nur die bahnbrechende und längst etablierte Erkenntnis der sogenannten Junggrammatiker zur Entstehung der Genera und deren Unabhängigkeit vom Sexus, sie ignorierte ebenso die allgemein anerkannte Markiertheitstheorie von Roman Jakobson. Die unmarkierte Form ist in der Sprache die allgemeinere, einfachere und häufigere Form. Sie ist neutral und kann oft die gesamte Kategorie repräsentieren. Von ihr als Grundform wird die markierte Form abgeleitet.Zu den unmarkierten Formen gehören unter anderem Singular, Nominativ, Präsens und das geschlechtsneutrale Maskulinum. Von Letztgenanntem wird das Femininum abgeleitet – und zwar hauptsächlich mit dem Suffix -in. Die Frau wird somit vom Menschen im Allgemeinen und nicht vom Mann im Spezifischen abgeleitet.Aufgrund dessen wird die Frau zweifach adressiert: erstens wie alle Geschlechter mit dem unmarkierten, geschlechtsneutralen Maskulinum und zweitens mit dem markierten, spezifizierten Femininum. Frauen können dadurch in der deutschen Sprache deutlich einfacher sichtbar gemacht werden als Männer.Luise Pusch plädiert hingegen für eine «totale Feminisierung». Im Gegensatz zur etablierten Sprachwissenschaft erklärt sie: «Das schöne lange Femininum ist die Grundform, das kurze, quasi abgehakte Maskulinum ist die Schwundform, auch Schrumpf-, reduzierte oder Kümmerform genannt.» Sie zitiert dabei auch Feministinnen, die meinen, «das Femininum sei ‹echt zu schade›, «um damit ‹Schwanzträger› zu bezeichnen». An anderer Stelle schreibt sie über Männer: «Sie sind halt da, und das ist schlimm genug.»In ihrer polemisch-ironischen Wortwahl offenbart sich durchaus ein gerüttelt Mass an Misandrie und Revanchismus.Die Sprachgemeinschaft kann indes sehr wohl die Bedeutung des generischen Maskulinums erfassen, sonst hätte sie von selbst ein Mittel gefunden, um bei wiederkehrenden Missverständnissen abzuhelfen.In all den Jahren als Lehrer habe ich nicht ein einziges Mal erlebt, dass meine Schüler den Satz «Morgen ist für alle Schüler schulfrei» missverstanden hätten. Noch nie sind die Mädchen der Klasse am nächsten Tag zum Unterricht erschienen.Moralisierende Spielverderber«Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache», formulierte Ludwig Wittgenstein in seinen «Philosophischen Untersuchungen», die wohl auch von seiner Zeit als Lehrer inspiriert waren. Generische Begriffe sind somit Teil des von Wittgenstein beschriebenen Sprachspiels, welches bestimmte Regeln umfasst und in die jeweilige gemeinsame Lebensform eingebettet ist. Sprecher unterliegen innerhalb dieses Spiels im Alltag üblicherweise keiner grammatischen Täuschung.Verfechter einer vermeintlich geschlechtergerechten Sprache können in diesem Zusammenhang als moralisierende Spielverderber verstanden werden, die selbstermächtigt und ohne demokratische Legitimation erstmalig in der Sprachgeschichte «von oben» in die Struktur der deutschen Sprache eingreifen – und zwar flächendeckend im Bereich der Genera.In diesem Zusammenhang bleibt gerne unerwähnt, dass die deutsche Sprache auch Generika mit neutralem und femininem Genus, hauptsächlich in Form von Epikoina, zur Verfügung stellt.Auffallend oft sind «epikoine» Oberbegriffe für herausragende Menschen feminin wie Autorität, Hoheit, Majestät, Macht, Seele, Kraft, Eminenz, Exzellenz, Erscheinung, Kultfigur, Ikone, Elite, Intelligenz, Lichtgestalt, Heiligkeit, Legende, Durchlaucht, Instanz, Koryphäe, Kapazität, Persönlichkeit.Deutsch stellt sich somit sehr wohl als frauenfreundliche Sprache dar, die sich im Gegensatz zu den germanischen Geschwistersprachen auch die explizite und sehr einfache Femininmarkierung mittels des Suffixes -in bewahrt hat. Die entsprechenden Äquivalente im Englischen, im Niederländischen und in den meisten kontinentalskandinavischen Sprachen wurden hingegen weitgehend ausgeschliffen, durch genderneutrale Bezeichnungen ersetzt oder sind schlicht unproduktiv geworden. In gewisser Weise sind diese Sprachen somit aber auch gegen eine Geschlechtsmanie gefeit, die den deutschsprachigen Sprachraum mit ganzer Wucht erfasst hat.Keinesfalls jedoch spiegelt die Grammatik einer Sprache die gesellschaftliche Stellung der Frau wider. Das nordgermanische Isländisch besitzt ein generisches Maskulinum sowie ein dreiteiliges Genussystem sogar im Plural, die Familiennamen der Kinder werden traditionell vom Vornamen des Vaters abgeleitet. Dennoch gilt die isländische Gesellschaft von jeher als eine der weltweit fortschrittlichsten in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit.Im weltweiten Sprachvergleich zeigt sich zudem, dass jenes Genus, das als generische Form bzw. Defaultform fungiert, keineswegs automatisch das prestigeträchtigere darstellt (patriarchale Sprachräume mit generischem Femininum).Was es braucht, ist ein neues Verständnis und eine Rehabilitierung des sogenannten generischen Maskulinums. Seine ideologisch motivierte Zerstörung macht die deutsche Sprache unnötig kompliziert und unästhetisch. Sie lässt das Deutsche nicht nur als Kultur- und Wissenschaftssprache an Boden verlieren – diese mutwillige Destruktion erschwert auch den Zugang für jene, die diese beeindruckende Sprache erlernen möchten.Unterliegen wir keiner grammatischen Täuschung – de facto gibt es kein linguistisches Patriarchat. Deutsch ist eine Sprache, die den Frauen sehr wohl Gerechtigkeit widerfahren lässt.Gerald Ehegartner ist Deutschlehrer und Autor des Buches «Ausgegendert – eine investigative Reise zu den Quellen der deutschen Sprache».Passend zum Artikel
Wider die Legende von der Männersprache – Deutsch ist frauenfreundlich
Dass die Grammatik der deutschen Sprache die Frauen diskriminiere, ist ein Mythos, den die Linguistin Luise Pusch in die Welt gesetzt hat. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Gendern erweist sich als unwissenschaftlich sowie als ideologie- und ressentimentgetrieben.








