Der syrische Präsident will den Sozialismus auf den Weizenfeldern beenden. Doch die Landwirte ächzen unter seiner wirtschaftsliberalen Schocktherapie. Ihr Protest könnte das fragile Land auseinanderreissen. Ein Besuch.15.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEigentlich hat Turki al-Mahmud allen Grund, zufrieden zu sein. In diesem Jahr ist viel Regen gefallen, die Ernte des Roggen- und Weizenbauers im kleinen Dorf Mazlum ist überdurchschnittlich. «Aber mit dem jetzigen Einkaufspreis der Regierung verliere ich sogar Geld», sagt der 40-Jährige aus dem fernen Osten Syriens. Seine Felder schimmern goldgelb in der Morgensonne, ein Mähdrescher trennt mit lautem Brummen die Spreu vom Weizen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Syriens neue Regierung unter Ahmed al-Sharaa hat nicht nur die jahrzehntelange Repression des Asad-Regimes beendet. Der syrische Präsident will auch wirtschaftspolitisch ein neues Kapitel aufschlagen: Sharaa beerdigt gerade den syrischen Staatssozialismus im Eiltempo. Schon wenige Monate nach der Machtübernahme hatte die neue Regierung Subventionen für Treibstoff, Düngemittel und die Wasserversorgung weitgehend gestrichen.Der Nordosten gilt als Kornkammer Syriens: ein Weizenfeld in Mazlum nahe dem Euphrat.Viele der Bauern arbeiten noch mit altem Gerät wie diesem Mähdrescher – für Investitionen fehlt ihnen das Geld.Von einem Tag auf den anderen schnellten die Produktionskosten in die Höhe. Mitte Mai setzte die Regierung in Damaskus den staatlichen Einkaufspreis für eine Tonne Weizen ungefähr auf Vorjahresniveau an – bei umgerechnet rund 330 Dollar. Daraufhin gingen die Bauern in den fruchtbaren Gebieten am Euphrat auf die Strasse. Ahmed al-Sharaa nahm den Volkszorn ernst und unterschrieb wenige Tage darauf ein Dekret, mit dem er den Weizenpreis auf 420 Dollar pro Tonne erhöhte.«Das ist immer noch nicht genug», sagt der Bauer Turki al-Mahmud. «Der Preis müsste bei mindestens 600 Dollar liegen, damit wir immerhin einen kleinen Profit machen.» Für die Bauern sind Sharaas Wirtschaftsreformen eine existenzielle Bedrohung – und damit auch eine Herausforderung für das ganze Land, in dem Fladenbrot aus Weizenmehl das wichtigste Lebensmittel ist. Ohne Brot droht Syrien eine politische Krise.Der Bauer Turki al-Mahmud ist wütend: Der staatliche Einkaufspreis für seinen Weizen liege unter seinen Produktionskosten.Turki al-Mahmud hat sich bereits entschieden: «Wenn die Lage so bleibt, wie sie ist, werde ich im nächsten Jahr den Beruf wechseln und nichts mehr anbauen.» Der Bauer wird neben seinem Feld von einem halben Dutzend weiterer Landwirte umringt. Sie nicken stumm.Die Auswirkungen des Iran-Kriegs haben Syrien zum ungünstigsten Zeitpunkt getroffen. Wie überall auf der Welt sind die Energiepreise auch in dem weitgehend zerstörten Land in die Höhe geschossen. Gleichzeitig bleiben nun die grossen Investitionen der arabischen Golfländer aus: Die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar oder Saudiarabien haben wegen des Krieges mit eigenen Problemen zu kämpfen.Gerade in der syrischen Peripherie im Osten des Landes wächst daher die Ungeduld. Mazlum liegt nur wenige Kilometer von der Stadt Deir al-Zur entfernt, wo sich das syrische Regime und der sogenannte Islamische Staat während des Bürgerkriegs brutale Kämpfe geliefert hatten.Die gesamte Stadt sieht aus wie Dresden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Von den meisten Häusern sind nur noch ausgebombte Ruinen übrig, der Schutt wurde mancherorts immer noch nicht weggeräumt. Bis auf die Landwirtschaft gibt es in Deir al-Zur kaum Arbeitsplätze. Als die neuen Weizenpreise veröffentlicht wurden, zogen einige wütende Landwirte sogar zum regionalen Hauptquartier der Sicherheitsbehörde und prügelten sich mit den Beamten.Brot aus Weizenmehl ist das wichtigste Nahrungsmittel in Syrien: Ein Mann in der syrischen Stadt Rakka sortiert auf dem Heck seines Fahrzeugs Brotfladen.Die Stadt Deir al-Zur ist weitgehend zerstört: Hier hatten sich der sogenannte Islamische Staat und das syrische Regime erbitterte Kämpfe geliefert.Das schwere Erbe des StaatssozialismusMehr als fünfzig Jahre lang lebten die Syrer unter der Knute des Asad-Clans. Vor allem unter Hafez al-Asad, dem Vater des gestürzten Diktators Bashar, wurde ein strenger Staatssozialismus nach Vorbild des Ostblocks kultiviert. Über die Jahre wurde daraus ein Mafia-System, in dem die Asads und ihre Günstlinge einen Grossteil der Industrie kontrollierten.Doch für die Landwirte war in dieser Zeit nicht alles schlecht. Hafez al-Asad nannte sich selbst den «ersten Bauern» und subventionierte die Landwirtschaft massiv. Vor dem Krieg trug der Sektor rund ein Drittel zum syrischen Bruttoinlandprodukt bei. Heute sind es laut dem Landwirtschaftsministerium wegen der Zerstörung von Anbauflächen nur noch rund 12 Prozent. Im regionalen Vergleich ist das immer noch ein hoher Wert.Ein junger Bauer in Mazlum: Wegen einer guten Ernte können die Landwirte viel Weizen verkaufen, doch finanziell kommen sie trotzdem kaum über die Runden.Korn aus Syriens Nordosten: In den fruchtbaren Gebieten am Euphrat wächst viel Getreide.Neben dem Bauern Turki al-Mahmud steht ein weiterer Landwirt. Der Mann ist in eine braune Galabiya gekleidet, das knöchellange, traditionelle arabische Gewand. Er wolle ehrlich sein, sagt der ältere Herr. Unter Hafez al-Asad sei die Situation für die Bauern sehr viel besser gewesen als heute. Namentlich zitiert werden möchte der Mann nicht.«In Syrien haben wir eine tief sozialistische Kultur – und es ist schwierig, das zu ändern», sagt Ammar Kahf, der Leiter der Denkfabrik Omran mit Sitz in Damaskus. «Das ehemalige Regime hat eine Traumwelt aufgebaut: Die Preise wurden reguliert, bis der Staat quasi bankrott war.» Viele Syrerinnen und Syrer hätten allerdings die Erwartungshaltung bewahrt, meint Kahf. «Für sie muss eine gute Regierung die Preise stabil halten. Aber wie soll das funktionieren, wenn die Kassen leer sind?»Obwohl er grundsätzlich eine Liberalisierung der syrischen Wirtschaft für notwendig hält, hinterfragt Kahf das Vorgehen der neuen Machthaber. «Die Regierung sagt zwar immer wieder, dass sie einen kleinen Staat und eine liberale Wirtschaft wolle – aber es gibt keinen ausformulierten Plan, wie dieser Wandel vonstattengehen soll.»Zudem habe die Regierung auch unrealistische Erwartungen genährt, sagt der Islamwissenschafter. «Nach dem Sturz Asads gingen alle davon aus, dass jetzt goldene Zeiten anbrechen», sagt Kahf. Ahmed al-Sharaa und seine Minister haben diesem Narrativ nicht widersprochen. «Aber es war abzusehen, dass sich die Preise für Brot verdoppeln oder sogar verdreifachen würden – denn davor waren sie einfach illusorisch.»Ein Mädchen wartet vor einer staatlichen Bäckerei in der syrischen Stadt Rakka, um Brot zu kaufen.Die Preise für Brot sind in die Höhe geschnellt, seit die neue Regierung die Macht übernommen hat.Die Syrer haben ihre Würde wiedererlangtDie Bauern in Mazlum interessieren sich kaum für diese akademischen Debatten. Es ist Abend geworden, die letzten Sonnenstrahlen brechen sich im Staub der Mähdrescher und tauchen die Felder in ein rötliches Licht. Aus der Ferne beobachtet Turki al-Karim seine goldenen Halme und zählt die Perlen seiner Gebetskette. Seit acht Jahren ist der 63-Jährige Vorsitzender des lokalen Bauernverbands. Auch Karim versteht die Entscheidungen von Ahmed al-Sharaa nicht.«Als die neue Regierung an die Macht kam, wurden der Strom und das Benzin auf einmal viel zu teuer», beklagt sich der Bauernfunktionär. Dennoch hat Ahmed al-Sharaa sein politisches Kapital bei den Bauern in Mazlum noch nicht verspielt.Während Turki al-Karim die meisten Minister und regionalen Politiker nicht ausstehen kann, bleibt Syriens neuer Machthaber für ihn eine Lichtgestalt: «Der Präsident hat eine Vision, und wir vertrauen ihm», sagt Karim. «Sharaa hat unsere Forderungen gehört und den Preis erhöht.» Der Weizenpreis sei zwar immer noch nicht hoch genug, doch es sei ein richtiges Signal des Präsidenten gewesen.Turki al-Karim ist seit acht Jahren Vorsitzender des lokalen Bauernverbands: Er kritisiert zwar die Regierung, bleibt aber ein Anhänger Sharaas.Für die Bauern und für alle Syrerinnen und Syrer ist das etwas Neues: Sie können ihren Unmut kundtun – und statt dass der Staat darauf mit Bombardierungen und Erschiessungen antwortet, folgen politische Veränderungen. Viele Menschen in Mazlum und Deir al-Zur klagen zwar über die miserable Wirtschaftslage, danken der Regierung aber für die neue Meinungsfreiheit. Ahmed al-Sharaa habe ihnen ihre Würde wiedergegeben, heisst es immer wieder von den Bewohnern des syrischen Nordostens.Doch sollte Syriens Präsident die Wirtschaft nicht bald in den Griff bekommen, droht dem Land mehr als nur ein paar lokale Bauernproteste. Turki al-Karim erhebt den Zeigefinger. «Wir werden diese Ernte zu Ende bringen», sagt der Bauernfunktionär. «Aber wenn sich an der Situation danach nichts ändert, werden wir streiken.»Ein zerstörtes Wandporträt des früheren syrischen Diktators Bashar al-Asad: Die grosse Mehrheit der Syrer ist froh, dass Asad weg ist – doch einige trauern seiner dirigistischen Wirtschaftspolitik nach.Ein Markt in Deir al-Zur: Alle Dinge des täglichen Bedarfs haben sich in Syrien seit Sharaas Machtübernahme verteuert.2 KommentareEster Mottini 16.06.20261 EmpfehlungBin ja gespannt, wie lange die Meinungsfreiheit in Syrien bestehen wird. Dafür, dass al-Sharaa nur ein 'Übergangspeäsident' sein wollte, ist er mit 1 1/2 Jahren jedenfalls bereits ziemlich lange an der Macht...Vincent Kraeutler 15.06.20263 Empfehlungen330 USD pro Tonne sind natuerlich immer noch eine massive Subvention vis-a-vis globalen Marktpreisen von ca. 220 USD pro Tonne.
Warum protestieren die syrischen Bauern gegen die neue Regierung?
Der syrische Präsident will den Sozialismus auf den Weizenfeldern beenden. Doch die Landwirte ächzen unter seiner wirtschaftsliberalen Schocktherapie. Ihr Protest könnte das fragile Land auseinanderreissen. Ein Besuch.







