Kap Verde nimmt zum ersten Mal an einer Fussball-WM teil – und hofft auf einen Effekt für Tourismus und InvestitionenDer kleine Inselstaat hatte schon Anteil am EM-Erfolg Portugals 2016. Nun will die frühere Kolonie selber glänzen. Ein Besuch in der Hauptstadt Praia – beim Fussballverband und in einem Bildungszentrum, das arbeitslosen Jungen eine Perspektive bieten soll.Ronny Blaschke, Praia15.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAm Strand von Praia, der Hauptstadt Kap Verdes. Viele junge Spieler träumen davon, dank dem Fussball von den Inseln wegzukommen.Misper Apawu / APIn Praia, der Hauptstadt von Kap Verde, geht es gemächlich zu. Auf den Strassen gibt es kaum Verkehr. In den Cafés der Altstadt findet man immer einen Platz. Doch in der Geschäftsstelle des Fussballverbandes kann von Gemächlichkeit keine Rede sein. Auf dem Schreibtisch von Mário Semedo stapeln sich Akten, Broschüren, Bücher. Dahinter steht ein Rollkoffer, als befände sich Semedo gerade auf dem Sprung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Wir haben so viel Arbeit wie nie zuvor», sagt Semedo, der seit 1999 Präsident des Fussballverbandes von Kap Verde ist. «Aber es ist eine schöne Arbeit. Unser Verband hat eine historische Chance.» Kap Verde, eine Inselgruppe im Atlantischen Ozean mit 500 000 Einwohnern, liegt geografisch im Abseits, stösst aber nun auf die Weltkarte vor. Zum ersten Mal nimmt Kap Verde an der Fussball-WM teil.Im Büro von Mário Semedo sind auf einer Collage zwei historische Persönlichkeiten abgebildet: Nelson Mandela und Amílcar Cabral, eine prägende Figur in der Unabhängigkeitsbewegung von Kap Verde aus den 1960er Jahren. Neben dem Fussballverband liegt das Estádio da Várzea, ein kleines Stadion mit Betontribünen. Hier wurde am 5. Juli 1975 zum ersten Mal die Flagge von Kap Verde gehisst, anlässlich der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal. «Unser Land hat sich gut entwickelt», sagt Semedo. «Aber jetzt können wir in eine neue Dimension vorstossen.»Die Hauptstadt von Kap Verde, Praia, und seine Windturbinen.Misper Apawu / AP1975 wurde die Flagge von Kap Verde zum ersten Mal gehisst. Damals erlangte es die Unabhängigkeit von Portugal.Misper Apawu / APDer Fussballverband von Kap Verde hat zwanzig Mitarbeitende. Für Auswärtsspiele auf dem afrikanischen Kontinent gibt es kaum direkte Flugverbindungen, daher fliessen 70 Prozent des Etats in Reisekosten. Als WM-Teilnehmer erhält der Verband von der Fifa nun 12,5 Millionen Dollar. Ein grosser Teil fliesst in die Turnierkosten: in Hotels, Flüge, Ausstattung. Doch Mário Semedo möchte auch in die Zukunft investieren, in Trainingskurse und Talentschulen. Dennoch sind die sportlichen Strukturen auf den Inseln selbst nicht wettbewerbsfähig. Noch nicht.Die Nationalspieler sind meist Nachkommen von AuswanderernRund eine Million Menschen kap-verdischer Herkunft leben in der Diaspora. Fast alle Nationalspieler von Kap Verde sind Kinder oder Enkelkinder von Auswanderern. Sie sind mit ihren Klubs nahezu auf allen Kontinenten aktiv. Logan Costa spielt für Villarreal in Spanien, Steven Moreira für Columbus Crew in den USA, Ryan Mendes für Igdir in der Türkei. Andere spielen in Zypern, Saudiarabien oder Russland.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnieren«Der Fussballverband sucht mit Scouts auf der ganzen Welt nach Spielern mit kap-verdischen Wurzeln», sagt der Journalist Victor Hugo Fortes, der für den nationalen Fernsehsender von Kap Verde die Länderspiele kommentiert. «Inzwischen bringen Familien ihre Söhne beim Verband auch selbst ins Gespräch.»Die Ursprünge dieses Systems reichen bis an den Anfang des Jahrtausends zurück. Der Stürmer Lito, geboren in Kap Verde, aber sozialisiert in Portugal, entschied sich 2002 als einer der ersten Topspieler überhaupt für das Nationalteam von Kap Verde. Schritt für Schritt dehnte der Verband sein Netzwerk aus, vor allem auf Frankreich und die Niederlande, wo jeweils rund 25 000 Menschen kap-verdischer Herkunft leben.Lito (Zweiter von links) ist in Portugal aufgewachsen, entschied sich 2002 aber für das Nationalteam Kap Verdes. Hier duelliert er sich mit Portugals Cristiano Ronaldo während eines Freundschaftsspiels vor der WM 2010.Paulo Novais / EPAFussballplatz mit Aussicht: eine Trainingsszene aus der Stadt Ponta do Sol auf der zweitgrössten kap-verdischen Insel Santo Antão.Simon Robinson / ReutersDoch manchmal gab es Hürden. 2019 wandte sich der damalige Nationaltrainer von Kap Verde, Rui Águas, über soziale Netzwerke an den Spieler Roberto Lopes, genannt Pico, der in Irland aufgewachsen ist. Pico, dessen Vater aus Kap Verde stammt, nahm die Nachricht nicht ernst. Monate später versuchte es der Trainer erneut. Inzwischen gehört Pico zu den wichtigsten Spielern der Mannschaft.Als Nationaltrainer bemüht sich seit 2020 Pedro Leitão Brito, bekannt als Bubista, um eine gemeinsame Identität. Er macht sich dafür stark, dass alle Spieler die kreolische Sprache erlernen, eine Mischform von portugiesischen und westafrikanischen Elementen. «In Kap Verde gilt Kreol als Symbol der kulturellen Eigenständigkeit», sagt Victor Hugo Fortes. «Der Trainer glaubt, dass die Spieler sich damit in die Geschichte ihrer Vorfahren hineinversetzen können.»Trotzdem sind die kap-verdischen Inseln, die ab dem 15. Jahrhundert von portugiesischen Seefahrern besetzt und lange als Zwischenstation für Sklaven genutzt wurden, noch heute mit der früheren Kolonialmacht verbunden. In Gesetzgebung, Handel und Bildung orientiert sich Kap Verde an Portugal. Auch im Fussball.Es waren portugiesische Händler, die das Spiel in den 1910er Jahren auf den Inseln einführten. In ihren ersten Fussballvereinen durften schwarze Menschen, die Nachfahren von Sklaven, zunächst nicht mitspielen. Als es ihnen einige Jahrzehnte später dann doch gestattet war, wurden sie von Kolonialbeamten überwacht, aus Angst vor einem organisierten Widerstand.Ab den 1940er Jahren schickte das portugiesische Regime die Fussballklubs aus Lissabon auf «Pilgerreisen» in die Kolonien, auch nach Kap Verde. «Diese Besuche sollten das Herrschaftssystem weniger streng erscheinen lassen», sagt der Sozialwissenschafter Nuno Domingos von der Universität Lissabon. Insbesondere Benfica Lissabon holte talentierte Spieler aus den Kolonien nach Lissabon. «Die Menschen in Afrika sollten den Eindruck gewinnen, dass auch sie es zu Wohlstand bringen können», sagt Domingos. «Dafür mussten sie sich aber unterordnen und ihre Traditionen aufgeben.»Die Arbeitslosenquote bei Jungen liegt bei 25 ProzentAls Portugal Kap Verde 1975 in die Unabhängigkeit entliess, lebten 75 Prozent der Menschen auf den Inseln in Armut. In den folgenden Jahren wanderten Zehntausende Menschen nach Portugal aus, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Folgen waren auch im Fussball spürbar. 2016 gewann Portugal die Europameisterschaft. 7 der 23 Spieler hatten Wurzeln in früheren Kolonien, 4 von ihnen in Kap Verde.Nach dem EM-Sieg strömten auch in den früheren Kolonien Tausende auf die Strassen, viele von ihnen trugen das portugiesische Nationaltrikot. Solche Jubelbilder verleiteten Politiker aus dem rechten Lager in Portugal zu der Aussage, dass die Kolonialzeit gar nicht so schlimm gewesen sein könne. Und sie warnten in diesem Zusammenhang vor einer «weiteren Überfremdung» Portugals.Können nun endlich ihr eigenes Team an einem Turnier anfeuern: Fans von Kap Verde 2026 an einem Freundschaftsspiel gegen Serbien.Miguel A. Lopes / EPAPolizisten in der Hauptstadt Praia. Da Kap Verde als Knotenpunkt für den Kokainschmuggel gilt, gibt es Probleme mit Gangs, die vom Drogenhandel profitieren.Misper Apawu / APTrotzdem gilt Portugal für viele Menschen in Kap Verde als das grosse Ziel. Auf den Inseln gibt es kaum Industrie, die Arbeitslosenquote bei jungen Erwachsenen liegt bei 25 Prozent. «Viele junge Leute, die es nicht raus schaffen, fühlen sich als Verlierer», sagt der Sozialarbeiter Florian Wegenstein. «Mit Fussball können sie eine positive Geschichte schreiben.»Seit 25 Jahren betreibt der Österreicher Wegenstein in der kap-verdischen Kleinstadt Tarrafal ein Bildungszentrum: Delta Cultura. Von Jahr zu Jahr wuchs das Angebot. Nachhilfe, Informatikkurse, Fortbildungen für Schneiderinnen. Besonders beliebt ist das Fussballtraining. Zwischen den Spielen könnten die Jungen und Mädchen mit einer Psychologin ins Gespräch kommen, sagt Wegenstein: «Viele der Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert.»Was sind die Ursachen? Kap Verde gilt im internationalen Drogenschmuggel als Knotenpunkt. Auf der Transitroute von Kolumbien nach Europa wird Kokain auf den Inseln zwischengelagert. Ein Teil verbleibt als Prämien für Gangs in Kap Verde. Die Folgen in der Hauptstadt Praia: Gewalt, Raubüberfälle, Revierkämpfe. «Dem müssen wir etwas entgegensetzen», sagt Florian Wegenstein.Zum Beispiel mit Fussball. Die Nationalmannschaft könnte nun bei der WM eine Aufmerksamkeit erzeugen, die mehr Touristen und Investoren auf die Inseln lockt. Oder wie es Mário Semedo, der Präsident des Fussballverbandes, formuliert: «Die WM ist das perfekte Nation-Branding.»Kap Verdes Benchimol bejubelt das 3:0 in einem Freundschaftsspiel gegen Serbien im Frühling 2026.Miguel A. Lopes / EPAPassend zum Artikel
Fussball-WM: Kap Verde träumt vom grossen Sprung in Tourismus und Wirtschaft
Der kleine Inselstaat hatte schon Anteil am EM-Erfolg Portugals 2016. Nun will die frühere Kolonie selber glänzen. Ein Besuch in der Hauptstadt Praia – beim Fussballverband und in einem Bildungszentrum, das arbeitslosen Jungen eine Perspektive bieten soll.
Capo Verde nimmt erstmals an der WM teil und erhält 12,5 Mio. Dollar; 90% der Spieler kommen aus der weltweiten Diaspora. Die Talentmobilisierung über globale Netzwerke ist für Tech-Unternehmen relevant: effiziente Team-Skalierung mit kleinem Budget.














