Frauenstreik: Tausende demonstrieren für Gleichberechtigung – und feiern nebenbei das 10-Millionen-NeinIn Zürich und anderen Städten haben am Sonntag Demonstrationen im Namen des Feminismus stattgefunden.14.06.2026, 19.31 Uhr4 LeseminutenFixpunkt im linksprogressiven Protestkalender: Zahlreiche demonstrieren am Feministischen Streik am Sonntag.Alexandra Wey / KeystoneEs ist früher Abend an der Zürcher Langstrasse. Vor einen bekannten Milieu-Lokal sitzen ältere Herren und lassen sich bedienen. Der Betreiber, ein Mann mit Glatze, scheucht seine Kellnerinnen herum. Doch etwas ist anders an diesem Sonntag. Es lässt den Mann in den Eingang zurückweichen und die Kellnerinnen stillstehen. Die alten Männer zücken ihre Smartphones und beginnen zu filmen. Was das denn sei, fragt einer und zeigt auf die Langstrasse, wo hinter einem Polizeiauto gerade eine nicht enden wollende Prozession an violett gekleideten Frauen herannaht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Pfiffe, Jubel, ein Madonna-Lied: Es ist die diesjährige Frauenstreik-Demonstration, die hier unterwegs ist. 1991 etabliert und seit 2019 jährlich durchgeführt ist der Anlass – der offiziell «feministischer Streik» heisst – mittlerweile zum Fixpunkt im linksprogressiven Protestkalender geworden. Auch in anderen Städten wie Bern, Basel und Luzern finden Umzüge statt. Die Teilnehmerinnenzahlen sind jeweils landesweit klar über Zehntausend. Die Veranstalterinnen wollen gar die Hunderttausender-Marke schon geknackt haben. Klar ist: Der Frauenstreik ist die grösste Kundgebung für Frauenrechte im Land.Demonstrierende am 14. Juni 2026 auf dem Bundesplatz in Bern.lessandro della Valle / KeystoneMit Schirmen, Caps und Tüchern schützen sich Demonstrantinnen in Bern vor der Sonne.Alessandro della Valle / KeystoneAls die Lautsprecher und Transparente, die Trommeln und Trillerpfeifen einfach kein Ende nehmen wollen, scheinen das auch die Männer vor dem Milieu-Lokal zu begreifen. Die einen gehen, die anderen wechseln nach innen, wieder andere stehen unentschlossen auf. Der Betreiber stellt derweil ein Schild auf: «Kalte Büchse Bier, 3 Franken». Dann beginnt er zu verkaufen.«You don't own me» singt die amerikanische Sängerin Lesley Gore unterdessen aus einem Lautsprecher, «I'm not just one of your many toys.» Das Pop-Lied über eine Frau, die sich gegen einen besitzergreifenden Mann wehrt, stammt von 1963, Gore schrieb es mit 17. Hier kennen es alle, grölen mit, beginnen zu tanzen. Auch die Kellnerinnen des Milieu-Lokals wippen mit. Erst nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr.Schliesslich schickt der Betreiber des Hauses, dessen Adresse immer wieder im Zusammenhang mit Menschenhandel auftaucht, die Frauen nach drinnen. Während er weiter Geld für kühles Bier und einen WC-Besuch von den Protestierenden kassiert.Da gehen ein Polizist und eine Polizistin vorbei, «Dialogteam» steht auf ihren Westen. «Mache ich etwas falsch?», fragt er sie und grinst. Sie zucken mit den Schultern.Die Prozession zieht derweil weiter. «Liberté, egalité, sororité steht auf einem handgestalteten Schild. «Lieber gleichberechtigt als später» auf einem anderen.Wie jeden 14. Juni dominieren auch heuer Violett und Pink in Zürich.ALEXANDRA WEY / KEYSTONEDie selbstgemalten Schilder sind in den vergangenen Jahren zum Markenzeichen des Streiks geworden, wie hier in Zürich.Alexandra Wey / Keystone«We‘ll be less angry, if you do less shit», «Zeit, dass sich was gendert», «Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad» oder schlicht «Männer LOL». Die selbstgemalten Schilder sind in den vergangenen Jahren zum Markenzeichen des Streiks geworden. Der allergrösste Teil des Umzugs besteht denn auch (anders als etwa am 1. Mai) nicht aus Organisationen mit drögen Slogans, sondern aus ganz normalen Bürgerinnen, die in privaten Grüppchen gekommen sind.Gefordert wird dieses Mal erneut vieles: ein schärferes Vorgehen gegen Femizide, also die Tötung von Frauen aus patriarchalen Beweggründen. Bessere Löhne für Pflege- und Kita-Angestellte, Branchen, in denen vor allem Frauen arbeiten. Da und dort erklingen auch Rufe nach Revolution. Der schwarze Block, der vermummt protestierte, mutete mit knapp zwei Dutzend Personen allerdings geradezu mikroskopisch klein an.Manche der Anliegen sind sehr spezifisch: «Napoleon ist doof, ich will was über starke Frauen lernen». Andere eher grundsätzlich: «Sexismus, leck Eier!» Es gibt Wütendes: «Ich kann gar nicht so schlecht arbeiten, wie ich bezahlt werde». Fröhliches: «Viva la Vulva!». Und Erschöpftes: «Dieses Plakat ist zu klein für all den Scheiss, der falsch läuft.»Dann, plötzlich, wird die Musik leise, die Rufe verstummen. Die Tausende von Frauen setzen sich, wo sie sind, auf den Boden und schweigen zwei Minuten lang. Es ist plötzlich still auf der Langstrasse, selbst die Männer im Milieu-Lokal sagen kein Wort. Nur ein Dealer, der sich am Rand der Menge aufhält, nutzt die Gelegenheit, um sein Kokains anzupreisen. «Willst du?», fragt er einen der wenigen anwesenden Männer. Der schüttelt den Kopf.Dann steht die Menge mit einem Schrei wieder auf und läuft weiter. Immer mehr Schilder beginnen Dinge zu fordern, die direkt den Alltag auf Ausgehmeilen wie dieser betreffen: keine ungefragten Berührungen, keine Kommentare über Kleider, keine unmöglichen Schönheitsideale. «Mir wend doch nur s Bare Minimum gopfertammi!», steht auf einem Schild. Dann ist die Parade irgendwann an dieser Ecke der Langstrasse vorbeigezogen, weiter in die Stadt.Ein Mann kommt herbeigelaufen, einer der Gäste aus dem Lokal. Er grinst, erzählt von den Sprüchen, mit denen er die Demonstrierenden und speziell ihre Kinder traktiert habe. Dann sagt er etwas über die protestierenden Frauen, das so niederträchtig ist, dass wir es hier nicht wiederholen.Der Betreiber des Milieu-Lokals leert das Eis, mit dem er sein Bier gekühlt hat, schwungvoll auf die Strasse. Dann trägt er die vollen Dosen, die noch übrig sind, wieder in die Gaststube. An diesem Tag hat er nicht viel verkauft.Der Frauenstreik-Umzug dürfte gegen acht Uhr Abends zu Ende sein. Wie eine gigantische Party hat er sich durch Zürich bewegt – von der Stimmung her weniger Streik als Freudenfest. Den Grund erfährt man aus Gesprächen am Strassenrand: Das heutige Nein zur SVP-Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz, heisst es immer wieder, wolle man hier schon auch etwas mitfeiern.Passend zum Artikel
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