Simulationen machen Spaß. In ihnen wirkt die Welt auf einmal überschau- und beherrschbar. Ein paar Mausklicks und ein wenig Geduld, und schon fügen sich die Dinge – genau so, wie man sich das vorgestellt hat. Kein Wunder also, dass das Genre zu den beliebtesten gehört, vom Aufbau ganzer Zivilisationen über Traktorfahren und Transatlantikflüge bis hin zu chirurgischen Operationen werden alle nur denkbaren Aufgaben durchgespielt. Simulationen, könnte man meinen, sind so weit wie nur möglich entfernt von den unerfreulichen, mehr oder weniger reflexhaften Debatten über Sucht und Gewalt, die das Thema Gaming seit Anbeginn begleiten.Vor wenigen Wochen ging dann aber doch ein Aufschrei durch die beschauliche Simulator-Community. Da stand auf der Videospielplattform Steam ein neuer Titel namens „Plantation Simulator“ zum Download bereit. Der Name war Programm: Hier ging es um den Betrieb einer historischen Südstaaten-Plantage. Kernbestandteil des Spiels war es, die Produktivität der Plantage zu steigern. In der genreüblichen Sicht von schräg oben auf das Spielgeschehen sah man also ein weißes Männchen, das mit einer Peitsche hinter schwarzen Männchen herjagte. Die Grafik wirkte dabei wie aus den 1980er Jahren entliehen, das Weltbild eher aus den 1890ern. Es dauerte viel zu lange, nämlich mehrere Wochen, und bedurfte viel zu vieler empörter Kommentare, bis das Machwerk gesperrt wurde. Aber damit ist noch lange nicht Schluss.Kino:Tritt das Kino in die Manufactum-Phase ein?Es wird wieder mehr analog gedreht, zumindest im Blockbustersegment. Positiver Nebeneffekt: Dadurch können die Filme von Christopher Nolan nicht noch länger werden.Steam, das muss man wissen, ist die weltweit größte Vertriebsplattform für Computerspiele. Und gleichzeitig viel mehr. Nämlich ein ganzes Ökosystem, in dem Gaming zwar das Leitmotiv, aber längst nicht alles ist. Täglich kommen mehr als 30 Millionen Menschen hierher. Für viele von ihnen ersetzt Steam andere soziale Netzwerke. Hier diskutieren sie nicht nur über Spiele, hier formen sich Gemeinschaften und Identitäten, es gibt Nutzerprofile, Foren und Chats. Vertrieben werden via Steam nicht nur die üblichen AAA-Titel, sondern immer häufiger auch sogenannte Indie-Games, die teilweise von Einmannbetrieben entwickelt werden. Zehntausende dieser Mini-Spiele gibt es auf Steam, sie machen inzwischen beinahe die Hälfte des jährlichen Umsatzes von immerhin 17 Milliarden US-Dollar aus.Womöglich steckt nur ein Troll hinter dem Spiel, sagen Kenner der Plattform.Nach zahlreichen Beschwerden und der Befürchtung, dass auf dieser globalen Plattform nun Sklaverei und rassistische Gewalt normalisiert werden, regt sich jetzt sogar die Bundesnetzagentur. Die deutsche Behörde ermittelt, ob Steam mit seiner trägen Vorgehensweise gegen den Digital Services Act verstoßen hat. Das seit 2024 EU-weit gültige Gesetz sieht unter anderem vor, dass Online-Plattformen leicht zugängliche Verfahren zur Meldung möglicher rechtswidriger Inhalte bereitstellen und diese Meldungen unverzüglich zu prüfen haben. Nach der Löschung des Spiels habe sich die Angelegenheit nicht erledigt, da „Ziel nicht die Entfernung eines bestimmten Inhalts ist, sondern die Klärung, ob Steam seinen Sorgfaltspflichten nachkommt“, sagt die Behörde. Die möglichen Sanktionen: Verwarnungen und Bußgelder.Kino:Wie sexy ist es, Großmutter zu werden?In der Komödie „Lol 2.0“ spielt Sophie Marceau eine Frau, die noch nicht bereit ist für Enkelkinder. Ein Feelgood-Film, der diesen Namen wirklich verdient.Ganz schön viel Aufregung also. Hinter „Plantation Simulator“ steckt ein Steam-Account namens „FzzyBzzy“. Womöglich nur ein Troll, sagen Kenner der Plattform. Die anderen Spiele, die der Nutzer noch anbietet, lassen zumindest diesen Schluss zu. Hier geht es um Zombies und Femboys und große Brüste. Schlechter Geschmack zweifelsohne, aber kaum justiziabel. Folgt man dieser Lesart, hat der Plan funktioniert: maximale Aufmerksamkeit und Empörung sind das erklärte Ziel dieser Art von Rage Bait. Wäre es dann nicht besser gewesen, so lautet schließlich die allgemeine Empfehlung im Umgang mit Trollen, den Provokateur zu ignorieren?Dagegen spricht, dass die Steam-Community nicht zum ersten Mal durch fragwürdige Ideologien aufgefallen ist. 2024 veröffentlichte die Anti-Defamation League einen Report, der dem Portal attestierte, „voller Extremismus und Antisemitismus“ zu sein. 2021 schrieb das Institute for Strategic Dialogue, ein britischer Think Tank, von einer „fest verwurzelten und langjährig etablierten rechtsextremen Szene“, die Vermutung liege nahe, dass die Plattform auch zur gezielten Rekrutierung eingesetzt werde. Ein paar Jahre zuvor ließ die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein zahlreiche verfassungsfeindliche und volksverhetzende Inhalte auf Steam sperren.Kam mit „Plantation Simulator“ also die hässliche Fratze des Extremismus an die Oberfläche, ist es Zeit für eine handfeste moralische Panik? Nein. Aber vielleicht ist die Episode ein überfälliger Hinweis darauf, dass die Online-Öffentlichkeit nicht nur aus dem leicht zugänglichen InstaFacebookTiktok-Mainstream besteht. Steam ist für viele, zumeist jüngere Menschen, integraler Bestandteil ihres digitalen Daseins. Gerade deshalb hätte sich ein genauerer Blick schon viel früher gelohnt.
Gaming-Skandal „Plantation Simulator“: Heute spielen wir Sklavenhalter
Im Indie-Game „Plantation Simulator“ sah man Spielfiguren mit Peitsche hinter schwarzen Männchen herjagen. Jetzt ermittelt die Bundesnetzagentur gegen die Plattform Steam.











