Es ist eine Eselsbrücke aus dem Geschichtsunterricht wie „753 – Rom schlüpft aus dem Ei“. Britische Schulkinder merken sich das Schicksal der sechs Frauen von König Heinrich VIII., der im 16. Jahrhundert regierte, mit dem Spruch „Divorced, beheaded, died, divorced, beheaded, survived“, also „geschieden, geköpft, gestorben, geschieden, geköpft, überlebt“. Die Lebensgeschichten von Katharina von Aragon, Anne Boleyn, Jane Seymour, Anna von Kleve, Katherine Howard und Catherine Parr verschwinden hinter diesen Schlagworten allerdings völlig. Dabei waren die „Six Wives of Henry VIII“, die erstmals bei der viktorianischen Historikerin Agnes Strickland eine kohärente Gruppe wurden, alles andere als Fußnoten in der Geschichte Großbritanniens.Gerechtigkeit in Sachen Aufmerksamkeit lässt den „Six“ seit nun bald zehn Jahren das gleichnamige Musical widerfahren, das die Geschichte der sechs Königinnen auf gewitzte Weise als Show einer royalen Girlgroup erzählt und damit zu einem der international größten Bühnenerfolge der vergangenen Jahre geworden ist, der nun erstmals auch in Frankfurt aufgeführt wird.Dass „Six“ einmal Millionen Zuschauer in die Theater locken, auf Jahre im Londoner West End und am Broadway gespielt, mit allen möglichen Theaterpreisen und Goldenen Schallplatten ausgezeichnet und vor allem virale Trends auf Tiktok und auf Youtube auslösen würde, hätte 2017 im Konferenzraum eines Hotels in Edinburgh niemand gedacht. Denn dort führte eine Studentengruppe während des berühmten Fringe Festivals in der schottischen Metropole die Urversion von „Six“ auf.Die sechs Königinnen wurden zur PopgruppeGewiss, die Studenten kamen von der Eliteuniversität Cambridge und die Cambridge University Musical Theatre Society hatte für die Finanzierung der Produktion gesorgt, doch standen für diese Produktion nicht etwa professionelle Autoren und Komponisten, sondern in Toby Marlow und Lucy Moss zwei Studenten praktisch ohne jede Erfahrung. „Wir hatten anfangs nur das lose Konzept, die sechs Königinnen als Popgruppe auftreten zu lassen. Die Theater- und Comedy-Szene in Cambridge ist schon noch männlich dominiert, und wir wollten dem eher spaßeshalber ein sehr weibliches Projekt entgegensetzen und damit die Talente unserer Freunde vorführen“, erinnert sich Toby Marlow, der sich selbst als transfeminine, nichtbinäre Person identifiziert, an die Bewerbung für die Produktionsmittel, die ihnen zu ihrer Überraschung auch gewährt wurden.Toby MarlowMojaMarlow und Moss waren zwar befreundet, hatten vorher aber noch nie zusammen etwas geschrieben oder komponiert, was den späteren Erfolg noch unwirklicher erscheinen lässt. Doch die Musen waren den beiden gewogen, und in gerade einmal zehn Tagen waren das Stück und die Musik geschrieben. Und auch der Zufall war auf ihrer Seite. Denn unter den zahllosen Veranstaltungen des mehrwöchigen Fringe Festivals wählten die aus London angereisten Theaterproduzenten Wendy und Andy Barnes just „Six“ für einen Besuch aus und waren so begeistert, dass sie das Stück auch ihren Kollegen Kenny Wax und George Stiles empfahlen und schließlich beschlossen, dass dieses Musical einer professionellen Produktion wert wäre.Lucy MossKayt WebsterDas Augenmerk galt dabei vor allem der Ausstattung. Emma Bailey entwarf dafür ein Set, das sowohl an das Interieur einer Casting-Show oder eines Talentwettbewerbs erinnert, mit den stilisierten Fassaden von Tudor-Häusern aber auch auf das 16. Jahrhundert verweist, jene Zeit, in der Heinrich und seine sechs Frauen lebten. Diese Zeit und damalige Moden finden auch Ausdruck in den Kostümen von Gabriella Slade, die sich bei ihren Entwürfen sowohl von Gemälden etwa in der National Portrait Gallery in London, die die Königinnen zu Lebzeiten abbilden sollen, als auch von den Texten der Lieder im Musical hat inspirieren lassen. Binnen eines Monats hatte sie das Design für die unterschiedlichen Kostüme fertig, die auch die jeweiligen Charaktere der sechs Königinnen unterstreichen sollen.Inspiriert vom Auftreten von in Großbritannien bis heute immens populären Girlgroups wie die Spice Girls, messen sich die Protagonistinnen in „Six“ wie bei einem Sangeswettstreit. Bei dem soll deutlich werden, welche von ihnen das schlimmste Schicksal unter Heinrich zu erleiden hatte. Für diesen Wettstreit haben Marlow und Moss, die sich mit Jamie Armitage auch die Regie teilt, eingängige Popsongs wie „Don't Lose Ur Head“ oder „All You Wanna Do“ geschaffen, die live von einer rein weiblichen, gleichfalls in Kostüme gewandeten Band gespielt werden und ein geeignetes Vehikel für die geistreichen Texte sind, in denen die Königinnen ihr Leben und auch die Zeitläufte Revue passieren lassen. Die Texte folgen dabei den historischen Fakten und zeigen etwa bei „Haus Of Holbein“ auch noch wunderbares Zeitkolorit, war der aus Augsburg stammende Hans Holbein der Jüngere doch Hofmaler Heinrichs.Gesangliche Vorbilder, oder „Queenspirations“, sind den Six bei dieser vertonten Geschichtsstunde dabei aber nicht etwa die Spice Girls oder andere Girlgroups, sondern wahre Popköniginnen. So orientiert sich Katharina von Aragon an Beyoncé und Shakira, Anne Boleyn hat Avril Lavigne und Lilly Allen als Vorbilder, Jane Seymour Adele und Sia, Anna von Kleve schaut auf Rihanna und Nicki Minaj, Katherine Howard auf Ariana Grande und Britney Spears, und Catherine Parr ist von Alicia Keys und Emeli Sandé inspiriert.Die Palette der „Queenspirations“ könnte dabei durchaus neu gemischt werden, wissen Marlow und Moss. Popgeschmäcker ändern sich, und damit auch weibliche Idole. Ihnen geht es darum, starke Frauen auf der Bühne zu präsentieren und zu zeigen, dass Geschichte nicht nur von Königen, sondern auch von den Frauen an ihrer Seite geschrieben wurde und wird.„Six“ wird von 18. bis 28. Juni in der Alten Oper Frankfurt aufgeführt. Weitere Aufführungen gibt es von 30. Juni bis 12. Juli im Capitol Theater Düsseldorf sowie von 14. bis 26. Juli im Admiralspalast Berlin.